Erhöhen Sie Ihre Potenz!

Spam-Kolumne Die Spammer versprechen einem Selbstvertrauen; dabei geht es nicht so umständlich zu wie in vergleichbaren Sachbüchern – allerdings auch nicht so verständlich

Eine Vielzahl der aktuellen Sachbücher, dass das Leben so einfach sein kann: Nur zehn Schritte benötigt man zur vollkommenen Selbstsicherheit, nur drei zu einer selbstbestimmten Zukunft, nur sieben Tage zum Selbstvertrauen; zur Verwirklichung meiner beruflichen und privaten Ziele muss ich nur die 101 Tipps zur Verwirklichung Ihrer beruflichen und privaten Ziele von Talane Miedaner und Susanne Helker befolgen. Allein die Frage, warum ich das tun sollte, beantwortet mir mal wieder keiner.

Allerdings ist die Lust am numerisch aufgepeppten Wie nicht das Einzige, was diese Druckwerke für den analogen Junkordner (die Mülltonne) qualifiziert. Persiflieren diese Bücher mit der andauernden Rede vom Selbstvertrauen und von der Persönlichkeit doch eher schlecht als recht, dass es schlicht und einfach um die Potenz geht, die reale nicht die metaphorische Potenz.

Die digitalen Spammer nehmen dahingehend wenigstens kein Blatt vor den Mund und lehren mich also die leibhaftige Mathematik: "G-Spot Orgasms in 4 Easy Steps" bzw. "How To Hit G-Spot Successfully With 44 Simple Steps" oder "3 sexy Tips For Giving a Woman an Orgasm" oder "How to Drive Her Absolutely Wild in Bed – 4 Most Essential Actions You Must Take Right Away" oder "500 Lovemaking Tips Secrets – 6 sex Tips!" oder "5 Cunnilinngus Persuasion Tips for You". Höflich erkundigen sie sich bei mir, ob ich die "Coital Alignment Technique (CAT)" schon kenne, und bedenken sogar meine religiöse Gesinnung ("How to Keep Sex Fun – Advice For Christian Couples").

Achten Sie auf die Spurhaltungszahl!

In solchen How-to-Mails finden sich keinerlei Text und keine Links – nichts also, was der Spamfilter als bedenklich erkennen könnte –, sondern nur ein Bild. Ganz oben steht in großen und roten Majuskeln "YOU CAN DO IT", so viel Ermunterung zur Eigeninitiative muss wohl sein. Darunter finden sich ein paar Pillen abgebildet sowie ein Screenshot, der mir anschaulich erklärt, was ich zu tun habe. Denn klicken muss ich – und das liest man in Spam-Mails sonst tatsächlich nie – nirgends, vielmehr ist echtes Engagement gefordert (dann kannn' s ja gar kein Betrug sein!): "Do not click, just type www.9149.org in adress bar of your browser, then click enter", heißt es. Zwar befiehlt mir jede dieser Mails eine andere WWW-Adresse, wie bei Lebenshilfe offenbar üblich, kommt diese jedoch stets als sinnlose Zahlenkombination daher.

Habe ich diesen ersten Schritt zur Verbesserung meines Sexlebens unternommen, lande ich bei einer Online-Apotheke, die sich je nach meiner IP-Adresse mal "Canadian", mal "European", mal "United Pharmacy" nennt, obwohl sie außer Englisch eigentlich keine Sprache beherrscht. Deswegen brauche ich auch ein bisschen, bis ich die Busenvergrößerungscremes gefunden habe, denn in der Kategorie "Weibliche Verstärkung" hätte ich die wirklich nicht vermutet. Auch die Lieferung bleibt freilich rätselhaft: "Wir können 2 Versandmethoden im Augenblick anbieten: Aufspürbarer Kurierdienst: die Pakete, die von diesem Postdienst können vorbei aufgespürt durch die gelieferte Spurhaltungszahl gesendet werden, nachdem der Auftrag versendet ist." Überflüssig zu sagen, dass ich nach der "Coital Alignment Technique (CAT)" und den 44 Schritten der G-Punkt-Lokalisierung dann gar nicht mehr gesucht habe: Hätte ich vermutlich ohnehin nicht verstanden. Aber so ist das eben mit der Online-Lebenshilfe.

In ihrer Kolumne öffnet uns Katrin Schuster regelmäßig den Blick in die Abgründe und Absurditäten der elektronischen Post. Letztes Mal beschäftigte sie sich mit dem Mut zur Lücke

Katrin Schuster, Jahrgang 1976, ist Medien- und Literaturkritikerin und seit 2005 Freitag-Autorin. Sie lebt in München

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Geschrieben von

Katrin Schuster

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