Der unverstandene Wohltäter

Google Die Suchmaschine hat keine Feinde, aber es gibt Menschen, die das einfach nicht verstehen wollen. Katrin Schuster über eine Info-Veranstaltung zur neuen Google Book Search

Bis vor kurzem musste man auf der Google-Seite noch die Rubrik wechseln, wollte man Bilder, Bücher oder Karten finden. Mittlerweile ist das nicht mehr nötig, da auf der Ergebnisseite der normalen Websuche nun auch Fundstücke aus den anderen Kategorien erscheinen. Was man bei Google als "Vermischung der Indices" bezeichnet, bedeutet nichts anderes als einen weiteren Schritt auf dem Weg der konsequenten Abschaffung eines Außerhalb, indem man jegliche Inhalte des WWW auf der einen, eigenen Domain integriert. Fast könnte man meinen, der Suchmaschinen-Konzern sei paranoider als seine Gegner.

In jedem Fall ist es erstaunlich (oder eben nicht), wie sich diese technische Struktur in der Firmenphilosophie niederschlägt. Noch vor ein paar Jahren hätte man Menschen, die mit glänzenden Augen erzählen, es sei ihre "Vision, das Wissen der Welt zu organisieren", wohl einmütig für größenwahnsinnig erklärt. Heute wundern sich diese Menschen schon, wenn dererlei Aussagen nicht für Begeisterungsstürme sorgen. Sie veranstalten Pressekonferenzen zum Thema Google Book Search, die sie "Round Table" nennen, um "alle Seiten zu Wort kommen" zu lassen – laden aber (von den Journalisten abgesehen) nur Befürworter der Google Book Search ein. Sie kommentieren Referate von Kollegen dort mit "Wow!", die Euphorie in eigener Sache scheint grenzenlos, kritische Nachfragen dagegen mögen sie nicht besonders, da können sie schon mal harsch werden.

Zehn Millionen Bücher

Wirkliche Gegner gibt es ohnehin keine, wie der Journalist lernt: Die einen hätten nur noch nicht verstanden, wie die Book Search funktioniert, wird gleich mehrmals betont. Und mit den anderen befinde man sich längst im ebenfalls wiederholt angeführten "konstruktiven Dialog". Wer an der Rechtschaffenheit von Google bislang nicht zweifelte, der tut es spätestens jetzt, weil gar so lautstark auf ihr bestanden wird.

Die Fakten hinter all der Rhetorik: Zehn Millionen Bücher hat Google mittlerweile weltweit digitalisiert, und ein Ende dieser Unternehmung ist nicht in Sicht. Juristisch sieht man sich, was Deutschland betrifft auf der sicheren Seite, da allein gemeinfreie Werke zur Vollansicht angeboten würden, andere dagegen nur ausschnitthaft einsehbar sind und die Rechteinhaber darüber jederzeit bestimmen könnten. Die Kommerzialisierung des Dienstes, gegen die man sich einst verwahrte, kann endlich kommen: Bald sollen bezahlte Onlinezugänge zu Büchern möglich sein und will man Abonnements für akademische und andere Organisationen anbieten. Dass man damit in Konkurrenz zu Onlinebuchhändlern trete, verbietet der Google-Sprech freilich zuzugeben. Ohnehin war das gar nie Googles Idee, sondern wurde angeblich von den am so genannten Partnerprogramm beteiligten Verlagen eingefordert.

Google und die Staatsbibliothek

Überhaupt trägt Google stets ziemlich wenig Verantwortung: Dass nicht mehr gilt, was man noch vor ein paar Jahren behauptete, liegt eben daran, dass die Zeiten sich ändern; dass IP-Blocking keine wirksame Maßnahme gegen den Zugriff auf die amerikanische Book Search (die durchaus hierzulande geschützte Bücher enthält) ist, kann man eben nicht ändern. Das Knowhow, mit dem man das ändern könnte und über das, wenn nicht Google, wer dann verfügt, wird offensichtlich anderswo gebraucht: Wenn es etwa um technische Details der Digitalisierung geht, gefällt sich Google nämlich in jovialer Geheimniskrämerei, da will man das Wissen der Welt plötzlich nicht mehr so gerne mit dieser teilen.

Dass ohne Google in diesem Bereich im Grunde nichts mehr geht, beweist einmal mehr die Bayerische Staatsbibliothek (BSB), die an der Digitalisierung all ihrer Bestände arbeitet. Einen Teil dieser Arbeit finanziert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), den Großteil aber – über eine Million Bände aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert – scannt Google (an geheimem Ort, versteht sich), ohne dass der BSB für diese Public Private Partnership irgendwelche Kosten außer der Sicherung und Bereitstellung der frei Haus gelieferten Kopien entstünden. Dieses Nebeneinander von DFG und Google ist aussagekräftiger, als einem lieb sein kann – weil anzunehmen ist, dass die DFG diesen Wettkampf verlieren wird. Das Wissen der Welt wird in Zukunft wohl immer seltener von der öffentlichen Hand organisiert. Und immer öfter von einer Suchmaschine mit Hang zu Worthülsen und Datenspeicherung.

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Geschrieben von

Katrin Schuster

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