Der Kosmos des Lesens mit allen Sinnen

Medientagebuch "Leselust", die neue "Zeitschrift, die mehr als ein Buch ist", enthält kein Wort über Literatur. Dafür gibt sie dem Begriff Exklusivität eine neue Dimension

Auf Seite 143 des neuen Magazins Leselust steht ein Rezept namens „Hummer mit Artischocken und Schwarzkohl“. Darüber der Hinweis „Von Kolja Kleeberg für unsere Leser“ sowie ein Button in zartem Terrakotta-Ton, der darauf aufmerksam macht, dass es sich um ein „Exklusivrezept“ handelt. Tatsächlich ist dieses Rezept so exklusiv, dass es sogar den Käufern von Leselust vorenthalten wird: Die Einkaufsliste für „Hummer mit Artischocken und Schwarzkohl“ führt weder Hummer noch Artischocken noch Schwarzkohl an. Stattdessen Linsen, eine Dose Tomaten, Geflügelfond und anderes. Die Zubereitungsanweisung endet mit den Worten: „Eiskalt serviert ist diese Suppe auch eine köstliche sommerliche Vorspeise.“ Dieser Fehler – nicht der einzige, bloß der gröbste in diesem Heft – bezeugt nicht nur die Gleichgültigkeit der Redaktion gegenüber dem Content (oder eben ihre Unbildung: Dass der FAZ-Feuilletonchef Bahners, nicht Bahner, heißt, hätte wenigstens einer wissen sollen), sondern darf durchaus als Symptom verstanden werden: Leselust – "Die Zeitschrift, die mehr als ein Buch ist", ist viel weniger als ein Buch und enthält vor allem kein einziges Wort über Literatur.

Allein, das hatte dieses Magazin wohl ohnehin nie im Sinn: Erfunden hat es der Designer Peter Schmidt, der vom Hamburger Senat vor einigen Jahren den Ehrentitel Professor verliehen bekam und in Leselust natürlich gerne als solcher erwähnt wird. Beispielsweise im Editorial, in dem Schmidt erklärt, dass Bücher ihn „begeistern – im wahrsten Sinne des Wortes“ und es der Zeitschrift um „den Kosmos des Lesens mit allen Sinnen“ gehe. Als Autoren hat man keine Literaturkritiker bestellt, sondern zwei Journalisten, die ihre Meriten bei Magazinen mit so lustigen Namen wie Für Sie, Woman oder Gala verdient haben. Ihnen fällt es nicht schwer, dem Leser das Gewöhnlichste als Besonderes zu verkaufen und Bücher in die Kategorien „Der Autor“, „Worum es geht“ und „Wa­rum es uns gefällt“ zu verpacken. Zur Sprache dagegen kaum ein Wort. Vielleicht ist das aber auch besser so – denkt man sich nach der Lektüre längerer Leselust-Texte, wie etwa dem über die Leipziger Buchmesse. Hier wird zunächst der Unterschied zu Frankfurt erklärt – wo es „hinter verschlossenen Türen um fette Deals mit Rechten und Lizenzen geht“, während in Leipzig „die Lust des Lesers im Mittelpunkt“ stehe – und schließlich die Geschichte rekapituliert: „Zur echten Publikumsmesse wurde Leipzig aber erst zu DDR-Zeiten: Als Kontaktbörse für Buchliebhaber und Literaten – von denen viele im Osten verboten waren. Inzwischen darf jeder lesen, was er will. Das Happening-Feeling aber ist geblieben.“

Dass Leselust bloß ein weiteres Werbeblättchen in der Reihe der Lust-Magazine ist, wiewohl es sechs Euro kostet, bezeugen die ausführlichen Leseproben, Produktinfos (Lesezeichen, E-Book-Reader, Lesebrillen) sowie die eifrig gephotoshoppten Bilder der – „Wir durften die beiden bei einem heiteren Streitgespräch belauschen“ – Autorinnen Frauke Scheunemann und Wiebke Lorenz. Oder die sechsseitige Geschichte über Kolja Kleeberg, die dessen Restaurant VAU – für das Professor Peter Schmidt das Logo entwarf – und dessen neues Buch – das Professor Peter Schmidt gestaltete – ausführlich bewundert. Den traurigen Höhepunkt stellt schließlich der Comicstrip auf der letzten Seite dar: Eine Rothaarige und eine Blonde am Cafétisch; sagt die Blonde: „Ich liebe es, wenn mir ein Mann …“, zweites Bild: „… im Bett was vorliest“; daraufhin die Rothaarige im dritten Bild: „Vorher oder nachher?“

Katrin Schusterist freie Autorin und schreibt regelmäßig das Medientagebuch

13:00 08.04.2011
Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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