„Jeder Error ist wichtig“

Interview Dimitri Hegemann hat mit dem Club Tresor Berlins Ruf als Partyhauptstadt begründet. Doch sein Vermächtnis soll größer sein
Katja Kullmann | Ausgabe 29/2016
„Jeder Error ist wichtig“
2005 musste der Ur-Tresor in der Leipziger Straße schließen
Foto: Christian Schroth/Imago

„Kommen Sie doch in mein Kraftwerk“, schlägt Dimitri Hegemann vor. Es gibt wohl nicht viele Menschen, die eine solch glamouröse Einladung aussprechen können. Über die Musik, das Tanzen, die Clubkultur wollen wir reden. Über das Unterwegssein nach Anbruch der Dunkelheit, die Nighttime Economy, wie Hegemann es gern nennt. Und über die Spuren, die die Ökonomie der Nacht hinterlassen hat – nicht nur in seinem eigenen, bald 62-jährigen Leben, auch im Leben der Jüngeren, die heute in Scharen in die Partyhauptstadt Berlin kommen und den Namen Dimitri Hegemann vielleicht aus einer der vielen Legenden aufgeschnappt haben, die sich um sein Werk ranken.

Eben dieses Hegemann-Werk ist heute ganz wörtlich ein Werk: das stillgelegte Heizkraftwerk in der Köpenicker Straße in Berlin-Kreuzrberg. Seit 2007 befindet sich hier der Tresor – der Club, den Hegemann 1991 gründete und in dem der Techno als unerhörter neuer Sound explodierte. Am kommenden Wochenende steht das Jubiläum an: 25 Jahre Tresor. Viele der Live-Acts und DJs im Programm haben die 50 so lässig überschritten wie der Impresario selbst.

der Freitag: Herr Hegemann, wir sind hier ja unter uns, unter Erwachsenen. Lassen Sie uns über das Wort Erbe sprechen.

Dimitri Hegemann: Erbe im Sinne von Vermächtnis? Ja, gern.

Sie gelten als ein Urvater der heutigen Clubkultur. Zur Wendezeit haben Sie Partys in einem muffigen Keller veranstaltet, ohne richtige Toiletten, aber mit viel Kunstnebel, Stroboskoplicht und Ekstase bis zwölf Uhr mittags. Leute, die davon erzählen, haben einen verklärten Blick. Wer zu jung ist, um dabei gewesen zu sein, wird leicht neidisch.

Dafür gibt es keinen Grund. Berlin ist heute voll mit Clubs, in denen Sie vier Tage am Stück durchtanzen können, Clubs, in denen auch die sanitären Anlagen funktionieren, wo die Getränke gekühlt sind und Ihnen später nicht der Baustellenstaub an der Kleidung klebt.

Es begann mit rostigen Schließfächern

Zum 25. Geburtstag des Tresor findet von 21. bis 24. Juli ein Festival statt (tresorberlin.com/25-years-festival), bei dem viele DJs aus der frühen House- und Technoszene dabei sind, zum Beispiel DJ Hell, Juan Atkins und Gudrun Gut. Seinen Namen verdankt der Club dem 1926 erbauten Tresorraum im Keller des früheren Wertheim-Kaufhauses in der Leipziger Straße. Dort befanden sich Hunderte rostiger Schließfächer, als Dimitri Hegemann den Ort 1991 bei einem Streifzug nahe der Mauer entdeckte, gemeinsam mit Achim Kohlberger (ebenfalls ein „Wessi“) und dem Ostberliner Johnnie Stieler.

14 Jahre nach seiner Eröffnung musste der Ur-Tresor schließen, heute steht dort ein Bürohaus. 2007 machte der Club im früheren Heizkraftwerk in der Köpenicker Straße neu auf. In der internationalen Szene und Musikpresse gilt er bis heute als einer der „besten Clubs der Welt“. Sagenhafte Storys über den Tresor gibt es viele. Besonders anschaulich erzählen zwei Filme über ihn: The Vault and the Electronic Frontier (2004) von Mike Andrawis sowie Sub Berlin – Underground United (2009) von Tilmann Künzel. Im Buch Der Klang der Familie – Berlin, Techno und die Wende (Suhrkamp 2014) von Felix Denk und Sven von Thülen kommen Dimitri Hegemann und viele seiner Kollaborateurinnen und Weggefährten zu Wort.

Der Strukturwandel treibt Tresor-Gründer Hegemann um. Regelmäßig fliegt er in die Mutterstadt des Techno, nach Detroit, um der verarmten Ex-Industriemetropole mit Ideen zu helfen. Hierzulande versucht er, dem Ausbluten abgehängter Provinzregionen entgegenzuwirken, mit seiner 2012 gegründeten Agentur Happy Locals.

Aber genau diese Dinge haben doch den Reiz ausgemacht, oder? Derzeit ist eine Musealisierung der Wendezeit im Gang, es werden Filme gezeigt und Bücher geschrieben: „Schaut, wie cool wir in Berlin früher waren, als wir nichts hatten als Kohleöfen und uns selbst!“ Der Ur-Tresor taucht dabei immer als Keimzelle auf, in der nicht nur Ost und West zusammenfanden, sondern auch Schwule und Heteros, Arbeitslose und Akademiker, Gangster und Bürgerkinder. Diese Freiheit, diese demokratische Buntheit: Das ist langsam, aber sicher vorbei.

Einerseits ja, andererseits nein. Die Welt hat sich verändert, klar, auch Berlin. Es ist jetzt eine big city. Aber ich treffe immer noch Leute, die versuchen, die Dinge in Be-wegung zu halten wie wir. Ich würde gern eine Academy for Subcultural Understanding aufmachen, eine Akademie für Subkulturen, für die nachfolgenden Generationen: eine Sammlung des Gedankenguts, das wir hatten. Heute sind die jungen Leute auf ihre Art ja auch wieder verloren, fast wie wir damals.

Bitte erklären Sie das genauer.

Ich habe Berlin als trostlos empfunden, als ich Anfang der 80er herkam. Es war eine dunkle Stadt mit sehr einsamen Menschen.

Die David-Bowie-Jahre, von denen so oft geschwärmt wird.

Ich stamme aus einem erzkatholischen Dorf am Rand des Sauerlands. Und als ich mit Mitte 20 nach Westberlin kam, war da alles noch sehr rocklastig, ziemlich festgefahren. Typen in schwarzen Lederjacken bestimmten, was so lief. Man tat cool, stand stundenlang für irgendein Konzert an und ging dann nach Hause, jeder für sich. Man trank viel und fand alles scheiße. Ich hing hier auch erst mal durch. Mit Drogen hatte ich aber nie viel zu schaffen.

Warum sind Sie geblieben?

Ich glaube, ich wollte es einfach wissen. Das hängt mit meinem Aufwachsen zusammen. Mein Vater ist 1916 geboren. Der ging 1938 an die Front und kam erst 1949 wieder. Meine Mutter hat auf ihn gewartet. Die ganzen schönen Jahre waren weg! So sollte es bei mir nicht laufen. Da war dieses Schweigen der Kriegsgeneration, dazu das ewige „mea culpa, mea maxima culpa“ des Katholizismus. Ursprünglich wollte ich mich diesen ghosts of the past stellen und Woodstock in unser Dorf bringen – Musik, Farben, Frieden. Mit ein paar anderen hatte ich vor, ein altes Herrenhaus zu übernehmen, dort wollten wir Festivals veranstalten, Labore gründen. Ich sprach sogar mit dem Bürgermeister. Aber es war kein Durchkommen durch diese Kruste. In Berlin habe ich dann vieles probiert. Und sehr vieles davon ging schief.

Die Methode „Trial and Error“.

Das muss unbedingt miterzählt werden, jederError ist wichtig. Genauso wichtig wie die Tatsache, dass das Geld nie an erster Stelle stand, immer weit hinten.

Zur Person

Dimitri Hegemann heißt eigentlich Dietmar-Maria mit Vornamen. 1954 in Werl (NRW) geboren, studierte er Musikwissenschaft, bevor er für eine Weile als Bandmanager herumzog, etwa mit Black Flag und Henry Rollins oder mit den Bad Brains. Zeitweise spielte er Bass in seiner eigenen New-Wave-Band namens Leningrad Sandwich. Zu den Ausgehorten, die er in Berlin gründete, zählen auch das Lokal Schwarzenraben in Mitte (1997 – 2007) sowie der Goldene Hahn in Kreuzberg

Foto: Marie Staggat

Zu den Projekten, die Sie in Berlin starteten, zählt das Ufo, der Vorläufer des Tresor. Und das Atonal-Festival, das bis heute läuft. Außerdem ein Laden in Kreuzberg namens FischBüro.

Das FischBüro tagte am Wochenende, in der Wohnung, in der ich lebte, für 100 Mark Miete, in der Wrangelstraße 95. David Boysen, ein Freund, sagte: „Wir bauen jetzt ein Rednerpult hier rein.“ Wir folgten dem Dada-Prinzip, jeder konnte vortragen, was er wollte. Käthe Be, später ein Performancekünstler, las aus dem Telefonbuch vor, eine Frau aus der Nachbarschaft berichtete über ihre Klamotten: „Das ist ein T-Shirt von meiner Schwester, die Hose ist vom Flohmarkt, ich trage heute fünf Mark.“ Der Fisch stand für das Kleine und für das Bewegliche, das schwer festzunageln ist. Wir gaben ihm ein Büro.

Sie haben einmal vom Prinzip der „verrutschten Intelligenz“ gesprochen.

Die verrutschte Intelligenz liebe ich auch heute noch. Ich erkenne sie auch, in anderen Leuten. Ich sehe, ob jemand einen eigenen Kopf hat, es drauf hat oder nicht. Im FischBüro war alles sehr spielerisch. Aber es gab eine gewisse Programmatik. Wir waren auf andere Art politisch als die 68er. Es gab ein Manifest. Wir verfolgten ein Umerziehungsprogramm für uns, für die Leute: „Vom Konsumenten zum Produzenten.“

Der Do-it-yourself-Gedanke ist heute mit Macht zurück. Sich „kreativ“ zu zeigen, ist der Imperativ der Gegenwart – viel eher eine Karriereoption als ein Akt von Devianz oder Widerstand.

Oh ja, ich kenne die Art Leute, die dauernd von ihrer Kreativität faseln. Hier im Kraftwerk haben wir mehrere Dutzend Mitarbeiter. Ich brauche hier erst mal Leute, die ihre Sachen können – eine Frau Duse, die die Quittungen sortiert, einen Handwerker, der schweißen kann, Barleute, die sich mit Getränken auskennen. Aus all dem zusammen wird in unserer Nighttime Economy etwas Kreatives. Ich mache keinen Unterschied, ob jemand DJ ist, Booker oder Techniker. Wir sitzen alle in einer Bastelstube und basteln gemeinsam an etwas. Wer mir die Ohren mit seiner Kreativität vollsäuselt, bleibt nicht lange, der wird nicht glücklich. Hier arbeiten einige Leute, die wir ... na ja, man könnte fast sagen: die wir von der Straße geholt haben. Dieses neue Kreativposing nervt mich jedenfalls.

Ist es dieses Posing, in dem sich die Jungen heute verlaufen und verlieren, wie Sie vorhin sagten?

Ich denke, es ist gar nicht so leicht, heute um die 20 zu sein. Es gibt von allen Seiten diese Versprechungen auf Selbstverwirklichung. Aber oft stecken da einfach nur betriebswirtschaftliche Interessen dahinter. Mir fällt auch auf, dass viele Jüngere dauereuphorisiert sind, auf eine Art, die mir seltsam vorkommt. Wie die da grüppchenweise mit ihren Flaschen in den Händen durch Kreuzberg ziehen ...

Mit dem berühmten Wegebier der Ryan-Air-Touristen .

Es sind nicht nur Touristen.

Die Jungen kommen wohl wegen solcher Orte, wegen des Berghain oder des Tresor, nach Berlin. Heute muss man doch eigentlich sofort misstrauisch werden, wenn von Fun und Clubkultur die Rede ist. Das ist jetzt die Sprache der Gentrifizierung.

Man muss dem Citymarketing sagen: „Stoppt das mal, wir sind überbucht.“ Das ist, wie wenn du ein Abendessen für zehn Leute machst, aber es kommen 40. Da steigen die Mieten, es kommen komische Sachen, Ballermann, viel Fake. Da wird Geld gemacht ohne Ende. Und die Leute, die Kreativität nicht nur konsumieren, sondern leben wollen, müssen gehen.

Was unterscheidet die Musik, die im Tresor läuft, von der Musik in einem Ballermann?

Es sind vor allem die DJ-Persönlichkeiten, die den Zauber einer Nacht ausmachen. Techno hat seine Wurzeln in Detroit in den USA, aber es wurde in Berlin erst richtig groß. Als man hier erstmals Techno hörte, hat das alles geändert, die Situation des Zuhörens, das Tanzen. Plötzlich waren die Leute selbst im Mittelpunkt, statt einer Band gab es Tracks, die irgendwer zu Hause gebastelt hatte. Der technische Klang, die Neuheit: All das passte extrem gut zum Lebensgefühl. Nachdem die Mauer gefallen war, kannte sich in Berlin erst mal keiner mehr aus. Die Szene war von Leuten aus dem Osten getragen. Ja, es war fast eher ein Ost- als ein Westding. Alle staunten – über das Unberechenbare, was gerade passierte, und über diese Musik. Es war und ist eine friedliche Szene, es gab ein familiäres Gefühl. Darauf legt der heimliche Hippie in mir Wert. Mike Banks, der Mastermind des Detroiter Technokollektivs Underground Resistance, kam damals nach Berlin, weil ich ihm sagte: „Die Kids im Ostteil brauchen eure energiegeladene Musik.“

Wann gehen Sie heute schlafen?

Ich bin immer noch viel nachts unterwegs, klar. Aber – nein, ich tanze nicht mehr bis vier Uhr morgens. Ich schaue eher. Und rede mit Leuten. Techno ist eine Musik, die man erleben muss, mit anderen. Zu Hause funktioniert das nicht, da höre ich andere Sachen, zurzeit viel Soul und Chansons.

Sie reisen auch viel – vor allem in die Provinz. „Happy Locals“ heißt das Projekt, das Sie da verfolgen. Worum geht es dabei?

Es ist schlimm, was in den Kleinstädten jetzt passiert. Querdenker, Leute mit Ideen ziehen weg. Etwa nach Berlin, wo sie unter Zehntausenden untergehen. In den B- und C-Städten und auf dem Land bleiben die Resignierten zurück. Da gibt es heute noch weniger kulturelle Angebote als zu meiner Zeit. Hätte ich im Sauerland jemanden gehabt, der mir Dinge erzählt, die ich heute erzählen kann: Alles wäre vielleicht anders gekommen. Ich wollte ja im Dorf bleiben – aber man ließ jemandem wie mir keinen Raum. Jetzt fahre ich herum, spreche mit Bürgermeistern, Lokaljournalisten, Jugendlichen, stelle mit denen Dinge auf die Beine.

Was zum Beispiel?

Eine kleine Stadt in Brandenburg, die hatten einen Naturpark. Da war nichts los. Ich sagte zu ein paar jungen Leuten: Jetzt gucken wir mal nach Amerika und Kanada, wie die das machen. Blockhütten – vermieten. Wir klauen das, copy and paste. Macht mal Pläne, für eine Handvoll Hütten, dann werben wir mit der wilden Natur und stellen das ins Netz. Alles selbstverwaltet. Die denken jetzt darüber nach. Solche Typen sind überall, ich titsche die nur an. Zur Wendezeit habe ich mal einen Vortrag mit Timothy Leary veranstaltet: „My job is to encourage young people“, sagte er, im Audimax der Humboldt-Universität, wo vorher die DDR-Elite saß. Ich würde sagen, das ist meine Mission, das ist mein Erbe: Ermutigung für Querdenker.

06:00 21.07.2016
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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