Der Quellcode-Test

Rechtsstreit Nun geht Facebook doch noch gegen seine Kopie Studi-VZ vor. Die wurde vermutlich nur gegründet, um geschluckt zu werden. Zuerst bekanntlich vom Holtzbrinck-Konzern

Den Titel „Fakebook“ mussten die Kritiker des sozialen Netzwerks Studi-VZ nicht erst erfinden, um dessen dreiste Ähnlichkeit mit dem Portal Facebook zu kennzeichnen. Die Studi-VZ-Entwickler hatten einige ihrer Dateiordner bereits selbst so benannt, wie eine Fehlermeldung des Portals später enthüllte.

Warum erst jetzt, fragten sich dementsprechend viele, als bekannt wurde, dass nach dem US-amerikanischen Facebook nun auch dessen deutscher Ableger dem Portal Studi-VZ, vom Holtzbrinck-Konzern Anfang 2007 für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag erworben, den Diebstahl geistigen Eigentums vorwirft und Klage eingereicht hat. Tatsächlich unterscheidet die beiden Communities fast nichts außer der Farbe ihrer Corporate Identity, Facebook ist blau, Studi-VZ rot. Auch dass Studi-VZ sich seit seinen ersten Tagen – im Gegensatz zu Facebook – technisch nur wenig weiterentwickelt hat, weist darauf hin, dass dort keine Programm-Bastler, sondern Männer mit Lust aufs schnelle Geld am Werk sind.

Um dererlei Idealismen wird es in der juristischen Verhandlung natürlich nicht gehen. Bei Vorlage der Klage regte die Kölner Wettbewerbskammer zunächst eine außergerichtliche Einigung an. Ein Vergleich der beiden Quellcodes soll nun die Antwort auf den Plagiatsvorwurf und die möglichen Konsequenzen ermitteln. Dass Facebook Studi-VZ am liebsten vom Halse hätte, ist kein Geheimnis: Wer sieht es schon gerne, wenn ein Anderer mit den eigenen Ideen Erfolge feiert? Angeblich wollte Facebook Studi-VZ bereits vor zwei Jahren übernehmen, und man darf getrost annehmen, dass die Studi-VZ-Gründer nichts anderes im Sinn gehabt haben. Das Kopisten-Geschäftsmodell hat sich bewährt, weil das Aufkaufen der Doppelgänger für die eigentlichen Erfinder meist schneller, einfacher und oft sogar billiger kommt, als langwierige Prozesse anzustrengen; das funktionierte bereits bei dem deutschen Internetauktionshaus Alando bestens, das sich an sein Vorbild Ebay verhökerte.

Dass Holtzbrinck sein Herz an das Studi-VZ verlieren würde, war nicht zu ahnen – und dürfte den ursprünglichen Eignern ohnehin ziemlich egal sein, da sie so oder so einen guten Schnitt gemacht haben. Man muss dem Verlagsriesen noch dafür dankbar sein: Erst sein vehementes Engagement für das Portal zwingt Facebook nun zum Gang vor die Gerichte – und ermöglicht wenigstens in diesem Fall ein Ende der kommerziellen Selbstjustiz und vielleicht sogar ein Urteil, das wieder ein wenig mehr rechtliche Klarheit und Sicherheit ins Internet bringt.


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12:00 11.05.2009
Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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Ausgabe 41/2021

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