Der grüne Tee greift an

Spam-Kolumne Auch Spam-Mails sind von der globalen Wirtschaftskrise betroffen. Sie werden immer seltsamer. Warum ist das so?

Wenn das Geld knapp wird, kommen Spammer erst wirklich zu sich, sie kennen die Bilanzen schließlich nicht anders als im Minus, sie sind die Krise. Wo das Angebot deutlich größer ist als die Nachfrage, tritt der Spammer auf den Plan, um uns – mit seiner üblichen Mischung aus vermeintlich persönlicher Ansprache und allgemeingültigen Weisheiten – gerade jetzt zum Konsum zu überreden. "Hilfe in der Krise" verspricht etwa Virginia, mehr als den Link verrät sie in ihrer Mail allerdings nicht; Christie wiederum stopft bereits den Betreff voll mit ihrem Verständnis dafür, dass wir gerade nicht so viel Geld für Uhren, Schmuck, Portemonnaies und Taschen ausgeben können; ist ja auch gar kein Problem, Christie weiß schließlich, wo man's billiger bekommt. Auch Sally kann uns gut verstehen – "We are all in a tough situation but there is no need to give up" – und hat die Lösung ("There is always a way to make money") im selben Atemzug parat: Einfach im Online-Casino gewinnen! Dass wir da nicht selbst drauf gekommen sind...

Auch Violet ist voll des Mitgefühls für ihre Kunden, sie schreibt deshalb: "Unter den Bedingungen der Finanzkrise führen wir die Werbeaktie mit der speziellen kostenlosen Prüfung durch." Das mag kein ganz korrektes Deutsch sein, aber dank der Worte "speziell" und "kostenlos" versteht man schnell, was sie uns sagen will. Worum es sich handelt, weiß man zu dem Zeitpunkt ebenfalls. Das steht jedoch nicht im Betreff (da ist recht allgemein von "Den Gewichtsverlust ohne Probleme" die Rede), sondern fungiert als Absender; Violet versteckt sich hinter – tja, das muss man wohl als Pseudonym bezeichnen: "Der grüne Tee greift an". Und wie greift er an, der grüne Tee? Nun, als aromatische Mischung aus Ost und West, aus Damals und Heute, aus Erfahrung und Fortschritt: "In altertümlichem China war die wohltuende Handlung des grünen Tees auf den Organismus des Menschen bemerkt. Ebenso – waren auch Hundert Weisen der Vorbereitung dieses heilsamen Getränkes entwickelt. Die moderne Wissenschaft hat dieses Phänomen studiert eben hat aufgeklärt dass der grüne Tee hilft, den Metabolismus zu verbessern und, das Zerspalten der Fette zu vergrössern."

Das Zerspalten der Fette zu vergrössern!

Auch Fletcher, Tricia und Alberta geben sich auf den ersten Blick nicht als Fletcher, Tricia und Alberta zu erkennen, sondern nennen sich stattdessen "Die schlanke Figur.", "Ohne Diäten abzumagern." und "Die wirksame Senkung des Gewichts." Allen dreien gemein ist der Artikel, den sie feilbieten: noch so ein vermeintliches Naturprodukt, diesmal Acai. Wieso die Mails ihre eigene Herkunft mittels Diät-Pseudonymen verschleiern, bleibt unklar. Immerhin geben ihre Absender mit diesem Ersetzen des eigenen (natürlich ebenfalls erfundenen) Namens durch den Slogan zu, dass das Gerede vom natürlichen Leben auch nur eine Werbestrategie unter anderen ist – wenngleich eine in der Krise wohl besonders verführerische.

In ihrer Kolumne öffnet uns Katrin Schuster regelmäßig den Blick in die Abgründe und Absurditäten der elektronischen Post. Letztes Mal beschäftigte sie sich mit dem Fragezeichen

Katrin Schuster, Jahrgang 1976, ist Medien- und Literaturkritikerin und seit 2005 Freitag-Autorin. Sie lebt in München

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Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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