Gedanken zur Umtauschquote

Die Konsumentin Ungeliebte Geschenke werden umgetauscht, verkauft oder weggeworfen. Vielleicht sind Gutscheine oder Geldpräsente gar nicht so verkehrt
Ausgabe 02/2015
Schenken sei eine „Form von sozialer Kommunikation“, meint Holger Schwaiger
Schenken sei eine „Form von sozialer Kommunikation“, meint Holger Schwaiger

Foto: Peter Macdiarmid/Getty Images

Diesmal habe ich Glück gehabt. Kein Umtausch- oder gar Entsorgungsstress hat sich mir aufgedrängt; kein Kaufhaus, keine Boutique, keine Resterampe habe ich von innen gesehen; kein Retourenvorgang hat mir die kostbaren Tage rund um Silvester verdorben. Sauber, jung und unbeschwert konnte ich ins neue Jahr starten. Denn diesmal habe ich nur Dinge geschenkt bekommen, über die ich mich freue, Gegenstände, die mir auf Anhieb gefallen, oder solche, die ich mir explizit gewünscht habe.

Beziehungsweise bekam ich von mancher Seite auch einfach: nichts. Also: gar nichts. Auch das war nun eine neue Erfahrung für mich, und eine hochinteressante. Für jemanden, den man einigermaßen zu kennen glaubt, aufmerksam das eine oder andere auszusuchen, nichts Superteures (woher denn?), aber eben etwas, was genau zu den Interessen des anderen passen könnte und es mit Herzchen zu verpacken – und in dem Moment, da man es dem anderen überreicht, nichts als ein von Peinlichkeit berührtes, darum durchaus mürrisches: „Oh, äh, danke. Tja, ich hab‘ jetzt aber nichts für dich ...“ entgegengestottert zu bekommen: Das ist in der ersten Sekunde eine Art Schock, ein Sozialschock, möchte ich mal sagen, und vermutlich für beide Seiten. Aber schon in der zweiten Sekunde ist es super. Denn ebenjene Szene klärt in einem radikalen Wisch, so überdeutlich, wie nur eine Showdown-Szene in einer schmierigen Vorabendserie es kann, wo und wie man so zueinander steht. Der eine denkt an den anderen – der andere aber nicht an den einen. Weitere Beziehungsgespräche unnötig, schlagartig ist beiden Seiten klar: „Mei, das war wohl ein Missgriff, hier, mit uns beiden.“

Ja, ja, ich weiß, was Sie jetzt denken: „Baaah, nun ist Weihnachten endlich vorbei, und diese Tante fängt schon wieder damit an! Und heult auch noch!“ Ich verstehe Ihren Ärger. Eben weil das alles so fürchterlich ist, bin ich ja selber froh, dass es nun für elfeinhalb Monate erst mal wieder vorbei ist. So froh! („Ach, macht doch nichts!“, flötete ich dem verstockten Vollpfosten zu, dem bräsigen Nullinger, der meine geilen Geschenke abgriff, ohne auch nur ein dürres Fichtenzweiglein für mich gepflückt zu haben. „Nicht schlimm“, sang ich, „unsere Zuneigung gründet doch nicht auf kapitalistischen Tauschspielchen, mein Bester!“ Kaum hatte er sich dann verzogen, mit seiner Beute, rief ich einen anderen an und bin nun wieder sehr sehr sehr, also wirklich supersehr glücklich.)

Worauf läuft dieses Lamento hinaus? Auf die jüngsten Meldungen aus dem Einzelhandel natürlich! Die nachweihnachtliche Umtauschquote sei in dieser Saison so niedrig wie seit Jahren nicht mehr gewesen, hieß es in den vergangenen Tagen. Was womöglich daran liege, dass die Menschen neuerdings mehr Gutscheine verschenken. Oder sogar Bargeld, nach dem Motto: „Kauf dir mal was Schönes!“

Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Verschenken von Geld riskant. Das sagt jedenfalls Holger Schwaiger, Soziologe an der Universität Erlangen und Autor des Buches Schenken. Entwurf einer sozialen Morphologie aus Perspektive der Kommunikationstheorie. Das Schenken sei tatsächlich „eine Form von sozialer Kommunikation“, gab Schwaiger in Interviews zu Protokoll. Und er führte aus: „Wenn ich jemandem 50 Euro schenke, wird meine Beziehung zu diesem Menschen auf den Gegenwert von 50 Euro festgelegt. Was heißt es aber, wenn unsere Beziehung 50 Euro wert ist? Ist das viel oder wenig?“ Angesichts des unlängst erlittenen Präsenteschocks würde ich, ganz subjektiv, sagen: „Nun, 50 Euro sind immer noch besser als: nichts!“

In anderen Kulturkreisen, bei türkischen Hochzeiten oder beim jüdischen Chanukkafest etwa, ist das Verschenken von Geld übrigens eine alte, liebe Tradition. Tja. Mehr als das habe ich gerade leider nicht auf Lager.

Katja Kullmann schreibt in ihrer Kolumne Die Konsumentin über Lust und Last des Geldausgebens

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Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin

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