Wutbürgerin und Grande Dame

Staatsoberhaupt Beate Klarsfeld hat mit ihrer Kandidatur als Bundespräsidentin keine Chance. Dabei wäre sie, die stets die Relikte des Nazi-Regimes bekämpft hat, eine gute Wahl

Alles an ihr wirkt französisch, ganz „Grande Dame“: die klassische Garderobe, der dezente Schmuck – und vor allem die Sprache. Wenn Beate Klarsfeld deutsch spricht, verschlingern sich manche Silben ins Nasale. Viele Sätze beschließt sie in ungewohnt hoher Tonlage, der französischen Melodie folgend. Manchmal wirkt es so, als hätten die Sätze ein offenes Ende, als handele es sich eher um Fragen als um Aussagen. Doch Klarsfeld weiß genau, wovon sie redet, und sie nimmt jedes Wort so ernst, dass sie ihre Stirn beim Sprechen leicht runzelt. Fest blickt sie ihrem Gegenüber in die Augen, etwas vorgebeugt, als ob sie sicherstellen wollte, dass ihre Worte auch tatsächlich ankommen – und verstanden werden.

Sie sei eine „sehr moralische Person“, sagt Beate Klarsfeld, 73, über sich selbst. In einem der wenigen TV-Interviews, die sie seit ihrer Nominierung zur Kandidatin für das Bundespräsidentenamt gegeben hat, bezeichnet sie sich als „Aktivistin“. Bis nach Syrien und Südamerika erstreckt sich das Wirkungsgebiet der Frau, deren Lebenswerk und Wesen bisweilen auf die griffige Formel „Nazi-Jägerin“ eingedampft wird. Mögen ihre Methoden auch oft grenzwertig gewesen sein: Nie haben Beate Klarsfeld und ihr Ehemann Serge sich in ihren Recherchen geirrt. Alle „Gejagten“ wurden schließlich verurteilt, darunter Gestapo-Chef Kurt Lischka, der 76.000 Juden aus Frankreich hatte deportieren lassen, und der SS-Mann Klaus Barbie, der „Schlächter von Lyon“. Ohne Klarsfelds Engagement wären all diese Verbrechen nie geahndet worden.

„Ich habe das Image von Deutschland im Ausland verbessert“, stellt Klarsfeld selbstbewusst fest. Die Nominierung für das höchste Amt im deutschen Staat betrachte sie als „immense Anerkennung“. Anders als DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck hat sie bislang keinerlei staatliche Ehrung für ihre Leistung erhalten – für ihren unermüdlichen Kampf gegen die dunkelbraunen Rest-Bestände im System „Deutschland“. Zweimal wurde sie für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, zweimal hat man es ihr verweigert.

In Paris wohnt sie, ganz Kosmopolitin. Das Deutschland, das nun doch endlich einmal nach ihr ruft, ist dasselbe, das es immer schon war: ein hochneurotisches Land, das eine Reihe Politik-Darsteller zuletzt bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs regiert hat. Und so hat es, vorauseilend untertänig, Jo­achim Gauck schon als neues Staatsoberhaupt begrüßt – obwohl der Mann noch gar nicht gewählt ist. Jetzt ist Klarsfeld – nach einigem Hin-und Her in der Linkspartei – in die Krönungsinszenierung geplatzt. Es ist, als träten ein „altes“ und ein „neues“ Deutschland noch einmal gegeneinander an. Die Frage ist nur, wer dabei welchen Part übernimmt.

Klarsfelds Kandidatur ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen ist die Linke die einzige Partei, die vom Gauck’schen General-Konsens-Verfahren ausgeschlossen war. Zum anderen ist die Partei dafür bekannt, dass es immer wieder zu antisemitischen Ausfällen innerhalb des linken Linken-Flügels kommt. Auch im Auswahlverfahren um Klarsfeld gab es Stimmen, die der „Nazi-Jägerin“ eine zu „israelfreundliche“ Haltung ankreideten. „Man hat mich einstimmig nominiert, man respektiert und schätzt meine Haltung“, sagt Klarsfeld dazu – und runzelt wieder die Stirn.

Genau wie Gauck ist sie ihr Leben lang parteilos geblieben. Beide sind Vertreter eines politischen Widerstands. Wobei Gauck gegen ostdeutsches Unrecht kämpfte – und jetzt von westdeutsch verwurzelten Parteien favorisiert wird. Während Klarsfeld sich gegen west- beziehungsweise gesamtdeutsches Unrecht einsetzte – und von der einzigen so genannten Ostpartei ins Rennen geschickt wird. Trikot-Tausch, sozusagen.

Klarsfeld und Gauck stehen jeweils für einen Aufbruch – aber die Freiheits-Begriffe, die sie geprägt haben, sind sehr unterschiedlich. Gauck, der Antikommunist, ersehnte in den achtziger Jahren die kapitalistische Freiheit und begleitete die Restbestände der DDR hinaus auf die neo-liberale Lichtung der Nachwende-Ära. Klarsfeld, die Antifaschistin, ist mit ihrer Ohrfeige gegen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger wegen dessen NSDAP-Vergangenheit 1968 auch ein früher Proto-Typ der „Wut-Bürgerin“. Sie begann ihren Weg in einer Zeit, in der um eine andere Liberalisierung gestritten wurde: Um die Befreiung aus Herkunfts- und Geschlechter-Korsetts, Toleranz für verschiedene Lebensentwürfe und die Demokratisierung des Kulturbetriebs. Als kritische Zeitgenossin begleitete sie die Anfangsjahre dieser Individualisierung. Und sie bekämpfte die Relikte des Terror-Regimes, das die Teilung des Landes in BRD und DDR überhaupt erst verursacht hat.

Vor allem aus diesem Grund wäre Klarsfeld als Bundespräsidentin eine gute Wahl: Die Erinnerung an die DDR wird noch lange lebendig bleiben. Aber die Zeitzeugen des Nazi-Regime – Täter, Opfer, Widerstandskämpfer – sterben aus. Bald wird niemand mehr leben, der aus erster Hand aus dem gefährlich dummen, fürchterlichen „Deutschland“ berichten kann, das es einmal gab. In Zeiten, da der braune Terror in Gestalt des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ wieder grassiert und kein Mensch weiß, welcher Gesinnung Staatsbeamte in ihren undurchsichtigen Verfassungsschutz-Institutionen anhängen, könnte Beate Klarsfeld für Deutschland sprechen. Aber am 18. März wird es, davon kann man ausgehen, anders kommen.

Katja Kullmann, ist Journalistin, Essayistin und Schriftstellerin. Mitte März erscheint bei Suhrkamp ihre Reportage Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet

08:00 02.03.2012
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Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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