Nullen und Nadelstreifen

Journalismus Der Verlag Gruner und Jahr entlässt wieder etliche Redakteure. Die Wut auf das Zahlenmanagement wächst

Beginnen wir fünf Jahre früher. Mit einer Geschichte, die sich tatsächlich so zugetragen hat und in der sich der strukturelle Irrsinn, um den es hier geht, fast schon romanhaft auffaltet. Schalten wir nach Hamburg, in ein Verlagshaus, in dem viele bunte Zeitschriften hergestellt werden, darunter drei sogenannte Frauenmagazine. Herbst 2009, ein Jahr nach dem Lehman-Crash, die Wirtschaftsnachrichten sind miserabel, jeden Abend vor der Tagesschau warnt Anja Kohl: „Die Anleger sind nervös!“ Auch in den unteren Etagen, in denen man unter Risikokapital etwas ganz anderes versteht als an der Börse, ist nun viel von der „Krise“ die Rede, von Minijobs und Altersarmut.

Eines der verlagseigenen Frauenmagazine trägt den Namen Petra. Die meisten der Redakteurinnen – erwartungsgemäß arbeiten dort nur Frauen – haben eine Fachausbildung abgeschlossen, haben studiert, ein Volontariat absolviert. Sie nehmen ihren Beruf ernst. Und sie versuchen, das alles beherrschende Thema einzufangen, im Magazin davon zu erzählen. Die Idee: Acht „ganz normale“ Frauen, etwa eine Existenzgründerin und eine Alleinerziehende, werden befragt, wie sie sich durchschlagen, mit ihrer Zukunftsangst umgehen. Die Strecke soll zur Titelgeschichte werden, die Überschrift bleibt dem Unterhaltungsgenre treu, sie lautet: „Ich krieg die Krise! Frauen erzählen, wie sie …“

Dann gibt es Probleme. Aus dem sechsten Stock des Verlagsgebäudes, dort, wo Controlling und Marketing sitzen, heißt es, die Zeile klinge „zu negativ“. Seit der Verlag eine Unternehmensberatung ins Haus geholt hat, schalten sich die Fachkräfte der Betriebswirtschaft auffallend oft in die Arbeit der Fachkräfte des Journalismus ein. Umgekehrt wäre das undenkbar, das ahnt irgendwie jeder. Die Coverzeile wird unter redaktionellen Bauchschmerzen also umgeändert, von „Ich krieg die Krise“ zu „Die Krise und ich“. Als das Magazin dann gedruckt vorliegt, steht Folgendes auf dem Titel: „Alles wird gut! Wie starke Frauen …“ Die Ressortleitung traut ihren Augen nicht. Die Chefredakteurin hat noch mehr Grund zum Staunen, denn sie wird gefeuert und durch jemanden ersetzt, der zuvor von einem anderen Gutelauneverlag, nun ja, freigesetzt wurde und den Job dankbar und für weniger Geld erledigt.

„Ich krieg die Krise!“ – „Alles wird gut!“: Drei Monate später werden die rund 420 Mitarbeiter des Verlags zu einer Betriebsversammlung gerufen. Die Geschäftsführung präsentiert Charts und Diagramme, eher enttäuschende Zahlen, wie in der Branche üblich. Gleichwohl macht der Verlag immer noch Gewinne. Dann platzt die Bombe: Alle Redakteure und Grafiker werden entlassen. Erhalten bleiben allein Chefredakteure und Ressortleitungen, als „kreative Blattmacher-Teams“. Den geschassten Fachkräften wird herzlich angeboten, ihre Texte und Illustrationen fortan auf freier Basis beizusteuern. Der Betriebsrat will Tipps geben, wie man dabei am geschicktesten den Eindruck von Scheinselbstständigkeit vermeidet. Die Pressemitteilung, die der Verlag aussendet, noch während die Versammlung läuft, trägt die Überschrift: „Konzentration, Kreativität und Qualität“.

Freiheit ist doch auch schön!

Als nun, in der vergangenen Woche, der Verlag Gruner und Jahr (G+J) bekannt gab, die „schreibenden Redakteure“ bei Brigitte und Geo zu kündigen, war das Entsetzen in der Branche, wieder einmal, groß. Von einer „Kulturrevolution“ sprach etwa Michael Jürgs, einst Chefredakteur des G+J-Flaggschiffs Stern. Die Revolution war aber eben schon vorher eingetreten. Der Jahreszeiten-Verlag spielte einen solchen Schnitt mit seinen Magazinen Petra, Für Sie, Merian und Vital schon vor einem halben Jahrzehnt durch. Er ging als erster Verlag ohne Redakteure in die Mediengeschichte ein. Und: Seine Magazine erscheinen weiter.

So wird es auch bei G+J sein. Auch dort sollen die betroffenen Hefte nun „von einem agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam aus gedacht und produziert“ werden. Während diejenigen, die die Ware dann faktisch herstellen, die neudeutsch den Content liefern, ohne die es die zu vermarktenden Güter gar nicht gäbe, ohne die der Verlag blank dastünde, als verzichtbar betrachtet und behandelt werden.

Dieser strukturelle Umbau trifft akut rund 25 G+J-Journalisten. „Nur 25“, könnte man einwenden. Aber das wäre ein naiver Zwischenruf. Denn was sich hier in eher kleinem Ausmaß vollzieht, und wieder einmal nur in der ohnehin hysterischen Medienbranche, ist ein weiteres Beispiel für eine gewaltigere, umfassendere Tendenz: Für die radikale Entwertung von Facharbeit, die doch angeblich so hoch geschätzt wird.

Ja, so lässt sich dieses aktuelle Fallbeispiel eben auch erzählen – und man muss es auch so erzählen, denn anhand der Erwerbsverhältnisse in der so genannten Kreativwirtschaft lässt sich die Zukunft anderer Branchen einigermaßen verlässlich voraussagen. Zeitarbeit, befristete Jobs, Werkverträge und andere Varianten der selbstunternehmerisch gemanagten freien Mitarbeit: All diese „atypisch“ genannten Beschäftigungsformen haben sich zuerst in den Kreativbranchen ausgebreitet, in der Werbung, in den (Hoch-)Kulturinstitutionen, den Medien. In den 90ern schienen solche flexiblen Modelle den oft sehr gut ausgebildeten kreativen Beschäftigten einen Mehrwert zu versprechen: mehr Selbstbestimmung, bessere Möglichkeiten, Berufliches und Privates zu vereinen. So attraktiv schienen die kreativen Beschäftigungsexperimente, dass auf der Webseite des Bundeswirtschaftsministeriums der Spruch prangte: „Die Kreativwirtschaft ist das Leitbild der Industrie von morgen.“

Mittlerweile ist der Slogan gelöscht. Was vielleicht daran liegt, dass der Bundesverband Freier Berufe heute von einer starken Zunahme der „Not-Selbstständigkeiten“ in den Kulturberufen spricht. Viele Freelancer kommen sich längst wie traurige Tagelöhner vor. Und das gilt eben nicht nur für den Journalismus. Der Spiegel schrieb einmal von Zweiklassenbelegschaften und meinte damit das Nebeneinander von Beschäftigten mit alten, schwer kündbaren Verträgen und neu Angeheuerten mit niedrigeren Löhnen, weniger Urlaub. Bei gut jeder zweiten Neueinstellung (53 Prozent) im Dienstleistungssektor handelt es sich heute um einen befristeten Job; in den 90ern waren es nur 30 Prozent. In einer Zukunftsprognose der Bundesagentur für Arbeit heißt es, spätestens im Jahr 2030 werde bundesweit „ein Großteil“ der Erwerbstätigen, über alle Branchen verteilt, „in unbeständigen Beschäftigungsformen“ tätig sein, als Teil einer „flexiblen Randbelegschaft“ – so, wie gekündigte Journalisten versuchen müssen, sich durchzuschlagen. Diese Prognose passt zu den Meldungen, dass die Zahl der Multijobber steigt, dass rund 16 Prozent der Bürger an der Armutsgrenze tänzeln und dass kaum noch jeder Zweite ausreichend für die oft beschworene Altersvorsorge zurücklegt. Weil er es, auch mangels Planungssicherheit, nicht kann.

Einst nannte man Unternehmen wie die Hamburger Verlagshäuser Arbeitgeber. Die Formulierung passte zu einer Zeit, in der es einen gesamtgesellschaftlichen Konsens gab: den der Sozialpartnerschaft. Diejenigen, die ihre Arbeitskraft feilbieten, und diejenigen, die damit Gewinne erwirtschaften, beteiligen sich dabei zu gleichen Teilen an den Sozialkosten. Nun erleben wir seit einer Weile, wie diese Abmachung ausgehöhlt oder ganz aufgekündigt wird, und zwar einseitig, von Seiten der Unternehmen. Sie „geben“ keine Arbeit mehr, sie „nehmen“ sie, und zwar so, wie es ihnen gerade in die Quartalsbilanz passt.

Bei G+J werden bis heute zweistellige Renditen erzielt (wovon andere Branchen nur träumen). Zum 1. November hat die Verlegerfamilie Jahr ihre 25,1-prozentigen Anteile an den Bertelsmann-Konzern verkauft, dem G+J nun zur Gänze gehört. 200 Millionen Euro soll Bertelsmann bezahlt haben. Das sollte zu stemmen sein für einen Konzern, der sein Ergebnis 2013 um 30 Prozent auf rund 800 Millionen Euro steigern konnte, bei einem ebenfalls leicht gestiegenen Umsatz von über 16 Milliarden, wie Bertelsmann selbst verkündete. Ein unvergleichlicher „Gewinnsprung“, staunte die Wirtschaftspresse, erst recht in diesen – angeblich – so mageren Zeiten. Um den Gewinn für die Aktionäre weiter zu erhöhen, sollen in den kommenden drei Jahren 75 Millionen bei G+J eingespart und bis zu 400 Beschäftigte gekündigt werden.

„Ich gehe als Controller bei G+J“, wurde zu Halloween bei Twitter gewitzelt. Der Controller ist die Horrorfigur der Stunde. Man kennt das sehr gut auch im Pflege- und Klinikwesen: Das Zahlenmanagement herrscht auch dort oft so strikt wie in den dunkelsten Tagen des Taylorismus. Kranke und Senioren müssten im Fünfminutentakt versorgt werden, was unmöglich sei, lautet die gängige Beschwerde.

Die Rache des BWLers

Tatsächlich fällt bei dem jüngsten Entlassungsschub in Hamburg auf: Die Führungsebene wird zeitgleich ausgebaut. Blättert man auf der G+J-Homepage, findet man (Stand: 3. November) sogar 68 offene Stellen. 48 davon entfallen auf Marketing und Technik. Weniger als ein Drittel, exakt 20, fallen ins journalistische Feld. Es handelt sich dabei um eine freie Mitarbeit und einen befristeten Posten – sowie um 18 Praktikantenplätze.

Ja, der BWLer, eine der prominenten Sozialfiguren – und Lachnummern – der 80er ist zurück. Und seine Rache ist fürchterlich. Als „Flanellmännchen“ (Axel Springer) und „Niete in Nadelstreifen“ (Günter Ogger) wurde er beschimpft. Alle Aufmerksamkeit und Liebe richtete sich auf den turnschuhtragenden Do-it-yourself-Unternehmer. Der BWLer hat sich derweil stur auf seiner geraden Bahn weiterbewegt. Eine brauchbare Idee für das Internet, das nun immerhin schon 20 Jahre in Betrieb ist, kam allerdings nicht dabei heraus.

Das Gehalt eines Controllers beträgt durchschnittlich 60.000 Euro im Jahr und kann, laut controllingportal.de, auf 100.000 und mehr klettern. Das Durchschnittseinkommen eines freien Schreibers liegt, laut Künstlersozialkasse, bei 18.000 Euro jährlich. In dem Band Journalismus ist kein Geschäftsmodell (Nomos, 2014) heißt es: „Das Problem, das Journalismus zu lösen hat, ist das der gesellschaftlichen Kommunikation, der Herstellung (auch) kritischer Öffentlichkeit (...) Der Journalismus hat nicht das Problem zu lösen, wie Medienunternehmen zu häufig überdurchschnittlichen Renditen kommen.“ Schon gar nicht für das lächerliche Honorar, das man ihm zuteilt.

06:00 09.11.2014
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