Plastikschrott in Jogginghosen

Die Konsumentin „Keinen geraden Satz sprechen können, aber sich bei Primark dumm und dämlich shoppen!“ Wenn Wohlhabende hassen
Katja Kullmann | Ausgabe 14/2015 30

Bemerkungen wie die folgende höre ich öfters mal, und nicht nur von grobschlächtigen Großverdienern oder zynischen Zasterjunkies, sondern auch von Menschen, die mir bis dahin, bis eine solche Bemerkung fällt, recht vernünftig, gescheit, vielleicht sogar angenehm erschienen sind. Ich meine Bemerkungen wie diese: „Im Ghetto wohnen – aber eine vollverspiegelte Karre mit Subwoofer-Sound fahren!“ Oder auch: „Keinen geraden Satz sprechen können, aber sich bei Primark dumm und dämlich shoppen! Guck dir das Girlie da drüben an, wie viele Kilo Billigklamotten hat die wohl zusammengeramscht?“

Oder, etwas verhaltener, das hier: „Ich fahre ja immer zum guten IKEA.“ – „Huch, was ist denn ein guter IKEA? Und was wäre ein schlechter?“ – „Na, der gute liegt im Nordwesten der Stadt, der schlechte im Südosten.“ – „Gibt es nicht exakt das gleiche Zeug in beiden Häusern? Ist das nicht gerade das Prinzip, also der Charakter von IKEA, und zwar weltweit?“ – „Jaaa, schon. Aber die Leute da, die Gegend ... ich gehe eben lieber in den einen als in den anderen.“

Besonders deutlich ist auch das hier (ich schwöre, der Satz fiel genau so): „Um Euros betteln, aber, wenn niemand hinschaut, sein Smartphone checken – ist das nicht un-fass-bar!?!“ Einer gebildeten Frau aus dem Bekanntenkreis ist jene Bemerkung, nun ja, entfleucht. Kulturwissenschaftlerin, dreisprachig, selbst prekär, also: von Papa-Tochter-Überweisungen aus der westdeutschen Restwohlstandszone lebend.

Ja: Da war also ein frei herumlaufender Bettler (wieso haben die immer noch Freigang?), der einen Kommunikationsapparat der zweitneuesten Generation mit sich herumtrug (geklaut?), und das am helllichten Tag, auf offener Straße. Was denkt man da? Was dachte dann also offenbar die Papa-Tochter? Vermutlich etwas in der Art: Wer andere Leute um Kleingeld anhaut, der soll halt nicht twittern! Betteln und bloggen? Wo kommen wir da hin? Die Hand aufhalten und die WLAN-Verbindung schnorren, sich frech in unser aller Funkverbindungsnetz hinein-schmarotzen, das ist ja wohl typisch! „Wie kann der sich das denn leisten!?!“ Der Geist, der sich da Bahn bricht, ist leicht auf ein handliches Format zu verkürzen: „Wer zu den Verlierern zählt, soll sich gefälligst auch so benehmen!“

Nun hat der Hass auf sozial Schwächere viele Gesichter. Den einen liegt es eher, zu lästern; oder Witze zu machen; oder Jogginghosenstyle – ironisch gebrochen, hihi – für Trendmagazine als Sensation zu inszenieren; oder packende Erlebnisberichte über Begegnungen mit authentischen „Prolls“ zu verfassen. In jenen Fällen wird der Klassismus – so nennt die Soziologie inzwischen die Diskriminierung sozial Abgehängter – recht unverhohlen abgefeiert.

Es gibt auch eine weitaus elegantere Methode: Die Verachtung für Ärmere und Ungebildete lässt sich trefflich mit sogenannter Konsumkritik tarnen. Wer kauft denn den ganzen Plastikschrott, der die Ozeane versaut? Na? Na? Wer frisst denn Drecksburger und anderes Fertigfood? Wer zieht denn die unter schändlichsten Bedingungen hergestellten Billigklamotten der Marken X, Y und Z an, wer verbraucht denn den ganzen wertvollen Strom, und zwar für Computerspiele? Na? Na? Haben Sie ein Bild im Kopf? Und? Haben Sie mit diesem Bild im Kopf recht?

Oft hinke ich dem Markt und der Mode hinterher. In Wahrheit bin ich eine ganz miese Konsumentin, eine Minderleisterin im Feld des Geldausgebens, das muss ich jetzt mal eingestehen. Darum habe ich das folgende Buch, das schon 2010 erschien, erst jetzt, mit fünf Jahren Verspätung, gelesen: Das Versagen der Intellektuellen. Eine Verteidigung des Konsums gegen seine deutschen Verächter (250 Seiten, 21,80 Euro) von Thomas Hecken. Der Titel verrät schon das Wesentliche. Jenes Buch hat mich zu dieser Tirade hier gebracht. Ich empfehle es daher allerbesten Gewissens.

Katja Kullmann schreibt in ihrer Kolumne Die Konsumentin über Lust und Last des Geldausgebens

06:00 04.04.2015
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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Katja Kullmann

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