Katja Kullmann
Ausgabe 2414 | 25.06.2014 | 06:00 19

Ruinenporno: Jetzt bröckeln die Malls

Die Konsumentin Nach den Fabriken verrotten in den USA nun auch die Einkaufszentren – und wir schauen fasziniert hin

Ruinenporno: Jetzt bröckeln die Malls

Anfangs war es nur ein Nischenhobby, eine verquere Leidenschaft von Achitekturfreaks mit melancholischen Neigungen. Inzwischen hat es breite Bevölkerungsschichten erfasst: ein voyeuristisches Interesse an verkommenen, verlassenen Gebäuden. Blogs, Flickr-Streams und Magazine zeigen entkernte Fabrikgebäude, zerfallene Wohnblocks, Hotelskelette im Gegenlicht. Wir – wenn es etwas wie ein Wir heute überhaupt gibt – schauen fasziniert hin, mit einem gewissen Grusel. Wir kennen ja die Statistiken zu den Bildern: Der sogenannte Strukturwandel schubst Millionen Menschen in einen prekären Erwerbswettbewerb und lässt Kommunen zu Shrinking Cities, Schrumpfstädten, zerknittern. Wo die Jobs fehlen, gehen die Gemeinden den Bach runter. Mit einem Instagram-Filter über der Linse oder auf Hochglanzpapier gedruckt, sieht das richtig, richtig gut aus.

Ein echter Hit in jenem Segment: Der Fotoband The Ruins of Detroit, der 2010 im Kunstbuchverlag Steidl erschien, mit Aufnahmen aus der heruntergekommenen US-Autometropole. Liebhaber blättern für die Originalausgabe des Buchs mittlerweile bis zu 400 Euro hin. Es macht sich ja auch sehr gut als Coffee-Table-Accessoire in Lofts und Design-Etagen. 400 Euro sind auch insofern eine beeindruckende Summe, als eine vierköpfige Familie aus einer Detroiter Arbeitslosendynastie davon wohl einen halben Monat lang leben könnte. „Ruinenporno“ nennt der Detroiter Journalist James D. Griffioen die Lust auf den ästhetisierten Niedergang. In einem Interview mit dem amerikanischen Vice-Magazin machte er klar, wie obszön es ist, wenn gebildete White-Collar-Menschen sich am Verfall von Working-Class-Welten erfreuen.

Aus klassenkämpferischer Perspektive gibt es zu alldem nun aber eine gute Nachricht: Jetzt bröckeln nämlich verstärkt auch die Einkaufszentren – die Orte, an denen die gebügelte Mittelschicht, hüben wie drüben, einen Großteil ihrer staatsbürgerlichen Pflicht zu erledigen pflegt(e), mit Sonderangebotsvergleichen, Cappuccinotrinken, Gute-Laune-Mitmach-Gewinnspielen und „Buy two, get one free“-Exzessen. Gut 1.500 voll überdachte Einkaufsparadiese gibt es US-weit. Bis zu 15 Prozent davon werden voraussichtlich noch in diesem Jahr dichtmachen, prognostizieren Ökonomiebeobachter.

Prompt sind verwaiste Malls das neue, nun ja, Trendmotiv jenseits des Atlantiks. Black Friday lautet der Titel eines Buchs des Fotografen Seph Lawless aus Cleveland, Ohio, einer Stadt, die wie Detroit zum Rust Belt gehört, zum amerikanischen Ruhrgebiet. Auf Lawless’ Fotos sind stillstehende Rolltreppen und zersplitterte Showroom-Fenster zu sehen. „Als Heranwachsender hing ich oft in Malls herum“, sagt er. „Ich erinnere mich an den Geruch von Zuckerwatte und Springbrunnengeplätscher. Das war Amerika.“

Auch die Betreiber der Internetseite deadmalls.com sammeln Fotos und Beschreibungen eingegangener Shoppingkomplexe. Ja, die Lust am Niedergang trifft nun auch die Angestelltenkohorte in den Solarplexus. Und das ist nicht überraschend. Zunächst verflüchtigten sich für viele die Erwerbsgrundlagen: Hunderttausende Amerikaner erklärten sich 2011, im Zuge der Occupy-Bewegung, zu den 99 Prozent, die trotz Vollzeitarbeit nicht über die Runden kommen. Nun schwindet auch ihr natürlicher Lebensraum.

Und wir kommen aus dem Staunen, dem Starren, dem Glotzen nicht heraus. Das Alte neigt sich seinem Ende zu – das Neue, was und wie auch immer das sein könnte, zeigt sich noch nicht. Es ist, als würden wir „zwischen zwei Zeiten“ leben – schrieb Ödön von Horváth in Der ewige Spießer. Das war allerdings in einer noch viel böseren Zeit, im Jahr 1930.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 24/14.

Kommentare (19)

Columbus 25.06.2014 | 21:51

Gut beobachtet, Frau Kullmann. Ruinen waren und sind schon immer schön, für eine gewisse Kundschaft.

Allerdings sind die Shopping- Malls auch so gebaut, dass sie üblicherweise nach 15-20 Jahren abgeschrieben werden können. Das gilt für die USA ganz besonders, weil dort nicht einmal der Baugrund unbedingt viel wert ist. Die Mobilität und die Bereitschaft noch mehr Kilometer mit dem Auto zum Einkauf zu fahren, ist einfach größer.

Für die Kontraktoren und Geschäftsführungsgesellschaften ist das kein Problem, für die menschlichen Kulturfolger allerdings schon, denn sie verlieren so manche liebgewordene ökologische Nische.

Ich bin ja nicht allzu häufig in der goldenen Bärenhauptstadt der Einheit, regiert von der allergrößten Mehrheit aller Zeiten, wie das Land insgesamt.

Aber es gibt aus der deutschen Mittelstadt-Provinz, vielleicht auch nicht mit der gleichen Radikalität, ähnliche Vorgänge. In Koblenz baute die Strabag für ECE/Otto gerade auf dem Zentralplatz ein neues "Mittelrhein-Zentrum". Das an der kleinsten Innenstadt aller Großstädte leicht dezentral gelegene "Löhr-Center", es gehört auch zum Konzern, wird zwar noch betrieben, aber es kommt sichtbar in die Jahre. Währenddessen treibt Otto-ECE die Planungen für ein weiteres Projekt, gar mit einem großen Kulturanteil, weiter voran. Zwischen altem und neuem "Center" liegen 500 Meter.

Mit philosophischem Segen aus der ganz neuen, Frankfurter Schule (Norbert Bolz) des übermenschlichen Konsumismus, wird ein Center nach dem anderen aus dem Boden gestampft, weil es geht und sich rechnet. Die Gebäude sind wertlos, das meiste in Fassadentechnik eingehängt, angeklebt und vorgeblendet.

Was wirklich zählt sind die Geschäftslagen und die Raummeter vermietbare Geschossflächen. Und da kann es gar nicht zentral genug zugehen, weil da selbst regionale und lokale Einzelhändler und Dienstleister, obwohl sie sich das nicht leisten können, exorbitante Mieten zahlen. Die in 99% aller Städte vertretenen Ketten, machen das sowieso. Deren Sparpotentiale liegen im Einkauf, möglichst weit weg und in der Einsparung beim Personal.

Gibt es eigentlich auch gute Fotobände zur Stadt Baltimore? Die war einst als untergehende Crime city von Randy Newman besungen worden. Nun hat sie sich wohl neu erfunden und dort wird sicher neu angebaut, auch bei Shopping malls.

Beste Grüße

Christoph Leusch

knattertom 27.06.2014 | 15:10

"Was wirklich zählt sind die Geschäftslagen und die Raummeter vermietbare Geschossflächen."

Ich glaube es gibt noch ein, zwei weitere Parameter....., eingeschmissene Fensterscheiben und Diebstahl gibt es in Mall-Läden vermutlich sehr viel seltener, als bei herkömmlichen Einzelhandelsläden.

Wenn ich mir hier, im so krisengebeutelten Portugal, ansehe, dass der Staat es sich offensichtlich noch leisten kann, vor jedem Super- und Baumarkt, je nach Grösse, ganztägig mindestens einen, häufig aber auch zwei, Polizisten zu postieren, um Ladendiebe (oder Plünderungen?) zu verhindern, kann es so schlecht doch noch nicht gehen. Insgesamt werden m.E. die vollkommen falschen Prioritäten gesetzt.

Columbus 27.06.2014 | 15:44

Genau, Knattertom. Die Dinger werden ja auch bewacht. Aber das ist in den USA, durch zivile Sicherheitsfirmen, in Uniform und ohne, die Regel.

Deutschland gilt als das Land mit den meisten qm- Einzelhandelsfläche/Kopf der Bev. Einzelhandel ist bei uns, anders als in Italien, Spanien, Frankreich, allerdings ein Euphemismus. Die Center sind hauptsächlich von großen Markenartiklern und Ketten besetzt.

Man solle sich aber nicht täuschen, es gibt auch Ladenketten-Konsumkaufhäuser für Reiche und solche, die dafür gelten wollen. Davon gibt es Läden in praktisch jeder Weltbusiness-Stadt und an den Erholungsorten. Die Ware dort ist nicht unbedingt besser, besser gestaltet, besser verarbeitet, besser im Gebrauch, werthaltiger. Es geht da um den Distinktionsgewinn durch Markenbewusstsein.

Wir schweifen aber ab, weil unsere Aurorin ja eher noch diese Art Bücher für den Kaffee-Tisch, ich tippe ja mehr auf Tee, ein wenig auf die Schippe nimmt. Man kann ja von Glück sagen, dass für "Detroit" nicht auch noch ein Auflagetisch gekauft werden muss.

Das war einmal der Gipfel der Vermessenheit, aus dem Lieblingsverlagshaus für Kunst und Design, der Armen und Reichen, unter den Lesern oder Leser-Schauspielern.

Beste Grüße und gutes WE

Christoph Leusch

knattertom 27.06.2014 | 17:26

"Die Dinger werden ja auch bewacht. Aber das ist in den USA, durch zivile Sicherheitsfirmen, in Uniform und ohne, die Regel."

Nun, es scheint hier so, als würden die Menschen das Konzept "Selbstbedienung" im Zweifelsfall sehr wörtlich nehmen, aber das die Bevölkerung es akzeptiert, dass Steuergelder in solchem Umfang eingesesetzt werden, um private Unternehmen zu schützen, erstaunt doch sehr.

Man solle sich aber nicht täuschen, es gibt auch Ladenketten-Konsumkaufhäuser für Reiche und solche, die dafür gelten wollen.

Bei den Markenartikeln gibt es ja auch extreme nationale Gefälle, was in einem Land hochpreisig angeboten wird, gibt es in anderen Ländern beim Discounter oder Outlet.

Grundgütiger 29.06.2014 | 11:57

"Orte, an denen die gebügelte Mittelschicht, hüben wie drüben, einen Großteil ihrer staatsbürgerlichen Pflicht zu erledigen pflegt(e), mit Sonderangebotsvergleichen".

Fein beobachtet.

Der Cappuccino wird nun daheim getrunken, bestellt und geliefert von Pallhuber und Söhne, hätte Loriot gesagt.

Meine Postzustellerin klagt über ein drastisch zunehmendes Paketaufkommen.

Und so kommen diejenigen, die es können, ihrer staatsbürgerlichen Verpflichtung per Internet nach.

War früher das anprobieren von Klamotten kostenlos, jetzt kommt das Rücksendeporto.

Könnte wieder ein Punkt für den realen Laden werden.

Schaun mir mal.

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Ehemaliger Nutzer 29.06.2014 | 16:12

Das mit den Paketen wird noch schlimmer werden, wobei Klamotten so ziemlich das einzige sind, was ich nicht online kaufen würde. Der Rücktauschaufwand schreckt mich ab.

Wir sind gerade dabei eine Paketbox zu bestellen, damit das Zeug auch bei uns gelagert werden kann, wenn niemand zu Hause ist. DHL promoted das ja jetzt offensiv, geben tuts das aber Zusteller-unabhängig schon länger, scheint aber jetzt richtig loszugehen.

Der Grund für Online-Bestellerei ist einfach: man spart unheimlich viel Zeit, wenn man nicht nach Feierabend noch mit dem Auto verschiedene Märkte abklappern muss (und dann eh nicht findet was man sucht).

Ich sehe das mit lachendem und weinenden Auge. Die Konsequenz wird sein, dass noch mehr lokaler Einzelhandel verschwindet. Der Vorteil ist ein Gewinn an Zeit und Bequemlichkeit und an Marktzugangschancen für kleine Anbieter und Nischenhersteller. Evtl. entlastet die Sache sogar den Verkehr, Dank effektiverer Zustellung. Wer weiß.

Grundgütiger 30.06.2014 | 09:20

Die Profitstrategie dahinter ist relativ einfach, entscheident ist, was am Ende rauskommt.

Ob da Einzelhändler mitsamt der Belegschaft untergehen, oder ganze Regionen veröden, wen juckt´s?

Hauptsache, wir machen mit.

Ich hab mich nach einer heissen Phase wieder von einem grossen Onlinehändler aus den USA verabschiedet, er wird mir zu teuer.

Was 16jährige begeistert, heute bestellt, morgen geliefert, brauch ich nicht mehr.

Ich kann vollkommen ruhig mal zehn Tage warten.

Und geb auf Nachfrage auch mal dem örtlichen Einzelhandel wieder eine Chance.

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Ehemaliger Nutzer 30.06.2014 | 12:59

"Ob da Einzelhändler mitsamt der Belegschaft untergehen, oder ganze Regionen veröden, wen juckt´s?"

Ja, mehr oder weniger ungezügelter Kapitalismus ist halt so. Überall auf der Welt. Das Online-Zeug ist nur eine weitere Facette.

Die Regionen müssten nicht veröden, zu tun gäbe es genug, aber dazu braucht es ein staatliches Bekenntnis zu strukturell unterentwickelten Regionen und entsprechende Förderung.

Andererseits entkoppelt gerade die Online-Sache die Herstellung und den Vertrieb. Es gibt z.B. nicht wenige "Powerseller" die irgendwo in MeckPomm und in ländlichen Gegenden wohnen und ihre Scheune als Lager benutzen. Ein früher undenkbares Geschäftsmodell.

Ich kaufe an sich lieber in Geschäften, da es mit der Rückgabe leichter ist und man die Sachen vorher mal anfassen und anschauen kann. Aber online ist die Auswahl signifikant größer und manche Sachen gibt es nur dort.

Reimers 02.07.2014 | 11:54

Es ist, als würden wir „zwischen zwei Zeiten“ leben – schrieb Ödön von Horváth in Der ewige Spießer. Das war allerdings in einer noch viel böseren Zeit, im Jahr 1930.

Die aufschlussreichere Planungsstudie in Hinsicht auf die "Neue Welt" dürfte hier wohl eher Zbigniew Brzezinski mit seinem Buch

Between Two Ages

geliefert haben.

Die Autorin beschreibt zwar sarkastisch, worüber sich Teile der noch nicht abgestiegenen Schichten der USA ergötzen und dafür auch noch ansehnliche Summen zahlen, es scheint mir aber ein wenig dürftig, nur diesen Aspekt des sozialen Dramas in und um Detroit herauszuheben.

Es könnte sich lohnen, eine sorgfältige Recherche vorausgesetzt, den bewußt herbeigeführten Zerfall dieser Stadt unter Verwendung schlicht krimineller Methoden herauszuarbeiten. Mit der jüngst angekündigten Speerung der Wasserversorgung für ca. 150000 Einwohner Detroits ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Früher gab es zwar auch schon Brutalst-Methoden von Firmen wie der WPA (siehe WPA-Blues), deren Methode der Häusersäuberung darin bestand, selbige schlicht in Brand zu setzen - egal wer dort noch wohnte, aber dies waren nur Vorboten einer jetzt um sich greifenden Antisozialpolitik, die nichts weiter als politisches Mafiositum ist.