Die große Leere der Buchmesse – ein Nachruf

Kulturkommentar Es gab eine schöne Smartphone-App. Doch auf die Frage nach Kookbooks, Luxbooks, Supposé et cetera wusste das Gerät immer nur dieselbe Antwort: „Keine Treffer“

Es gehört zum guten intellektuellen Ton, Bücher nicht auf die schwarze Schrift zu reduzieren, sondern das Weiß des Papiers zu lieben. Man freut sich über die Bedeutung, die „zwischen den Zeilen“ stattfindet und kokettiert mit den „Leerstellen“, die Literatur erst zu richtiger Literatur macht. Wie ernst die Rede von der Leere und vom Verschwinden zu nehmen ist, sah man deutlich an der diesjährigen Buchmesse, und das nicht nur wegen der leeren Stände, die als hässliche Zahnlücken das Grinsen des Betriebs verunzierten.

Eine Facebook-Statusmeldung des Blumenbar-Verlags sprach Klartext: „Frankfurter Buchmesse ab morgen: Blumenbar in Halle 4.1 F 118. Diesmal ohne Bier Plattenspieler.“ Und doch verschwieg sie das Wesentliche, denn trotz der exakten Ortsangabe ließ sich der Verlag, der noch jedes Jahr sowohl akustisch als auch optisch auf sich aufmerksam gemacht hatte, leicht übersehen. Weder wurde er im Online-Verzeichnis der Buchmesse geführt, noch kannte ihn die zugehörige App, und als Mieter des Stands 4.1. F118 fungierten Bloomsbury-Verlag und Berlin-Verlag. Irgendwo zwischen deren Büchern fanden sich wohl auch ein paar aus dem Hause Blumenbar, um das es ziemlich still geworden ist, seit es mit dem Berlin Verlag eine „Vertriebspartnerschaft“ eingegangen ist.

So praktisch die Smartphone-App der Buchmesse ist, so hilflos war es, wenn man nach denen suchte, die bislang durch außerordentliche Präsenz bestachen und in diesem Jahr also als Lücken von sich reden machten. Auf die Frage nach Kookbooks, Luxbooks, Supposé et cetera wusste das Gerät immer nur dieselbe Antwort: „Keine Treffer“. Selbst der Taschen-Verlag, dessen Räumungsverkauf am letzten Tag der Messe sich jedes Jahr wie eine Versteigerung geriert hatte, war gar nicht erst angereist. Und Eichborn, man weiß es, ist im Verschwinden begriffen: Der Verlag hat Insolvenz angemeldet und wird künftig nicht mehr anzutreffen sein.

Heilsversprechen des Nicht-Haptischen

Die Abwesenheit Einzelner hat individuelle Gründe, das Gemeinsame an den Leerstellen ist jedoch augenfällig. Bei den genannten Verlagen und weiteren, die ebenfalls an ihrer kommenden Teilnahme zweifeln, erscheinen Bücher, die mehr darstellen als schwarze Schrift auf weißem Grund. Bücher, die schön anzuschauen und schön anzufassen sind. Bücher also, die für die angebliche Zukunft des Buches, das E-Book, nicht in Frage kommen. Deshalb war man wohl so ergriffen von der Halle des Ehrengastes Island: Weil dort dutzende Privatbibliotheken auf Videos festgehalten waren, die mehr anfassbare und schönere Bücher beinhalteten als viele der Messestände, die das brillante Stellwand-Weiß längst der Ausstellung schwarzer Buchstaben vorziehen.

Allerdings verblasst auch das Heilsversprechen des Nicht-Haptischen. Der Anteil der E-Book-Verkäufe liege bei „Nullkommairgendwas“, heißt es (und daran dürften nicht allein die „Raub- kopierer“ schuld sein). Dass das E-Book das Buch weder ersetzen kann noch wird, wissen Melancholiker freilich längst: Ihre Verlustängste gelten ja nicht dem Papier als solchem, sondern der metaphysischen Einsamkeit zwischen den Zeilen und der stillen Endlichkeit zwischen zwei Buchdeckeln. Und die gründen nunmal in den 26 Buchstaben des Alphabets, während sie in der banalen Differenz von Null und Eins schlichtweg nicht widerhallen.

Die große Leere der Frankfurter Buchmesse – ein NachrufKulturkommentar


Katrin Schuster

Katrin Schuster beobachtet für den Freitag den Literaturbetrieb

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Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)

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