Leute, entspannt euch!

Die Konsumentin Neun von zehn Bürgern verschenken etwas an Heiligabend. Aber was ist mit dem Einen, der schon im August mit Fest-Boykott droht? Über den Umgang mit Weihnachtshassern
Katja Kullmann | Ausgabe 50/2014 8

Neun von zehn Bundesbürgern werden zu Weihnachten etwas verschenken, an eine oder mehrere Personen. Das hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelt. Überraschend ist diese Zahl nicht. Bewegt man sich dieser Tage durch innerstädtische Zonen, sieht man auf Zebrastreifen und Rolltreppen, in U-Bahnen und auf Bürgersteigen Menschen, die sich mit ihren prallen Shoppingtüten keuchend den Weg freischubsen, wie beim Autoscooter. Eigentlich wirkt es so, als würden sich sogar zwölf von zehn Bundesbürgern derzeit mit dem Geschenkeerwerb beschäftigen. Glücklich sehen dabei nur die wenigsten aus.

Interessant wird diese Zahl, „neun von zehn“, wenn man sich über den Einen oder die Eine Gedanken macht – über den Menschen also, der sich am gemeinen Präsentetausch nicht beteiligt. Etliche Fragen drängen sich da auf: Bekommt der oder die Eine trotzdem selbst etwas geschenkt? Ist das möglich: Nehmen ohne Geben? Oder handelt es sich um einen Menschen, der ausschließlich Selbstgemachtes – Gestricktes, Gebackenes, Gemaltes – verschenkt und daher aus der Konsumstatistik herausfällt? Und schließlich: Ist es denkbar, dass der oder die Eine niemanden kennt, dem etwas unter den Baum gelegt werden könnte? Kann jemand so allein sein, in diesem D-Land mit seinen gut über 80 Millionen nervtötenden Einwohnern, dass er oder sie nicht wüsste, wer zu beschenken wäre?

Vielleicht gehört der oder die Eine auch zu der Sorte Mensch, die alljährlich aufs Neue, im Brustton der Überzeugung verkündet: „Ich mache da nicht mehr mit! Wehe, jemand schenkt mir was!“ Den Weihnachtshassrekord hat vergangenes Jahr ein männliches Familienmitglied aufgestellt: Er schrieb in einer E-Mail, CC an alle Familienmitglieder, dass am 24. Dezember nicht mit ihm zu rechnen sei. Er sehe nicht ein, warum er kostbare Lebenszeit für diesen „durchkommerzialisierten“ Budenzauber verschwenden solle, an jenem „Zwangsdatum“, an dem irgendwann mal ein männlicher Säugling mit magischen Fähigkeiten in Nahost geboren worden sein soll – „dass ich nicht lache!“ Er sei Atheist und Anarchist, wenn nicht sogar der Antichrist, und lehne den „Befehl zum Geldausgeben“ ab. Die betreffende E-Mail schrieb er – es ist wahr – am 24. August. Ein Hilferuf, ein Schrei nach Liebe!

Ich versuchte, ihn zu beruhigen: „Vielleicht solltest du nicht schon im Hochsommer an Weihnachten denken und es damit noch überhöhen?“ Und weiter: „Es ist doch so: Kaum ist Heiligabend da, kotzt die Katze auf den Sternchenteppich, schwingt der Schwiegervater geschmacklose Wirtschaftswunderreden, kippt die Schwiegermutter das Käsefondue um, haben die Kinder Anisplätzchendurchfall, der Lebensabschnittsgefährte trägt plötzlich einen unerklärlichen Ausschlag im Gesicht, und man selbst hat Kopfweh wie sonst im ganzen Jahr nicht. Nie ist das eigene Leben wie in der Werbung. Selten wird das so spürbar wie an den großen Feiertagen, von denen es so fürchterlich perfekte Bilder gibt. Strahlend weiße Tischdecken, rosige Kindergesichter, Tannennadelaroma: Selbstverständlich ist das eine Lüge – das wissen doch alle! Also: Warum fassen wir uns da nicht an den Händen und singen gemeinsam ein paar krachende Lieder drauf?“

Ich behaupte: Die Menschen brauchen manchmal genau das – die Einsicht, dass das Leben nur ein Stückwerk aus leichtgewichtigem Glitzerkram, mäßig eingeübten Ritualen und etwas zu fettigem Essen ist. Wenn man diese Wahrheit einmal wieder an sich heranlässt, alle gemeinsam, spürt man etwas Tröstliches darin. Und innerer Friede ist doch wieder möglich. Es ist wahr, klinge-linge-ling: Ich freue mich auf die Katastrophe.

Katja Kullmann schreibt in ihrer Kolumne Die Konsumentin über Lust und Last des Geldausgebens

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06:00 13.12.2014
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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Katja Kullmann

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