Selbstbildnis mit Sessel

Einsichten Auf einer neuen Dating-Seite präsentieren sich Singles mitsamt ihrer Wohnungseinrichtung. Was verrät uns diese?
Katja Kullmann | Ausgabe 04/2014 4

Coco sitzt auf einem Cocktailsessel. Und lächelt. Aber ganz zurückhaltend. Sie weiß, dass sie gerade fotografiert wird und schaut demonstrativ an der Kamera vorbei. Der Sessel, auf dem sie posiert, steht als solcher auch schon recht ironisch da, auf seinen zierlichen Füßen aus ockergelbem Nachkriegsholz. Ein Fundstück aus den Tiefen des 20. Jahrhunderts, als die Welt sich noch ganz wirtschaftswunderig im Kreis drehte, superoptimistisch, herrlich berechenbar. Was auch immer dieses Möbelstück schon alles erlebt hat: Jetzt, im Januar 2014, steht es in Berlin-Neukölln, in der Wohnung der sympathischen Frau Coco also, die 29 Jahre alt ist, Pilates und Kurt Krömer mag und nichts dagegen hätte, sich wieder einmal richtig zu verlieben.

Im Gegenteil heißt die Webseite, auf der man Frau Coco und ihren Sessel betrachten kann. Man trifft dort auch Lara, 24, aus Kreuzberg, beim Brotaufschneiden in ihrer Küche. Oder Julian, 35, aus Hamburg-Eimsbüttel, der eine stattliche Sammlung an Fernbedienungen sein Eigen nennt. Sie alle – und noch viel mehr hübsch anzusehende Menschen zwischen 20 und 40 – sind auf der Suche nach Liebe. Und sie lassen einen dafür nah an sich heran. Führen ihre Schreib-, Ess- und Beistelltische vor, ihre Bilderwände, Star-Wars-Figuren und Wohlfühlecken, oder wie man wohnzimmerige Sitzgruppenlandschaften heute nennt. Jede Fotoserie ist mit einem Dreieck markiert: „Sucht Girls“ steht da, oder „Sucht Boys“.

Der Single und sein Habitat

„Wir zeigen Menschen in ihrer heimischen Umgebung auf ehrliche Weise“, heißt es in der Selbstbeschreibung der Webseite. Vergangenen Herbst ging Im Gegenteil an den Start, als „Online-Magazin, das von Herzen kommt“. So bezeichnen es jedenfalls die Erfinderinnen und Produzentinnen, zwei wiederum überaus sympathisch wirkende junge Frauen, die sich nur mit ihren Vornamen vorstellen: „Jule und Anni, beide in Berlin geboren und im besten Alter: um die dreißig. Anni ist verheiratet, Jule ist Single. Das gemeinsame Ziel: glücklich sein und andere glücklich machen.“

Auch wenn das wie das halbironische Zitat einer viertelironischen Kampagne eines bösen Großkonzerns klingt: Einen Sponsor gibt es augenscheinlich noch nicht, jedenfalls ist kein solcher zu erkennen. Ihr „Magazin“ erstellen Jule und Anni im digitalen Do-it-yourself-Modus. Sie besuchen jeden Single, der sich online vorstellen will, persönlich, wofür sie sich nach eigener Aussage jeweils etwa zwei Stunden Zeit nehmen. Und weil das nicht ganz unaufwendig ist, beschränkt sich die Verkupplungs-Auswahl bislang auf Berlin und Hamburg: „Wir kommen zu dir nach Hause, trinken Kaffee, Tee oder Whiskey Cola. Anni fragt dich aus und Jule knipst nebenbei.“

Nun könnte man diese Sache als eine weitere Netz-Spielerei für postadoleszente Gemüter abtun. Man könnte auch die uralte Platte von der „Oberflächlichkeit“ des Internets neu auflegen oder einen weiteren Choral wider den Narzissmus in der digitalen Welt anstimmen. Das wäre aber in etwa so originell wie der Trockenblumenzweig, der in jeder zweiten der gezeigten Single-Wohnungen in einer schlichten Wasserflasche, in einer gesprungenen 50er-Jahre-Vase oder in einer zerbeulten Milchkanne dekoriert ist – als fast schon obligatorischer Ausweis sogenannter Authentizität.

Bourdieu hatte recht

Tatsächlich ist Im Gegenteil aber gerade in seiner „ehrlich“ und „individuell“ daherkommenden Gleichförmigkeit höchst aufschlussreich – besonders für Alltags-Anthropologen und Sozialpsychologen. Auf harmlose bis charmante Art führt dieses Online-Magazin uns nämlich eine ganze Reihe gegenwärtiger Schmerzens- und Problemfelder vor Augen.

Da ist zum einen die irre verschwommene Trennlinie zwischen „privat“ und „öffentlich“ – und der damit einhergehende Geheimnisverlust. Keine noch so kleine Überraschung mehr beim Erstbesuch der neuen Bekanntschaft: Bis zur Keramikeule auf der Heizung ist das Seelen-Interieur schon ausgeleuchtet.

Da ist, zum Zweiten, der Konsum der Romantik, wie Eva Illouz es einmal nannte: Die Person wird samt Samtkissen zum Portfolio, das sich abscrollen lässt wie ein Werbeprospekt. Auch zu einem Foto-Spaziergang „in deiner Hood“ sind die Kandidaten aufgefordert. Und man kann sich gut vorstellen, wie der Single X vor Annis und Jules Besuch erst die beeindruckendsten Bücher in seiner Wohnung zusammenklaubt, um möglichst fotogene Stapel daraus zu basteln. Und wie er sie dann durch die Nachbarschaft führt, so lange, bis eine geeignete Kulisse gefunden ist. Großstadtmensch vor Graffito: Das ist ja ein beinah schon klassisch zu nennendes Motiv für die große Erzählung des einigermaßen schicken, modernen, urbanen Lebens. Man kennt es auch von sogenannten „Selfies“ – selbstbewussten Selbstporträts per Selbstauslöser. Dabei immer wichtig: Augenzwinkern nicht vergessen!

Und schließlich ist Im Gegenteil auch ein schöner Beleg für die „Habitus“-Mechanik, die der Soziologe Pierre Bourdieu in den Achtzigern beschrieb. Bestimmte Stilelemente – alte Lehrerzimmer- oder Hobbykellermöbel, die einen Anflug von dänischem Design markieren – tauchen in fast jeder vorgestellten Wohnung auf.

Und das alles ist so toll fotografiert, dass es an das bekannte Angeber-Blog Freunde von Freunden erinnert. Bei den Freunden stellt die wohlhabende Kuratoren-Klasse ihre Lebenswelt aus, echte Kunstwerke im Wohnzimmer sind da keine Seltenheit. Bei Im Gegenteil ähnelt sich auch sehr vieles. Aber hier ist es eher die unter- oder unbezahlte Praktikanten- und Freelancerklasse, die ihre liebevoll improvisierten Second-hand-Habitate vorführt. Im Gesamtbild zeigt sich hier also ein gewisser Klassenhabitus, der sich vielleicht – wer weiß – eines Tages seiner selbst bewusst wird, wenn er sich nur lang genug selbst betrachtet. Single Janko, 37, freier Fotograf, formuliert es mit breitem Grinsen so: „Ikea halt – richtig scheiße!“

 

06:00 05.02.2014
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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Katja Kullmann

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