Tanz den Übermut

Porträt Jimmy Somerville gab mit seinen 80er-Pop-Songs nicht nur schwulen Kleinstadtjungs eine Stimme. Als gereifter Musiker ist er wieder da
Katja Kullmann | Ausgabe 11/2015 5
Tanz den Übermut
Jimmy Somerville: „Ich hatte schon immer ein Faible für Discodivas“
Foto: Dave J. Hogan/Getty Images

Eine Hotelbar in Berlin, Presse-Promo-Interview-Termin. Das Deutschlandradio ist da, ein paar Zeitungen. Und eine Abordnung aus der hohen Schule des Diskurses: Popfeuilletonist Max Dax ist erschienen, und das Magazin Spex hat sich angemeldet, mit Justus Köhncke, einem der intelligentesten Technomusiker des Landes. Köhncke und die Journalisten wollen mit Jimmy Somerville reden – über den Rhythmus und den Sound und das Glitzern, über das Unerhörte, das der zierliche Schotte da jetzt rausgehauen hat.

Vor rund 30 Jahren wurde Somerville mit seiner markanten Falsettstimme bekannt, als Sänger bei Bronski Beat und den Communards. Jetzt hat er, nach längerer Pause, ein Soloalbum vorgelegt, ein Werk, das er Homage nennt und das so bombastisch gut – vor allem: so gut gelaunt – klingt, dass man es beim ersten Hören kaum glauben kann und sich auch noch dagegen sträuben will. Spielt man es zum zweiten Mal ab, bekommt der Begriff Frühlingsgefühle eine neue Dimension. Beim dritten Mal ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man durch die Wohnung tanzt, ohne sich dagegen wehren zu können.

der Freitag: Herr Somerville, es ist leider ganz schlechter Journalismus, wenn ein Interview so beginnt, aber ich muss es Ihnen gleich sagen: Sie waren sehr wichtig für mein Heranwachsen, eine Identifikationsfigur.

Jimmy Somerville: Wirklich? Das ist doch nicht schlimm, dass Sie das sagen. Das freut mich.

Aber ich bin eine Frau, noch dazu heterosexuell. Als Sie in „Smalltown Boy“ vom Aufbruch eines Provinzjungen sangen, war ich 14, verstand kaum Englisch und wusste gar nicht genau, was schwul bedeutet. Ich hatte den Eindruck, Sie singen von mir.

Das ist doch toll. In Smalltown Boy geht es um die Enge in der Provinz Um Leute, die einen beobachten und einem sagen, wie man zu sein hat. Ich glaube, der Song fing ein Gefühl ein: Wer bin ich? Wer will ich sein? Es gibt zwei Sorten von Menschen: Diejenigen, die bleiben, wo sie aufgewachsen sind, und diejenigen, die rauswollen. Der Song handelt von dem Moment, in dem man den Schritt wagt. Da ist auch Angst im Spiel. Man lässt hinter sich, was man kennt. Selbst auf die negativen Dinge kann man sich ja immerhin verlassen.

Wie war das Aufwachsen für einen schwulen Jungen in Glasgow? Es ist eine Working-Class-Region, da waren sicher „starke Männer“ gefragt, Malocher ...

Ja, Glasgow ist ein Ort der Maschinen und der schweren Arbeit. Und es ist eine sektiererische Stadt. Jeder hasste jeden. Das ist eines der ersten Dinge, die man als Kind dort lernt: Wie man hasst. Die Protestanten hassen die Katholiken, die Arbeiter hassen die Oberschicht, jeder denkt vom anderen: „Der hält sich wohl für was Besseres!“ Außerdem lernst du, dass Leute aus Glasgow die Leute aus Edingburgh hassen müssen … Es klingt albern, aber es macht dich selber ziemlich hart. Ich habe in dieses enge Gerüst nicht hineingepasst. Ich fühlte mich völlig entfremdet, von Anfang an.

Wie war Ihr Coming-out? Hatten Ihre Eltern Verständnis?

Mein Vater arbeitete auf dem Bau, meine Mutter war Krankenschwester. Es waren einfache Leute, geradeheraus. Ich wusste erst mal gar nicht, was mit mir los war. Ich trieb mich früh auf der Straße herum, in Gegenden und mit Leuten, die nicht gut für mich waren. Ich trug eine Menge schwarzer Gedanken in mir und entdeckte den Alkohol, als ich noch sehr jung war. Das war eine dunkle Zeit. Und dann war ich eben noch schwul …

… unter all den harten Jungs.

Einerseits war ich ein richtiger Loner, sehr einsam. Andererseits tat ich sehr viel, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich stellte wirklich blöde Dinge an, rastete oft aus. Ja, ich war süchtig nach Aufmerksamkeit – und hasste mich dafür. Bei einem Psychologen las ich Jahre später einmal, dass das ein typisches Verhalten für einen schwulen Jungen sein kann: die Verunsicherung überzukompensieren, mit besonders aggressivem Auftreten, Machogebaren. Ich habe noch dazu sehr hohe Testosteronwerte.

Haben Sie das etwa testen lassen?

Ja, warum nicht? Vor einigen Jahren wollte ich das mal herausfinden, es war eine Phase der Selbstbefragung. Testosteron ist bei mir im Übermaß vorhanden. Es macht manchmal verrückte Dinge mit einem. Jedenfalls war ich wohl ein ziemlich gestörtes Kind.

„Smalltown Boy“ kam 1984 heraus, in einer Zeit, in der Aids ein Riesenthema war. Interessanterweise gab es damals einen ganzen Schwung schwuler Bands, oder Bands, die mit dem Schwulsein kokettierten, Marc Almond und Soft Cell, Erasure, Frankie goes to Hollywood, Culture Club.

Aber Boy George sagte damals noch nicht, dass er schwul war. Genauso wenig wie Freddie Mercury.

Einsam vor dem Coming-out

Es beginnt in einem Zug, miteinem Blick auf die Gleise: Das Video zu Smalltown Boy, Jimmy Somervilles erstem Hit, zeigt den damals 23-Jährigen als nachdenklichen jungen Mann. Erst sitzt er allein in einem Provinzzug, später im Clip sieht man ihn bei den Eltern am Esstisch: Die spießig wirkende Mutter serviert ihm ein gekochtes Ei, der Vater schaut streng. Dann steht der junge Mann in einem Hallenbad – wo er andere junge Männer in Badehosen beobachtet. Auch wenn keine Textzeile von Homosexualität handelt, erzählt der Song von der Einsamkeit vor dem Coming-out, nicht nur mit den melancholischen Synthiepopklängen, sondern vor allem mit Somervilles markant hoher Stimme. Mit seinem Falsett ließ er während einer Konzertprobe angeblich einmal mehrere Gläser zerspringen.

Als Smalltown Boy 1984 für Somervilles erste Band, das Trio Bronski Beat, zum weltweiten Hit wurde, wohnte Somerville schon in London. Mit 17 hatte er seine schottische Heimat verlassen.

In London gelang ihm dann nicht nur eine persönliche Befreiung, sondern auch eine musikalische Karriere: Nach zwei Jahren mit Bronski Beat gründete er 1985 mit Richard Coles das Duo The Communards. Die beiden hatten mit Coverversionen von Soul- und Funkklassikern Erfolge, etwa mit Never Can Say Goodbye von Gloria Gaynor. 1988 trennte sich das Duo. Somerville schaffte es bis in die 90er als Solist mit weiteren Coverversionen in die Charts, in den Nullerjahren wurde es stiller um ihn. Heute pendelt er, einstweilen ohne Partner, zwischen London und Brighton. Jimmy Somervilles neues Album Homage ist soeben bei Membran erschienen.

Da waren jedenfalls Wesen, die man nicht richtig lesen konnte. Männliche Popstars mit Lidstrich und Glitzerjäckchen. Sie trugen damals Bomberjacken und nahmen Coverversionen von Funk- und Disco-Klassikern auf, meistens Songs, die ursprünglich von Frauen gesungen wurden.

Ich hatte schon immer ein Faible für Discodivas, ja. Und ich wollte auch immer mal ein richtiges Discoalbum machen.

Das ist Ihnen jetzt gelungen. Ihr Album „Homage“ ist verblüffend: Einerseits klingt es ganz original, wie der Sound aus den späten 70ern, frühen 80ern, mit Bläsern, Frauenchören, allem Pipapo. Aber es klingt überhaupt nicht nach einem Retroaufguss, sondern wirklich sehr, sehr frisch.

Danke. Ich glaube das liegt daran, dass ich Disco heute als Genre betrachte. Als Pool, als Reservoir. In gewisser Weise ist es ein historischer Sound. Und ich habe dazu meine eine eigene musikalische Geschichte, auch als Zuhörer. Auf diese Geschichte kann ich jetzt, mit 53, zurückblicken. Ich glaube, es mussten all die Jahre dazwischenliegen, damit ich zum Kern, zur Essenz durchstoßen konnte.

Was wäre denn die Essenz von Disco? Auf dem Albumcover sieht man eine männliche Statue, einen Atlas, der keine Welt-, sondern eine Discokugel trägt.

Disco entstand im Underground. In kleinen Nischen, als Subkultur. Es war nie nur eine reine „Spaßmusik“. Disco stammt von Leuten, die unterdrückt waren, ausgeschlossen. Ursprünglich ist es auch eine Musik von Schwarzen. Der Sound ist euphorisch, überbordend. Disco war von Anfang an auch in der Schwulenszene sehr beliebt, weil es eine so körperliche Sache ist, das Tanzen, das Schwitzen. Mit dieser Musik, mit dem hedonistischen Ansatz von Disco haben Leute einen Sound, eine Stimme geschaffen für ihr So-Sein, wenn man das so sagen kann. Leute, die bis dahin unsichtbar waren, die gewöhnt waren, sich zu ducken. Das Prinzip von Disco ist die Feier – the big celebration. Eine Feier der Verschiedenheit. Lustvoll, optimistisch, allen Widerständen zum Trotz. Dieser Geist steckt drin.

Glauben Sie, dass dieser hedonistische Geist aktuell eine Chance hat? Dass er gesucht wird?

Was ich auch transportieren will, ist mein Optimismus, meine Lebenlust. Es sind angstbeladene Zeiten. Auch ich selbst erlebe immer wieder schwarze Löcher. Ich musste zum Beispiel mit meiner Sucht klarkommen. Der Alkohol, andere Substanzen … Ich kenne dunkle Momente, das muss ich so sagen. Wenn ich dazu heute noch die Nachrichten lese: Ich wollte zu dieser Stimmung ein Gegenstück schaffen. Etwas, das sagt: Hier bin ich, ich behalte den Kopf oben. Ich feiere, das Leben und mich.

Gibt es die Disco noch als Ort? Nach der Disco kam der Rave, die große Veranstaltung in der Fabrikhalle. Heute sprechen wir eher von Clubs als von Discos.

Einen großen Unterschied zwischen Club und Disco sehe ich nicht. Bis vor fünf, sechs Jahren ging ich noch oft tanzen. Worauf es ankommt, ist, dass ich einen Ort finde, an dem ich mich auch für mich allein bewegen kann. Einen Raum, in dem ich mich verausgaben kann, auch ganz für mich. Haben Sie schon mal von der Disco-sucks!-Bewegung gehört?

Nur mal aufgeschnappt.

Das war Ende der 70er, kam aus den USA, ein Musikjournalist fing damit an – einer aus der konservativen, weißen, heterosexuellen Ecke. Eine erzreaktionäre Angelegenheit. Es wurde behauptet, der Discosound sei gar keine richtige Musik, nicht ernst zu nehmen. Das war eben die Reaktion auf eine Bewegung von Leuten – schwarz, schwul, nicht gerade aus der Oberschicht –, die eine eigene Form für sich gefunden hatten und sich damit sehr gut amüsierten.

Würden Sie sagen, dass wir heute weiter sind in den westlichen Gesellschaften, was die Geschlechterrollen und -grenzen angeht?

Ja, da ist etwas dran. Aber es ist alles sehr kompliziert. Es gibt Frauen und Männer mit der Bürde einer „speziellen“ Sexualität – so werden sie noch immer betrachtet. Schwule Männer haben da einen anderen Weg eingeschlagen, ich glaube auch, sie sind weiter als Frauen.

Lesben haben es schwerer?

Die Schwulenbewegung ist eine sexuell aufgeladene Szene, die sehr männliche Methoden hat. Während lesbische Frauen oder auch der Feminismus – diese Bewegungen waren von Anfang an viel stärker politisch. Aber nicht so sichtbar, nicht so offensiv. Die Frauen haben ja auch viel erreicht. Aber es ist immer noch verrückt, was sie mit sich machen lassen.

Was genau meinen Sie damit?

Wenn ich eine heterosexuelle Freundin treffe und sie zeigt mir ihr neuestes Outfit, denke ich oft: „Ist das dein Ernst? Willst du an einer Pole-Stange tanzen? Mit all dem Make-up – hergerichtet wie eine bizzare Kreatur, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen?“ Dass auch die intelligentesten Frauen sich immer noch von der Mode- und Kosmetikindustrie so in die Zange nehmen lassen: Das kann ich oft gar nicht glauben. Die Travestie macht ja ihre Witze darüber. Nehmen wir etwa Kylie Minogue: Ich mag sie! Aber man spürt ihre ungeheure Anstrengung, ein visuell attraktives Etwas zu erzeugen. Wenn ich mir das neue Video von Kylie ansehe, dann höre ich da echt gute Popmusik. Und ich frage mich: Warum reicht das nicht? Warum hat sie das nötig? Warum singst du es nicht einfach, Kylie? Wozu der ganze Zinnober?

Von Ihnen gibt es aktuell ein ganz natürlich wirkendes Video: Sie treffen auf einen Straßenmusiker in Berlin, der gerade „Smalltown Boy“ singt. Sie haben einen kleinen Hund an der Leine, stellen sich dazu und singen mit.

O ja, das ist hübsch. Aber ich bin ehrlich: Es ist nicht echt, nur ein Youtube-Gag. Der Musiker ist ein Bekannter. Der Hund heißt Otto und gehört mir gar nicht.

Wäre ja auch zu schön gewesen: schwuler Mann mit Schoßhund.

Hehe, das wär ja schlimm! Wieder eines dieser ganz blöden Klischees.

06:00 03.04.2015
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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Katja Kullmann

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