Maori-Kunst aus Idar-Oberstein

Die Konsumentin Ist das authentisch oder ein staubfangendes Wirklichkeitssurrogat? Zum Status des Souvenirs
Ausgabe 34/2015
Vorsicht, der Beschiss im Segment Souvenirware hat Methode
Vorsicht, der Beschiss im Segment Souvenirware hat Methode

Bild: Bertrand guay/AFP/Getty

In Schweden gibt es einen Schokoriegel namens Kex, die rote Unterzeile auf der gelben Folie lautet „Choklad“. Das wirkt niedlich und exotisch, aber nicht auf aufdringliche Art. Schon ein paar Mal habe ich die Kex-Verpackung jetzt an hiesigen Pinn- oder Magnetwänden gesehen, bei Freunden und Bekannten. Der Kex-Schriftzug dient ihnen als Souvenir, als preiswertes Erinnerungsstück an die jüngsten Ferien auf Saltkrokan.

Ebenfalls gelb ist die klassische Softpack-Umhüllung der Schweizer Zigarettenmarke Mary Long. Auch dort ist der Produktname auf einen roten Balken geschrieben, und darüber ist die Zeichnung eines Frauenkopfes zu sehen. Die Grafik ist 1952 entstanden, seither hat sich die Aufmachung kaum geändert. Immer wenn ich in der Schweiz bin, nehme ich zwei, drei Päckchen mit. Nicht weil die Zigaretten so gut schmecken – sie sind recht stark –, sondern als ein, nun ja, „authentisches“ Souvenir. (Weil das Wort authentisch fürchterlich missbraucht wird, von Karriere-Coaches, Konzernen und anderen, kann ich nicht anders, als es in Anführungszeichen zu setzen. Wenn Sie es bis zum Ende dieser Spalte schaffen, wird es Ihnen vielleicht ähnlich gehen.)

Niemals würde ich jedenfalls Schüttelkugeln mit Kunstschnee von irgendwo mitnehmen, ich kenne auch niemanden, der Plastikminiaturen vom Eiffelturm oder dem Taj Mahal bei sich zu Hause ausstellt. Aus Holz ist solcher Kitsch auch nicht viel besser. Nein, um Souvenirshops mache ich einen großen Bogen, und ich lebe in einem Umfeld, in dem die meisten anderen ebenso verfahren. „Billiger Kunststoffschrott, zu ausbeuterischen Bedingungen, womöglich von Kindern hergestellt und überhaupt nicht echt – bäh!“ So empört sich der redlich um Kultur und Klima besorgte Urlauber der Gegenwart.

Und das zu Recht. Die Soziologin Ingrid Thurner hat sich die Herkunft verschiedener „landestypischer“ Souvenirs genauer angesehen. Ihre kleine Studie aus den 90ern bestätigt: Der Beschiss im Segment Souvenirware hat Methode. Das spektakulärste Beispiel aus Thurners Aufsatz Kunst für Touristen: kleine Steinfiguren aus Nephrit, einem grünen Mischkristallstein, die in Neuseeland an Urlauber verkauft werden. Thurner fand heraus: „Der in Neuseeland abgebaute Nephrit wurde in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz verarbeitet, zurück nach Neuseeland geliefert und dort von Händlern als Maori-Souvenir für den Markt in Europa gekauft.“ Bitter, oder? Für die abgerippten Maori wie für die geneppten Reisenden. Da spart jemand womöglich sein halbes Leben lang, um einmal ans andere Ende der Welt zu gelangen – und nimmt schließlich ein Stück Idar-Oberstein mit heim!

Es mag rührselig sein, vielleicht dumm, die Erinnerung an einen fernen Ort mit einem Gegenstand lebendig erhalten zu wollen, mit einem staubfangenden „Wirklichkeits-Surrogat“ (Hans-Michael Herzog). Aber es ist vielen Menschen offenbar ein Bedürfnis – auch wenn der Mist, der als Souvenir deklariert ist, nicht für sie in Frage kommt. Auf die Idee, einfach ein paar Alltagsgegenstände aus dem Reiseland aufzubewahren, Seifendosen, Kugelschreiber, kommen inzwischen viele Menschen, überall. „Je mehr Menschen reisen, desto uninteressanter werden Souvenirs für sie“, sagt der Soziologe Yael Zins von der Universität Haifa in Israel. Für die stattdessen mitgenommenen Alltagsartefakte schlägt er den Oberbegriff Memento vor. Daran wollen wir uns jetzt immer, äh, erinnern.

Katja Kullmann schreibt in ihrer Kolumne Die Konsumentin über Lust und Last des Geldausgebens

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Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin

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