Bloggen statt trommeln

Wahlkampf Sten Nadolny und Tilman Spengler schreiben einen Blog aus der Zukunft - für den Kanzler Steinmeier. Mit schöner, leider nicht mit spitzer Feder

Wer Prognosen abgibt, präsentiert seinen Lesern die offene Flanke – sagen sie doch oft mehr über das Wollen als über die Wirklichkeit. So muss man zumindest das jüngste Werk des Schriftstellers Sten Nadolny verstehen – steinmeier-blog.net gibt einerseits vor, aus der Zukunft zu stammen, in der Frank-Walter Steinmeier gerade Kanzler von Deutschland geworden ist. Der erste Eintrag in dem Blog handelt andererseits von den Irrtümern der Demo­skopen. Da ist vom Rücktritt des Vorsitzenden des "Bunderverbandes deutscher Demoskopen (BDD)" die Rede, weil man sich verschätzt habe. Begriffe wie "negatives Prognoseverhalten", ­"Toleranzgrenzen" und "Homo oeconomicus" tauchen als Zitate auf – damit man sie in Anführungszeichen, Symbol eines verzweifelten Ringens um Ironie, setzen kann.

Der Kampf darum dauert an, die ­Ironie von steinmeier-blog.net will einfach keine werden. Vom Widerspruch zwischen wörtlicher und gemeinter ­Bedeutung ist kaum eine Spur: Dass Demoskopen irren, Zeitungen Fehler machen, Kürzelwahn und politische Correctness manchmal seltsame ­Formen annehmen, Silvio Berlusconi ein Geck ist, die Parteiprogramme sich alle irgendwie gleichen – ist nicht nur die Meinung der Masse, sondern offenbar auch die von Sten Nadolny und ­seinem Co-Autor Tilman Spengler. Dieser Mangel an Widersprüchlichkeit scheint nur den beiden selbst noch nicht aufgefallen zu sein, deshalb lassen sie ihren Gedanken freien Lauf. Über die Einführung eines sozialen Pflichtjahrs schreibt Nadolny etwa: "Ich halte die Idee für viel zu vernünftig, als daß man damit in Deutschland Wahlen gewinnen kann. Quatsch." Was dieses so biedere wie arrogante Ernstmeinen vermeintlich ironischer Wendungen für die Namen bedeutet, deren Erfindung den beiden Autoren offenbar großen Spaß bereitet (Fritz Stürmer, Urs Nörgels), will man nicht erst bedenken.

Dabei ist es nicht so, dass die beiden Schriftsteller nur im Unrecht wären (von Steinmeiers Kanzlerschaft abgesehen). Wir sind uns ja alle einig, dass Berlusconi ein Geck ist und Zeitungen Fehler machen. Das hat man nur schon so oft gehört, dass steinmeier-blog.net dem nichts mehr hinzufügen kann.

Nadolny und Spengler müssten ­kräftiger auf den Putz hauen, um die ideologischen Mauern in Deutschland tatsächlich ins Wanken zu bringen. Und ein wenig öfter auch an ihren eigenen sozialdemokratischen Idealen rütteln; das machen sie nämlich unverkennbar ungern. Sie schreiben vielleicht schön, aber wahrlich nicht mit spitzer Feder: Der Elfenbeinturm liegt im Erdgeschoss. Und ab und an auch mal eine Etage tiefer.

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Ihre Freitag-Redaktion

12:05 21.07.2009
Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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Ausgabe 39/2020

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