Einer von Millionen

Freizeitarbeit Beim "Crowdsourcing" wird das Wissen von vielen zugunsten einzelner verwertet

Was tut man nicht alles als Mensch im 21. Jahrhundert: Man holt seinen Kaffee selbst, tätigt seine Überweisungen selbst, baut seine Möbel selbst zusammen, sorgt für ansprechenden "Content" bei flickr, in Blogs und Social Communities und unterhält im besten Fall noch die Fernsehgemeinde, wenn man an einer Dokusoap, Talkshow oder bei Deutschland sucht den Superstar teilnimmt. Das kostet Zeit, Nerven und manchmal das Selbstbewusstsein, spart aber denen, die dafür so wundervolle Begriffe wie "Consumer Education" oder "Interaktive Wertschöpfung" erfunden haben, jede Menge Geld. Denn: Wozu Profis mit einem Job betrauen, wenn engagierte Laien ihn deutlich billiger erledigen? Und oft genug noch dessen Risiken tragen: Wer den Kaffee verschüttet, weil er kein Kellner ist, wer das Regal verkehrt verschraubt, weil er kein Schreiner ist und wer sich in der Öffentlichkeit blamiert, weil er kein Sänger ist, hat eben Pech gehabt: auf eigene Verantwortung gehandelt.

Doch dieses Geschäftsmodell trägt viel weiter, die neuesten Fachtermini dafür heißen "Peer Production" und "Crowdsourcing", vor allem letzteres wird allüberall gerade als das nächste große Ding gehandelt. Natürlich bildet der Begriff - wie bei allen hippen Angelegenheiten - eine Wortkreuzung, diesmal aus "crowd" und "outsourcing". Das eine meint die Masse, das andere die Tatsache, dass Unternehmen Teile ihrer Aufgaben - meist aus den so genannten Kostengründen - an externe Firmen abgeben. Crowdsourcing bedeutet also nichts anderes als die Auslagerung von Aufgaben an die Masse, "eine Schar kostenloser oder gering bezahlter Amateure generiert bereitwillig Inhalte, löst diverse Aufgaben und Probleme oder ist an Forschungs- und Entwicklungsprojekten beteiligt", heißt es in der Wikipedia. Auch fällt dort das Wort "Freizeitarbeiter". Nur: Was um Himmels Willen soll das sein?

Als Crowdsourcing-Prototyp gilt in Deutschland die Plattform Mechanical Turk von Amazon, auf der die Crowdsourcer und Freizeitarbeiter zusammentreffen. Die einen bieten Aufgaben - so genannte "Hits" - an, die kein Computer übernehmen kann - "bestimmte Dinge auf Bildern erkennen, Schönheit bewerten, Text übersetzen", heißen die Beispiele, die die Website nennt. Die anderen sind meist ohnehin bereits Amazon-Kunden und offensichtlich bereit, für einen "Lohn" zwischen 0,01 Cent und fünf Dollar einen Gutteil ihrer Freizeit zu opfern, um Bilder anzusehen, Schönheit zu bewerten oder Texte zu übersetzen. "Künstliche künstliche Intelligenz", nennt Amazon das und erinnert in den FAQs an den "Schachtürken" von Wolfgang van Kempelen, der im 19. Jahrhundert mit diesem vermeintlich intelligenten Automaten nahezu die ganze Welt beeindruckte. Tatsächlich saß in dem Kasten ein recht menschlicher Spieler, der durchweg selbst dachte und dementsprechend die Mechanik bediente.

Doch Crowdsourcing löst nicht nur Probleme semantischer Natur. Auch und gerade für technische, biologische oder physische Fragen bietet sich die Rekrutierung der Massen an. Nicht dass die Masse intelligenter wäre, wie die Propheten der Schwarmintelligenz gerne predigen: Es geht allein darum, einen Einzelnen aus der Masse zu picken, der die jeweilige Frage beantworten kann. Es ist schlichtweg wahrscheinlicher, diesen einen unter ein paar tausend Internetnutzern zu finden als unter ein paar hundert Mitarbeitern des eigenen Unternehmens. Eben mit solch gleichsam fakultätsübergreifenden Diskussionen sind bereits die Blogs berühmt geworden. Ist doch deren Bereitstellung der Kommentarfunktion im Grunde nichts anderes als Crowdsourcing: Andernfalls dürfte man diese Inhalte nicht getrennt konsumieren können - eine Funktion, ohne die jedoch ein Blog kein Blog wäre.

In Blogs mag das funktionieren, üblicherweise aber ist Crowdsourcing beileibe kein Mittel, um der Masse das Wissen in die Hand zu geben. Eben weil hier gar nicht erst die Masse, sondern nur der Einzelne gemeint ist, schließlich behält das Unternehmen die billig erkauften Lösungen meist brav für sich oder lässt sie besser noch umgehend patentieren. Wissen an sich wird dadurch immer wertloser, während die Infrastruktur für dessen Verwertung und Verarbeitung beständig wertvoller und die Teilhabe daran am liebsten als quasi-privater Wettbewerb organisiert wird. Wo man früher darob resignierte, dass der Arbeiter für billiges Geld Waren herstellt, die er nachher für teures Geld erwirbt, bleibt man heute eher sprachlos zurück. Denn all die "künstlichen künstlichen Intelligenzen" verdienen ja nicht nur schlecht, sondern perfektionieren zugleich ihre eigene Blindheit gegenüber den Mechanismen des Marktes. Dass ein Großteil des wenigen Gehalts, das man als mechanical turk verdient, recht umgehend wieder auf Amazons Konto landet, oder - wie in einem anderen Modell - Menschen T-Shirts entwerfen, die sie nachher erwerben können, ist natürlich kein Zufall: Was tut man nicht alles, um an der Zirkulation der Waren teilzuhaben. Um vielleicht irgendwann die Rolle des neuen nationalen Superstars spielen zu dürfen.

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Geschrieben von

Katrin Schuster

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