Katja Kullmann
Ausgabe 0614 | 07.02.2014 | 06:00 2

Verehrte Maschine

Gefühle Zehn Jahre blubbert Facebook schon vor sich hin. Allen Skandalen zum Trotz wird es mehr geliebt denn je

Wenn es rückblickend über bestimmte Generationen heißt, sie seien Wirtschaftswundermenschen, Wendemenschen oder 68er gewesen, bedeutet das bekanntlich nie, dass alle im selben Umfang dabei waren. Nur ein paar Zehntausend haben vor 45 Jahren im Westen der Republik „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ skandiert. Die große Mehrheit fand das vielleicht unheimlich oder ärgerlich oder ging davon aus, dass die „langhaarigen Bombenleger“ sich bald wieder verzögen. Trotzdem hat sich die Welt seither markant verändert. Freilich hat im Jahr 1968 noch niemand von den 68ern gesprochen. Es ist schwer, die Gegenwart zu erkennen, während sie sich noch vollzieht.

Wir in unserer herrlich hektischen Zeit ahnen aber schon heute, wie man uns später einmal nennen wird. Ja, es mehren sich die Hinweise, dass unsere Gegenwart als „Facebook-Ära“ in die Chroniken eingehen wird – und dass mehr damit gemeint sein könnte, als nur die Erfolgsgeschichte eines Internet-Konzerns.

Man kann das Facebook verachten, kann sich all die Jahre davon ferngehalten und es als Marginalie abgetan haben – und dennoch spürt man just in diesen Tagen, da das Facebook zehn Jahre alt wird: Es ist wohl doch mehr dran. Am 4. Februar 2004 ging der Prototyp der Sozialmaschine an der US-Eliteuniversität Harvard an den Start. Und es ist schon erstaunlich, wie der Facebook-Geburtstag nun schon Tage vor dem eigentlichen Datum abgefeiert wurde, von der Tagesschau über Spiegelonline und die Bunte bis zur Deutschen Handwerkszeitung. Das weißblaue Jubiläum hat den Rang eines journalistischen Pflichttermins, es wird gerade ähnlich behandelt wie das Thema „100 Jahre Erster Weltkrieg“, mit detailierten Chronologien und Schaubildern.

Fast wie „100 Jahre Krieg“

„Facebook nervt, Facebook ist der Feind, aber: Wir könnten nicht ohne!“, das war der überrraschend versöhnliche Tenor, den die meisten Journalisten anschlugen. Von der Häme und dem Kulturpessimismus, mit denen die Maschine in ihren Anfangsjahren noch belegt wurde, war kaum noch etwas übrig. Stattdessen kamen viele Texte im halbintimen „Ich“-Modus daher, und eine zärtliche Selbstironie schwang mit: „Schön ist’s halt schon.“

Der Sozialmaschine geht es gut. Jeder vierte Erdenbürger soll inzwischen dabei sein, und die Mitgliederzahlen steigen angeblich noch immer, genauso wie der Kurs der Facebookaktie. Unterdessen ist dieFacebook-Forschung zu einer eigenen Disziplin geworden. So behaupteten kürzlich einige US-Forscher, Facebook habe Schwierigkeiten, jüngere Mitglieder an sich zu binden, weshalb es vergreise. Andere US-Wissenschafler antworteten: Alles Quatsch! Bei den Jungen habe es nur eine kleine Anmeldedelle gegeben, jetzt kehrten sie, zumindest in den USA, zurück. Worauf wieder andere US-Forscher – diesmal von der Harvard-Konkurrenzuniversität Princeton – die massenhafte Facebook-Nutzung mit einer ansteckenden Krankheit verglichen. Spätestens 2015 nähmen die Symptome ab, und schon 2017 hätten sich achtzig Prozent der Nutzer zurückgezogen, übrig blieben nur chronisch Kranke. Eine australische Psychologin verbreitete derweil die Love-&-Peace-Botschaft, das Facebooken habe eine „selbsttherapeutische“ Wirkung. Während französische Wissenschaftler behaupteten: Je einsamer der Mensch sei, desto häufiger logge er sich in der Sozialmaschine ein. Was den Menschen leider noch unglücklicher mache, als er eh schon sei.

Man muss gar nicht im Facebook selbst herumlesen, es genügt, das Geplapper drumherum zu studieren, und man versteht: Der lang erwartete, große, globale Gegenwartsroman ist längst da. Er heißt Facebook, und er erzählt von einer kleinen, sehr menschlichen Utopie – und von einer großen Entzauberung – und von den angestrengten Versuchen, die Entzauberung herunterzureden, sie harmonisch in die Gesamterzählung einzupassen, damit doch noch ein Happy End zustande kommt. Der Roman hat klar identifizierbare Protagonisten: Es sind die schwer flexibilisierten, hochnervösen Mittelschichten in aller Welt. Facebook ist ihre Schlüsselerfahrung, ihr Selbstbildnis und ihr Vermächtnis. Das verzagte „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ der Bewegung lautet: „Keep calm and carry on.“

Keep calm and carry on

Zehn Jahre lang wurde die große Facebookfrage falsch herum gestellt. Viel interessanter als die Frage, was das Facebook mit „uns“ macht, ist doch die Frage, was „wir“ mit dem Facebook machen. Warum „wir“ uns da so engagieren.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Comicfigurenwoche. Sie trug sich Anfang 2009 zu, als die Maschine gerade dabei war, auch diesseits des Ozeans voll anzuspringen, und sie begann damit, dass irgendjemand vorschlug, alle mögen ihr Profilfoto mit dem Bild einer Comicfigur ersetzen. Es war ein frühes, noch ganz unzynisches Facebookwunder, und es spiegelte das Große im Kleinen: Eine Stimmung war plötzlich da – ein Spaß, der einfach stimmte, jedenfalls für den Moment. Und so kam es, dass für ein paar Tage lauter Charlie Browns mit Daisy Ducks chatteten, dass Hulk mit Lupo plauderte und Gundel Gaukeley mit Kimba, dem Löwen.

Erst mit Abstand betrachtet, fallen die Gleichzeitigkeiten auf: Es waren die Monate nach dem Lehman-Crash. Die Phase, in der die Gegenwart in „Krise“ umgetauft wurde und in der SPD-Veteran Franz Müntefering vorschlug, statt von „Unterschicht“ künftig nur noch vom „Prekariat“ zu sprechen. Die Phase, in der öfters mal Vorstädte und Autos brannten und in der klar wurde, dass der Kapitalismus bedrohlich knirschte. Genau da explodierte das Facebook. Genau da machten Hinz und Kunz sich zu Tim und Struppi.

Diejenigen, die heute Leit- und Liebesartikel über das Facebook schreiben, sind Pi mal Daumen dieselben, die es groß machten: vitale Erwachsene aus den Postbabyboomer-Jahrgängen. Für das deutscheFacebook ist es angeblich belegt: Es sind nicht die 15-Jährigen, es sind deren ältere Geschwister oder gar Eltern, die die Maschine am Laufen halten, 30- bis 45-Jährige, die so gern so viele Nachrichten lesen, dass sie inzwischen anerkennen (müssen), dass das Facebook ein korrupter, fast zu Tode algorithmisierter Überwachungsapparat ist.

Mit all seinen kleinen Datenskandalen, suspekten „Sicherheitsupdates“ und automatisierten „Gefällt mir’s“ ist Facebook auch eine Volksvorschule für durchaus brisante Internetfragen. „Wem gehören meine Daten?“, mussten die Nutzer sich schon fragen, bevor Edward Snowden seine Sensationen auspackte. Gefolgt ist daraus nichts. Und als Snowden dann ausgepackt hatte, erkannten sich nicht nur Facebook-User, sondern erkannte sich jeder, der im Internet unterwegs war, als unbezahlter Betatester. Als unfreiwilliger Produktentwickler, der aufs Arglosteste an einer potenziellen Waffe mitgearbeitet hatte. Als Trottel, der den Komplex Big Data gefüttert und damit gefährlich gemacht hat, und leider keine Delete-Taste mehr drücken kann.

Facebook ist eine Backlash-Erfahrung von vielen. Vielleicht eine Backlash-Erfahrung zu viel, als dass diejenigen, die drin hängen, sie auch noch wahrhaben, verdauen, weg-„verarbeiten“ können oder wollen. Facebook befördere den Narzissmus, heißt es öfters mal. Das Gegenteil ist vielleicht viel eher wahr: Facebook ist eine einzige narzisstische Kränkung. Als User ist man ein mitlaufender Selbstläufer oder ein selbst laufender Mitläufer, summa summarum: ein unerhebliches, entmündigtes Nichts unter Milliarden anderer Nichtse.

Facebooker sind tendenziell schlaue, Menschen. Aber sie hängen an der Maschine, in einer sehr eigenartigen Form von Trotzliebe – und das auch, weil sie anfangs ein paar redliche, vielleicht zukunftsweisende Hoffnungen auf den Apparat projizierten. Es ging um einen moderat modifizierten Entwurf von Bürgerlichkeit.

Da war, erstens, die Idee des Selbermachens. Die ungeheure Do-it-yourself-Lust, auch im Digitalen: Sie ist gekoppelt an das Idealbild einer „anderen Arbeit“ und an die Idee der Demokratisierung der Produktionsmittel. Zwar ging und geht es bei Facebook nur um das Sichselbstproduzieren. Aber genau das – das optimierte Selbst – ist über die nuller Jahre ja zur entscheidenden, wenn nicht zur einzigen Ressource geworden, mit der man sich eventuell eine Zukunft gestalten kann. Facebook ist auch ein Überlaufbecken für das, was das Magazin Neon „Unnützes Wissen“ nennt. All das mühsam ergoogelte Halbwissen, all die brachliegende populärkulturelle Belesenheit, das ganze symbolische Kapital: Auch in der Sozialmaschine übersetzt es sich nicht in Euros, aber dort kann man es wenigstens mal vorzeigen – look at me!

Da war, zweitens, eine Sehnsucht nach einer Art transportabler Gemeinschaft – bei gleichzeitigem Erhalt der persönlichen Einzigartigkeit. Das Interesse an einem Kollektiv, das nicht dogmatisch wirkt, das auffängt und wärmt, ohne dass das „Ich“ geändert oder klein gezwungen wird. Der sehr aktive Facebook-User hat antibürgerliche Züge. Er versucht, die klaustrophobische Privatheit, die er vielleicht aus seiner Kindheit noch kennt, zu überwinden. Jene Art von Privatheit, bei der die Nachbarn bloß nicht wissen sollen, was sich hinter den Vorhängen abspielt.

Eine andere Bürgerlichkeit

Und da war, drittens, die vage Vision einer Globalisierung von unten. Die Lust auf ein friedliches, inspirierendes Weltbürgertum am Bildschirm. Abgesehen von der Snowden-Depression wurzelt hier vielleicht die größte Facebook-Enttäuschung: im Steckenbleiben in der eigenen Filter Bubble (Eli Pariser). Bei Facebook wird man zwangsweise zum Milieumutanten. Man kommt aus seiner eigenen Klasse, Schicht, Kohorte partout nicht heraus. Man trifft bei Facebook nie einen Menschen, der kategorial „anders“ ist. Jeder beliebige U-Bahn-Waggon bietet mehr mitmenschliche Überraschungen und Sozialbildung.

Was wir nach zehn Jahren Facebook so gut wie gesichert feststellen können: Die Facebook-Menschen sind die bestaufgeklärten, reichsten, noch immer irgendwie freiesten, aufgeschlossensten Menschen, die bisher über den Planeten Erde gewandelt sind. Und es wird die Sozialpsychologen der Zukunft noch ausgiebig beschäftigen: Warum jene Menschen nichts anderes gemeinschaftlich zustande brachten, als ein albern vor sich hinflackerndes Gesichterbuch mit Gewinnspielbonus.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/14.

Kommentare (2)