Katja Kullmann
Ausgabe 2214 | 31.05.2014 | 06:00 3

Ein Herz für Singles: Flohmarktglück

Die Konsumentin Ja, das Geldausgeben kann richtig glücklich machen. Vor allem, wenn man wenig ausgibt – dafür aber seltene Schätze bekommt.

Ein Herz für Singles: Flohmarktglück

Illustration: Otto

Manche Menschen hören oder lesen das Wort Single und verfallen sofort in Mitleidsstarre. Sie denken, dass Singles nichts Richtiges sind. Eine niedrige Entwicklungsstufe. Bloß die Vorform des Eigentlichen. Aber ich: Ich habe ein Herz für Singles. Und da mein Herz groß ist, passen sehr viele hinein. Um die 600 habe ich schon bei mir aufgenommen. Nicht alle auf einmal natürlich. Schön nach und nach, über die Jahre.

Das ist ein recht emotionaler Einstieg für eine knallharte Kapitalismuskolumne, ja, ja. Aber keine Sorge, es geht auch diesmal wieder ums Geldausgeben. Allerdings um wenig Geld – dafür um große Gefühle. Im Grunde geht es um das, was die israelische Premium-Soziologin Eva Illouz einmal den Konsum der Romantik nannte. Neulich hielt ich jenes Buch aus dem Jahr 2003 mal wieder in den Händen. Und mir fiel auf, dass ich selbst eher dem Gegenteil anhänge, der Romantik des Konsums.

Bei mir haben sie es nämlich gut, die Ausgemusterten und Angeschlagenen. Bei mir bekommen sie ein nettes Eckchen freigeräumt, da können sie ausruhen. Manchmal lasse ich sie sich auch austoben. Auch Singles haben ja einiges drauf, das wird oft übersehen. Sie brauchen nur jemanden, der sie entsprechend antitscht. Gelegentlich führe ich sie aus, in eine Bar oder einen Club, da dürfen sie ein bisschen rotieren. Singles mögen schummriges Rotlicht, das erinnert sie an die guten alten Zeiten.

Das Wichtigste: Ich höre ihnen wirklich, wirklich zu. Und überhaupt: Ich akzeptiere sie auch in ungewaschenem Zustand. Was soll’s. Ihr Äußeres ist mir nicht so wichtig. Es darf ruhig fleckig sein. Haben wir im Laufe unseres Lebens nicht alle den einen oder andern Kratzer abgekriegt? Auf die inneren Werte kommt es an, n’est-ce pas?

Noch nie habe ich mir Singles im Internet bestellt. Es gibt dort ja Plattformen. Wo man Suchmuster eingeben, Eckdaten erfragen, „optimale Ergebnisse erzielen“ kann. Nichts für mich! Die Effizienzhektik ringsum kann mich mal an den Fußsohlen küssen, und zwar da, wo immer zuerst die juckenden Bläschen kommen, wenn man sich zu lange in einem prekären Stadtteilhallenbad aufgehalten hat. Die Internetbestellung von Liebe lehne ich kategorisch ab, dazu bin ich zu elegant, auch von innen. Ich setzte voll auf die Magie des Zufalls.

Wo wir uns schon überall begegnet sind: in unbeheizten Garagen und unter vollgepinkelten S-Bahn-Bögen, in Wohnungsauflösungsgerümpelshops und feinst sortierten Fachgeschäften. Sehr oft, allermeistens sogar, auf Flohmärkten, die ja generell unterschätzt werden, in vielerlei Hinsicht.

Wie neulich am Tiergartenflohmarkt zu Berlin: Wieder einmal kroch ich in der Froschschenkelhocke über den staubigen Boden, die Knie am Knirschen, so, wie ich meine Samstage am liebsten verbringe. Wieder einmal blätterte ich durch eine dieser klammen, nach Pelztierkadavern riechenden Kisten, durch einen dieser völlig fertigen Kellerkartons, in denen sie herumzuliegen pflegen: Roy Black neben Boy George, Hazy Osterwald neben Cher, und immer wieder: Abba. (Alle vier Schweden waren erst miteinander verheiratet – und dann? Na? Geschieden!)

In jener armseligen Umgebung entdeckte ich sie: Big Mama Thornton, auf dem rotem Peacock-Label. I smell a rat – ein Wahnsinnssong aus dem Jahr 1954, Originalpressung! Ein gräulicher Schleier lag auf ihr, sie glänzte kein bisschen. „Hallo, Baby“, hauchte ich. Sie sagte, sehr leise: „Miau.“ Bis zu 50 Euro würden manche wohl für sie bezahlen, bei Ebay, via Paypal, blablabla. Ich warf dem Kellerkistenverscherbler kaum erwähnenswerte 50 Cent rüber. Jetzt wohnt sie bei mir. Alle paar Tage ziehe ich jetzt die Vorhänge zu, drücke meine Nadel in ihre Ritzen, und ey: Dann gehen wir ab wie Sau.


AUSGABE

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/14.

Kommentare (3)

Verwendungszweck 31.05.2014 | 12:40

Ich werde immer etwa reserviert bei Sängern, die ihre Stimme extra-rau machen, wie auch bei Sängern, die ihre Stimme extra-soulig machen, wie all diese DSDS-Drosseln, oder sonst wie extra, da könnte ich auch gleich in die Oper. Bei Big Mama Thornton gewinnt die Stimme etwas durch das unkonventionelle Äußere an Authentizität -- zugegeben eine schwierige Kategorie, aber ich kann nichts dafür.

Am liebsten sind mir auch beispielsweise bei Dizzy Gillespie Stücke wie Jambo (https://play.spotify.com/track/2yvyl36T8Y4aLebM4oa8UE) bei denen er unverstellt singt und mit der Flöte zusammen extra-schön Trompete spielt.

Singles scheint's bei Spotify gar nicht zu geben. Auch in meinem Plattenschrank sind die sehr selten, weil sie mir immer zu teuer waren und die gebrauchten zu abgenudelt. Ich bin voll und ganz ein MP3-Jünger. Der Plattenspieler für mich die neue Ming-Vase, mehr ein äußeres Zeichen als nützlich.

Richard Zietz 01.06.2014 | 12:55

Ja, Singles haben schon was ;-). Haptisch gesehen auf jeden Fall. Rein musikalisch sind sie aber auch nicht ohne. Ein Refugium für gute, vergessene Musik ist das Internet. Was zusätzlich mittlerweile auch eine musikenzyklopädische Komponente hat. Beispiel: dieses vergessene Juwel hier – Britt Hagen, Sag Adieu aus dem Jahr 1961. Sängerin: vergessen, offensichtlich ein Ein-Hit-Wunder. Zeigt allerdings, dass die Unterhaltungsmusik auch in der Nylonstrumpfära weitaus vielfältiger war, als man zunächst annehmen würde – gemeinhin denkt man ja, die Knef habe das deutsche Easy Listening fast im Alleingang erfunden.

Noch ein Wirtschaftswunder-Swingtitel made in Germany: Mona Baptiste, Chanson d’amour, 1958. Politisch könnte man zu alldem sagen: Jaja, wir hatten schon eine immens vielfältige Kultur, wir Westler anno 2015, vor dem großen Crash. Rein pragmatisch ist dazu zu sagen: Popkulturell läuft der Freitag fast auf Nullniveau, respektive: ohne Rolling Stone, Dynamo Magazine und andere Fach-Nachhilfe kommt man da nicht hin. Ein Anlass vielleicht, mindestens im Online-Bereich etwas gegenzusteuern.