Die "Bunte" auf Abwegen

Boulevard-Magazine Die Gier nach Äußerungen des Privaten scheint zu groß, um ihr zu widerstehen; man möchte fast meinen, es handele sich um den letzten Kitt, der unsere Welt zusammen hält.

Von Resten bürgerlicher Moral zeugt es, wenn das Ausspähen des Privatlebens von Franz Müntefering und anderen Politikern durch die Presse als Skandal empfunden wird. Allerdings tun sich alle schwer, dieses Gefühl in konkrete Worte zu fassen – als verstünde es sich von selbst, dass sich ein Vorgehen nicht gehört, wie es die von dem so genannten People-Magazin Bunte beauftragten Rechercheure der Agentur CMK an den Tag gelegt haben.

Kann man ernstlich an den Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft hängen, der Trennung von Privatem und Öffentlichem und damit an der Verfassung, die die Unverletzlichkeit der Würde, der Wohnung sowie des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses garantiert – wenn von einigen Medien zugleich gegen die private Unversehrtheit angegangen wird (Boulevardmagazine, Überwachungskameras, Social Communitys). Und zwar ohne, dass sie deshalb vor Gericht zitiert würden.

Pech gehabt

Oft heißt es dann, wir wären selbst daran schuld, dass wir zu fröhlich flottierenden Zielgruppenstatistiken degenieren, weil wir mit uns und unseren Daten viel zu freigiebig hausieren gingen. Wer im World Wide Web surft, an Preisausschreiben teilnimmt, die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt, eine Zeitung abonniert und sich womöglich noch bei Facebook angemeldet hat – wer, kurz gesagt, am normalen Leben teilnimmt, der habe eben Pech gehabt, wenn seine Visage, sein Kaufverhalten oder seine Kontonummer in fremde Hände gerät. So wie Franz Müntefering eben Pech gehabt hat, dass er eine Person öffentlichen Interesses ist. Wir alle gelten mithin bereits als Personen des – wenigstens potenziellen – öffentlichen Interesses: Wer in den Medien vorkommt, ist auch für die Medien interessant ­– und dafür kann schon ein eigenes Blog oder ein Auftritt in einer Doku-Soap genügen.

Die Gier nach den Äußerungen des Privaten scheint schlichtweg zu groß, um ihr zu widerstehen; man möchte fast meinen, es handele sich um den letzten Kitt, der unsere Welt zusammen hält. Mit dem Begriff des Sozialen, mit einer in gegenseitiger Fürsorge verbundenen Gemeinschaft hat das jedoch wenig zu tun. Dass die Bunte ihre Geschichte über die neue Beziehung Franz Münteferings in das Gewand eben dieser Fürsorge kleidete – „Schön, dass er wieder lachen kann“, lautete die Schlagzeile der Titelgeschichte über den SPD-Mann und dessen neue Frau –, entblößt den Mangel ohnehin mehr, als dass sie ihn verhüllte. Eine derartige Heuchelei sozialer Wärme erzürnt freilich, aber justiziabel ist sie nicht. Und hätte es nicht „Münte“ getroffen, sondern einen Prediger der Eigenverantwortlichkeit, dann hätten wir vielleicht sogar frohlockt: Da seht ihr, wo es hinführen kann, wenn der Staat den Schutz des Privaten nicht mehr gewährt oder am besten noch bei dessen Raubbau vorneweg johlt.

Steuern auf Klatsch

Helmut Markwort, der Lebensgefährte der Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel, forderte jüngst, Presseerzeugnisse von der Mehrwertsteuer zu befreien. Um sie aus der Krise zu retten, sei demnach der ermäßigte Satz von sieben Prozent noch zu hoch, der aus, wie es bei der Bundesregierung heißt, „kultur- und bildungspolitischen Erwägungen“ eingeführt wurde. Was Franz Münteferings Liebesleben mit der Kultur- und Bildungspolitik zu tun hat, darf man sich angesichts dessen schon fragen. Es geht hier nicht darum, den Boulevard abzuschaffen, der seine Berechtigung haben mag wie alle andere Unterhaltung auch. Nur bildet der Boulevard nicht, weshalb eine 19-prozentige Versteuerung für Produkte wie die Bunte angemessener wäre. Dann käme den Lesern solcher People-Magazine die Ausbeutung des Privaten wenigstens ein wenig teurer zu stehen.


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Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)

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