Katja Kullmann
Ausgabe 0614 | 10.02.2014 | 13:40 1

„Fetische gehören dazu“

Im Gespräch Frauen und Arbeit: Tatjana Turanskyj über ihren neuen Film „Top Girl“, der in der Sex-Branche spielt

Der Freitag: Gleich vorweg ein Kompliment. Wenn man „Top Girl“ gesehen hat, kommt man ziemlich verstört aus dem Kino. In der Schlussszene liegen vier Frauen nackt auf einer Lichtung, wie abgeschossene Rehe – drumherum stehen fünf Männer mit Gewehren und singen das Lied vom Jäger aus Kurpfalz. Das ist also Ihr Kommentar zum Stand des Geschlechterkampfs?

Tatjana Turanskyj: Es ist eine stark stilisierte Szene. Die Männer haben die Frauen gejagt, in einer Sex-Spiel-Performance, outdoor, im Wald. Solche Jagden soll es tatsächlich gegeben haben, etwa nach dem Ersten Weltkrieg in Uruguay. Ex-Soldaten, auch deutsche, haben den Einheimischen Jungfrauen abgekauft und sie zu Tode gehetzt. Alain Robbe-Grillet hat darüber geschrieben. Im Film sind die Frauen „erlegt“, aber nicht tot. Sie liegen als Beute vor den Freiern, die im wahren Leben Werbetexter oder Versicherungsmakler sind. Aber es geht mir nicht darum, Männer nur als Täter vorzuführen. Die Frauen haben durchaus Macht. Sie haben dieses Spiel inszeniert, sie manipulieren oder beherrschen als Sex-Arbeiterinnen die Fantasien ihrer Kunden.

Tatsächlich agieren die „Top Girls“ in Ihrem Film als ihre eigenen Ich-AGs. Sie führen ihre sexuellen Geschäfte und wirken dabei in etwa so abgekocht – aber auch so erschöpft – wie ihre männliche Kundschaft.

Was ich generell interessanter finde als den Unterschied zwischen Männern und Frauen, ist etwas, das beide betrifft: der Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Emanzipation. Der lässt sich gut an der aktuellen Quoten-Debatte ablesen.

Inwiefern?

Ich bin klar für die Quote. Ich glaube, dass sie ein wichtiger Schritt ist. Es geht darum, dass Frauen den gleichen Zugang zu Geld und Macht erlangen und dass sie sich meinetwegen auch jüngere Liebhaber nehmen können, wie Männer es tun. Das ist ein wichtiges Etappenziel. Aber es bedeutet nicht, dass wir damit in einer besseren Welt leben. Denn diese Art von Gleichberechtigung geschieht innerhalb eines paternalistischen Systems – das auch Männer knebelt. Die Emanzipation will viel mehr, sie hat einen utopischen Kern. Da geht es um die Befreiung aus autoritären Strukturen, für beide Geschlechter. Frauen können so machthungrig oder gierig sein wie Männer – die Quote würde da als Erkenntisbeschleuniger helfen. Einflussreiche Frauen wie Sheryl Sandberg oder Ursula von der Leyen betrachte ich inhaltlich mit großer Skepsis. Aber ihr Rollenspiel ist hervorragend

Das „Rollenspiel“ führt uns zurück zu „Top Girl“: Bei dem Bezahl-Sex im Film werden die Rollen ständig getauscht. Die Freier legen ihre Businessanzüge ab und zwängen ihre Füße in Stöckelschuhe, während die Heldin Helena sich einen künstlichen Penis umschnallt und ihren Lieblingskunden penetriert.

Ich wollte auf keinen Fall einen sogenannten Milieufilm drehen. Die Sex-Agentur, in der Helena arbeitet, ist ein Loft mit großen Glasfronten über dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte. „Nicht authentisch“, hieß es von manchen. Aber darum geht es mir gar nicht. Ich wollte eigene, auch formal strenge Bilder für diese Art von Geschäftsbeziehungen finden. Natürlich habe ich viel recherchiert. Und demnach haben Fetisch-Praktiken stark zugenommen, in allen Schichten. Ich verurteile das nicht. Sexualität hat heute nicht nur mit einer bestimmten Körperlichkeit zu tun, sondern auch mit Mindfucks aller Art. Als Künstlerin arbeite ich mit diesen Fantasien.

Fast wirkt es in Ihrem Film so, als ob da ein riesiges Hetero-Sex-Theater aufgeführt wird, als ob Männer und Frauen sich gegenseitig karikieren, in den Kostümen des jeweils anderen.

Das ist eine interessante Beobachtung. Da ist was dran.

„Top Girl“ ist Ihr zweiter Film zum Thema „Frauen und Arbeit“. Im Vorläufer, „Die flexible Frau“, ging es um eine prekäre Architektin aus dem Hipster-Milieu. Ist die Prostitution aus Ihrer Sicht ein normaler Beruf?

Es gab ja gerade diese große Prostitutionsdebatte, die Alice Schwarzer losgetreten hat. Viele Frauen empfanden Schwarzers Thesen als bevormundend und sexistisch, das kann ich nachvollziehen. Die Helena in Top Girl hat keinen Zuhälter, sie begreift sich als selbstbestimmt und frei. Solche Sex-Arbeiterinnen gibt es, sogar viele. Aber ich habe bei der Recherche auch ganz andere Geschichten gehört, da ist nichts zu beschönigen. Trotzdem bin ich gegen ein Verbot der Prostitution. Das würde die Frauen zu etwas machen, was sie nicht sind, Kriminelle. Aber man kann auch nicht leichthin sagen, Sexarbeit sei ein Beruf wie jeder andere. Interessanter wäre ohnehin eine Debatte über Körperlichkeit und Intimität im fortgeschrittenen Kapitalismus.

Déformation professionelle“ lautet der Film-Untertitel. Wo-ran macht sich diese Deformation fest, etwa bei Helena?

Ich wollte vor allem eine gewisse Normalität abbilden. Meine SexArbeiterin Helena hat ein Kind. Sie ist Deutsche und arbeitet oft von zu Hause aus. Eigentlich ist sie Schauspielerin, eine aus der dritten Reihe, die früher mal in einer Soap mitgespielt hat. Aber das läuft eben nicht mehr. Ich will das „Huren“-Bild nicht nur entstigmatisieren, sondern auch entromantisieren. Die Deformation besteht darin, dass Helena in der Sex-Branche Karriere macht, indem sie etwa diese Frauen-Jagd für ihren Hauptkunden organisiert. Die Affirmation der Frau als Beute, der Verrat an ihrem eigenen Geschlecht ist die Voraussetzung für ihren Erfolg.

Auch eine Schönheitschirurgin kommt im Film vor, sie wirbt für Schamlippenstraffungen.

Ja, sie benutzt die Errungenschaften der Frauenbewegung als Werbeargument, spricht von Selbstermächtigung und davon, dass Frauen heute „selbst entscheiden“ könnten, was sie „für sich“ tun wollen. Das ist eine Schein-Emanzipation, eine dieser post-feministischen Rhetoriken. Die Chirurgin ist die Schwester der selbstbestimmten Sex-Arbeiterin. Dieser „Anything-goes“-Gedanke ist Teil einer affirmativen Dienstleistungskultur. Es gibt Frauen, die daraus einen Gewinn ziehen können. Viele andere werden dadurch wieder zu Verliererinnen.

Die gescheiterte Schauspielerin in der Sex-Branche – zuvor die abgebrannte Architektin im Callcenter: Sie werfen einen recht pessimistischen Blick auf die Frau im Postfordismus.

Das stimmt. Vor allem interessieren mich die Widersprüche. Es sind immer Außenseiterinnen der Mittelschicht in meinen Filmen. Diese Abstiegsgeschichten sind in den Großstädten heute doch fast der Normalfall. Und sie treffen eben auch viele Frauen. Was interessant ist, weil Frauen noch gar nicht so lange berufstätig sein „dürfen“. Es trifft auch Helenas Mutter Lotte, eine Alt-68erin, einst eine gefragte Jazz-Sängerin. Heute gibt sie Gesangsunterricht und verkauft Klamotten bei eBay. Aber sie gehört eben einer anderen Generation an, auch einem anderen Feminismus. Sie lebt vielleicht ganz entspannt von Hartz IV und verliebt sich in einen jüngeren Schüler.

Haben Sie für den dritten Teil Ihrer Filmreihe schon eine bestimmte Berufsgruppe im Sinn?

Ja. Es wird sich um zwei PR-Agentinnen drehen. Die sind beauftragt, für das Berufsbild „Weibliche Soldaten“ zu werben.

Da ist er wieder: der Von-der-Leyen-Faktor.

Das Drehbuch gab es schon vor ihrem neuen Militärposten! Im Ernst: Ich glaube, Soldatinnen haben eine große Zukunft. Drohnen sind doch nichts anderes als herumfliegende Penisse. Die müssen betreut werden. Ich denke: Da werden die angeblichen „Soft Skills“von Frauen wieder ganz stark ins Spiel kommen.

Das Gespräch führte Katja Kullmann.

 

Tatjana Turanskyj hat Soziologie, Literatur- und Theaterwissenschaft studiert und als Werbetexterin gearbeitet, bevor sie begann, hochfeministische Filme zu drehen

 

„Top Girl“: Die Frau als Ware

Film Top Girl ist das zweite Werk der feministischen Filmemacherin Tatjana Turanskyj. Sie arbeitet an einer Trilogie zum Thema "Frauen und Arbeit"


Julia Hummer spielt die Hauptrolle in Top Girl. Déformation Professionelle, dem neuen 90-Minuten-Werk der Feministin und Filmemacherin Tatjana Turanskyj. Bei der Berlinale wird der Film jetzt erstmals gezeigt, im Internationalen Forum des Jungen Films. (11., 12., 14. und 15. Februar). Erzählt wird die Geschichte von Helena, einer 29 Jahre alten gescheiterten Schauspielerin und alleinerziehenden Mutter, die ihr Geld als Sex-Arbeiterin namens „Jacky“ verdient. Spezialisiert hat sie sich auf Rollen- und BDSM-Spiele, auf Erotik-Inszenierungen, die um Dominanz und Unterwerfung kreisen. Dabei tritt sie meist als Catwoman-Verschnitt auf.Immer wieder versucht Helena, über ein Casting vielleicht doch wieder einen Fuß ins Filmgeschäft zu kriegen. Aber als sie dann bei einem Vorsprechen von zwei TV-Produzentinnen aufgefordert wird, in einer „Prosecco-Strang“-Szene eine „notgeile“ Frau zu spielen, sabotiert Helena die Szene, aus Trotz, Wut und Ekel. Umso besser laufen „Jackys“ reale Sex-Geschäfte. Für ihren Stammkunden, David (gespielt von RP Kahl), organisiert sie eine Frauenjagd im Wald, als Prämie für besonders fleißige Versicherungsvertreter.
Turanskyjs Film lässt sich wie eine Analyse des Warencharakters des weiblichen Körpers lesen. Und wie eine Parabel auf den Postfordismus und seine individualisierten, subjektivierten Erwerbsverhältnisse. Top Girl ist der zweite Teil einer Film-Trilogie zum Thema „Frauen und Arbeit“. 2010 brachte Turanskyj den Spielfilm Die flexible Frau heraus, das Drehbuch für den dritten Teil ist schon geschrieben. 

  

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/14.

Kommentare (1)

Daniel Uxa 11.02.2014 | 12:00

Was unterscheidet die Arbeit als Prostituierte von der im Callcenter bzw. wo sind die Gemeinsamkeiten? Das ist eine sehr interessante Fragekonstellation mit gewisser Brisanz. Meiner Ansicht nach kann die aktuelle Debatte um Sexarbeit, Gleichberechtigung und Feminismus auch aus einer Sichtweise geführt werden, die mir bisher im Diskurs kaum begegnet ist. Und möglicherweise ist dies auch so gewollt. Betrachtet man die Verhältnisse in unserer Gesellschaft aus der Ökonomischen, sind wir spätestens mit der Globalisierung von einem Gesellschaftswandel der Ökonomisierung erfasst, der immer weiter und weiter in alle Bereiche vordringt. Dieser Fakt ist schon alt und oft durchgekaut, fehlt mir aber gerade jetzt wieder. Wie wird eine Geschlechterdebatte betroffen, wenn die Gesellschaft insgesamt verwirtschaftlicht? Man kann die beschriebenen Auswüchse der Sexarbeit auch nüchtern als endgültige Konsequenz der mit der Ökonomisierung einhergehenden Selbstoptimierung begreifen, deren Kosten-Nutzen-Rechnung bzw. Wertbetrachtung der menschlichen Arbeitskraft als das Optimum der Dienstleistungskultur darstellt. Wenn die Arbeistwelt sich insgesamt in eine verwandelt, in der ich Arbeitskraft und Dienstleistung bedingungslos verkaufen muss (weil Prekarisierung, Niedriglohn und steigende Lebenshaltungskosten mich zur Lohnarbeit in jeder Form zwingen), und zwischenmenschliche Interaktion nur noch ökonomisiert betrachtet wird, dann scheint "Sex gegen Geld" die "wirtschaftlich ergiebigste" Form der Lohnarbeit zu sein. Pispers hat das mal satirisch dargestellt, ist jedoch schon ewig her ...

Unsere Arbeitswelt schafft viele Formen der Unterdrückung, beidergeschlechtlich, wie im Artikel erwähnt. Arbeit im Callcenter (zu der man vom arbeitsamt gezwungen wird) kann sich auch wie Prostitution anfühlen - nur für 900€ im Monat, statt pro Nacht. Prostitution aus ökonomischem Zwang.

Leider ist Frau Schwarzer bisher darauf nicht eingegangen. Ich wüsste auch gern, wie die Frau zum Mindestlohn steht.