Große Gefühle im Griechenlandurlaub

Die Konsumentin Der Tourismus trägt zu über 16 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung bei. Also auf in die solidarischen Ferien?
Katja Kullmann | Ausgabe 30/2015 2
Große Gefühle im Griechenlandurlaub
Knapp 2,5 Millionen Deutsche bereisen jährlich Griechenland

Foto: Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

Zwei Menschen kenne ich, die als Urlauber die kommenden Wochen in Griechenland verbringen. Eine Freundin buchte zum Höhepunkt der Grexit-Spekulationen Anfang Juli einen Flug nach Athen. „Ich war noch nie dort, und es wäre ja spannend, wenn die Währungssache da unten crasht“, sagte sie. „Wie das wohl wird, für die Menschen dort? Und für eine Besucherin aus Deutschland?“

Nun herrscht der Euro immer noch, die griechischen Banken haben den Betrieb am Montag wieder aufgenommen, ein Bürgerkrieg ist vorerst ausgeblieben. Dafür ist die Freundin von der hiesigen Sonne schon so gebräunt, dass sie glatt als Griechin durchgehen kann. In wenigen Tagen wird sie also zu ihren „solidarischen Ferien“ aufbrechen, und jede Portion Tsatsiki, die sie verzehrt, jede Ansichtskarte, die sie verschickt, jeder Strohhut, jedes Muscheldöschen, das sie zum Andenken erwirbt, wird ein politisches Ding sein – findet die Freundin.

Womöglich hat sie damit sogar recht. Der Tourismus trägt zu über 16 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung bei, ist tatsächlich eine entscheidende Schraube der griechischen Ökonomie. Unter den jährlich gut 22 Millionen Griechenlandbesuchern stellen Deutsche mit knapp 2,5 Millionen die größte Gruppe.

Ein Freund aus Norddeutschland – er trägt in den warmen Monaten gern weiße Baumwollhemden und -hosen mit hochgekrempelten Ärmeln und Beinen, seine Sommerfüße stecken strumpflos in Ledermokassins – ist seit Jahren Stammgast in Griechenland. Immer zum September hin verzieht er sich für 20 Tage in die Ägäis. Diesmal will er sich die Kykladen ansehen. Er hat ein Inselhopping geplant, von Koufonissi nach Donoussa und wieder zurück – alles möglichst slow und easy, „so wie die Griechen selbst“.

Inselshopping statt Inselhopping betreibt derweil der US-Supermilliardär Warren Buffett: Für umgerechnet rund 15 Millionen Euro erwarb Buffett – laut Forbes-Magazin der „drittreichste Mensch der Welt“ – soeben die Insel Agios Thomas. Mit dem Boot sei der 1,2 Quadratkilometer große Flecken von Athen aus in 45 Minuten zu erreichen, meldete die griechische Nachrichtenagentur ANA. Als Buffetts Ko-Investor wird der italienische Immobilienunternehmer Allesandro Proto genannt.

Fakt ist eben: Griechenland bleibt nichts anderes übrig, als Staatseigentum zu verscherbeln, um die 50 Milliarden Euro zusammenzukratzen, die es seinen Gläubigern versprochen hat. Buffett sieht da noch „zahlreiche günstige Gelegenheiten“, wie er sagt.

Agios Thomas ist eine von rund 3.000 unbewohnten griechischen Inseln. Eine Stromversorgung hat’s dort noch nicht, auch sonst fehlt es an vielem. Die Investitionsbeobachter des Handelsblatts beschreiben die Insel als Felsbrocken, auf dem sich „kein Baum, kein Wasser, kein Sandstrand, nur schroffe Klippen“ fänden. Aber: Buffett sei als „Orakel von Omaha“ bekannt und habe sicher die „nötige Vorstellungskraft“, wie sich aus dem kargen Eiland ein Mehrwert ziehen lasse.

Ob es zu einer gated community für die Athener Hautevolee wird? Für böse Yuppie-Griechen, die ihren Landsleuten via Steuerflucht das Wasser abgraben ? Für das Top-Tausend hellenischer Bestechungsbeamter? Oder entsteht auf Agios Thomas ein großes Vergnügungsdelfinarium, ein Ferienparadies mit tausenden neuen wertvollen griechischen Arbeitsplätzen? Und: Müsste man als solidarischer Mensch mit ein paar Tagen Resturlaub dann dort hinfahren? Oder eben: gerade nicht?

Katja Kullmann schreibt in ihrer Kolumne Die Konsumentin über Lust und Last des Geldausgebens

06:00 25.07.2015
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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Katja Kullmann

Ausgabe 14/2020

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