Er zahnt!

Linksbündig Die Wochen mit Eisbär Knut sind schön - und wie alles Schöne bald vorbei

Die von Ikea haben´s mal wieder zuerst gewusst: "Wir feiern Knut" verkündet der schwedische Möbelkonzern bereits seit Jahren, und viele verstanden gar nicht, was das heißen sollte. Doch jetzt ist alles anders, und während auch wir endlich Knut feiern, darf der schwedische Möbelkonzern das vielleicht bald nicht mehr so laut tun. Denn der Berliner Zoo hat sich den Namen "Knut" markenrechtlich schützen lassen, um dessen Bedeutsamkeit gerecht zu werden. Nur Wikipedia hinkt noch etwas hinterher: In der Online-Enzyklopädie findet man den Grund allen Gefühlsrummels weiterhin erst ganz am Ende der "Knut (Vorname)"-Seite, noch hinter "Herrscher mit dem Namen Knut" und den ziemlich dubiosen "Personen, mit dem Vornamen Knut". Da wird sich Wiki mal wieder Feinde machen: Erst unter der Rubrik "Sonstige" und mit einem schnöden Halbsatz als Erklärung findet man "Knut (Eisbär)".

Auf dieser Spezialseite wird man dann allerdings umfassend informiert über "Geburt und Aufwachsen im Zoo", über "Tierschutz" und "Medienberichterstattung" sowie über die "Künstlerische Auseinandersetzung" mit Knut. Der Artikel wird täglich geändert, oft ein Dutzend Mal; am 23. März erreichte der Drang zur Mitarbeit seinen vorläufigen Höhepunkt, 46 Mal wurde allein an diesem Tag an ihm herumgebastelt. Ein jeder scheint sich gerade um Knut zu sorgen, ein jeder will offenbar seinen Teil zu seiner Sozialisation beitragen. Und während die einen ihre plötzliche Lust am Engagement politisch-demokratisch-korrekt bei Wikipedia ausleben, geben die anderen schlicht und einfach Geld aus. Da die Eisbär-in-allen-Formen-Produzenten aber leider nicht mehr nachkommen mit der Stofftier-, Tassen-, Schlüsselanhänger-Verfertigung, werden mittlerweile auch die irgendwie ähnlichen Sachen mit dem Knut-Etikett versehen. Bei Ebay heißt jetzt ohnehin alles mögliche "Knut", vom Puppenwagen über den Rollschuh bis hin zur Badlampe. Und Frank Zander - falls den noch jemand kennt - singt jetzt Hier kommt Knut statt Hier kommt Kurt. Fällt eh kaum auf.

So werden die Deutschen also kreativ vor lauter Not: Weil sie sich nicht selbst und eigenhändig um das niedlich tapsige Ding kümmern können, entstehen gleichsam als Übersprungshandlungen lauter neue Produkte, Webseiten, Börsenkurse und zudem viele neue Wörter. Er habe die Seite etwas "entknutet" schreibt ein Wikipedia-Beiträger, "Knut-Mania" nennt sich die Bewegung als ganze - ihrer eigenen Überspanntheit scheint sie sich demnach durchaus bewusst zu sein. Von der wiedererwachten poetischen Lust mal ganz abgesehen: Die Alliteration erlebt mit "Knuddel-Knut" und "Kuschel-Knut" und "Cute Knut" eine erneute Renaissance, sogar das Heute-Journal sah sich zum Dichten verpflichtet und reimte flugs über Knuts neuen Eckzahn: "Der erste bleibende Beißer für den kleinen Scheißer".

Derweil versinke das Land im ethischen Morast, seufzt der Kulturpessimist und hat damit so Unrecht nicht. Es sorgt sich offenbar viel leichter ums Tier denn um Seinesgleichen - wohl weil ein Tier die Welt mit Instinkt und nicht mit Intellekt betrachtet und es ihm zum Widersprechen nicht nur an der Sprache mangelt, sondern weil - wie im Fall Knut - ihm dafür vor allem noch die rechten Pranken fehlen. Gerade weil Knut einen Menschen zum Papa hat, den er himmelstreu anschmachtet, klappt die Identifikation so bruchlos. Tatsächlich: Wir sind Knut.

Recht schnell wurde Knut deswegen zuerst zum Botschafter gegen die Erderwärmung, dann zum Symbol einer unwürdigen Tierhaltung und endlich zum Menetekel für mangelnde Pressefreiheit: Journalisten warfen dem Berliner Zoo vor, dass er sie per "Knebel-Vertrag" (Spiegel online) zu einer positiven Berichterstattung zwinge. Als ob irgendeiner von ihnen etwas anderes vorgehabt hätte!

Wie jedes Mal haben eine Menge Experten versucht, das Phänomen "Knut" zu ergründen, da ging es dann um das Kindchenschema, die Unschuldigkeit des weißen Fells und andere Erkenntnisse der Attraktivitätsforschung. Davon, dass Knut uns an einen Winter erinnert, der dieses Jahr nicht stattgefunden hat, hat leider keiner gesprochen. Und bald wird Knut ohnehin das Schicksal aller kleinen, süßen Tiere blühen: Er wird wachsen und seine Augen werden also nicht mehr ganz so kullerknöpfig erscheinen wie bislang. Immerhin lässt sich ein ausgewachsener Eisbär nicht einfach an der nächsten Autobahnraststätte aussetzen.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
Schreiber 0 Leser 3
Avatar

Kommentare