Katrin Schuster
08.05.2012 | 19:00

Fehler im Schaltkreis

Krimi Angelika Meier legt mit „Heimlich, heimlich mich ­vergiss“ einen kruden wie fürchterlich komischen Roman vor, dessen Schauplatz eine Klinik ist. Kuriert wird dort niemand

Eben hat Angelika Meier ihren zweiten Roman veröffentlicht, und man möchte ihn, wie schon den ersten, jedem unter die Nase reiben, in den Mund legen und aufs Auge drücken. Allein die Tatsache, dass Meiers Bücher bei dem nicht eher kleinen und vor allem für seine avancierten kulturwissenschaftlichen Publikationen bekannten Verlag Diaphanes erscheinen, kann man als Qualitätsnachweis verstehen: Diaphanes hat die ersten Romane von Tom McCarthy und Tim Etchells nach Deutschland geholt und Texte von Maurice Blanchot und Georges Perec (wieder) ans Tageslicht befördert. Angelika Meier dürfte sich kaum irgendwo anders wohler fühlen, denn auch sie ist mit allerlei philosophischen Wassern gewaschen; ihre Promotion namens Die monströse Kleinheit des Denkens behandelte Jacques Derrida und Ludwig Wittgenstein. Vor allem aber lässt sich Meier nicht ins Bockshorn jagen von den literarischen Kenntnissen, die sie offensichtlich mit sich trägt, sondern führt sie glücklich zum Veitstanz aus. Ihre Romane sind ein Heidenspaß in jedem Sinne, sie sind so klug wie krude, sind gleichermaßen Gotteslästerungen und Entblößungen der Erdenbewohner.

Schon in ihrem Debüt England begegnete man einer mehr als zweifelhaften Ich-Erzählerin, die an die University of Cambridge berufen wird, wo äußerst merkwürdige Sitten herrschen, was jedoch niemanden sonderlich zu verwundern scheint; recht betrachtet trafen die Monstrositäten ohnehin ins Mark der akademischen Welt von heute. Auf die Universität folgt nun das Krankenhaus als topografische Ordnung der Dinge und architektonische Manifestation des Wissens: Heimlich, heimlich mich vergiss, Meiers neuer Roman, handelt von einer Klinik auf zauberischer Berges Höhe, wo keiner kuriert wird, denn niemand verlässt sie lebend oder wollte sie je verlassen, da man von den Vorgängen im Tal, von „unten“, nurmehr gerüchteweise erfährt. Auch der Arzt Franz von Stern lebt seit 20 Jahren hier oben, mit seinen Kollegen und seinen Patienten, darunter sein zurückgebliebener und dem Christentum wie dem Suizid verfallener „Wunschsohn Evelyn“ sowie der mit Prophetie (oder Geheimwissen) begabte Professor, der an der Lesbarkeit des Sternenhimmels zu verzweifeln droht.

Sein Herz trägt Franz von Stern mittlerweile im Solarplexus; zudem wurde ihm ein „Mediator“ eingepflanzt, der sein Bewusstsein sauber und in Ordnung hält. Und dann wäre da noch der „Referent“, der zugleich ein Teil von ihm, aber auch ein anderer ist; mal handelt Franz von Stern als Ich, mal als Referent, dann spricht er in der dritten Person und im ärztlich-bürokratischen Sprech: „Referent weiß selbstverständlich, dass Patient bloß wirres Zeug redet, ich muss mir keine Sorgen machen.“ Es ist sein Spiegelbild, die Rolle, in der er aufgehen soll, und die er sich vor Jahren schon einmal aus dem Leib zu reißen versuchte, mit beinahe letalen Folgen sowohl für ihn als auch für den Referenten. Er sei, sagt er, und darauf lege er großen Wert, „nicht tot, und auch nicht untot, sondern halbtot“.

Neurozentristische Idylle

Die Medizin in diesem Roman ist so fern und doch so nah der Gegenwart. Die Klinik hat längst die Herrschaft über ganze Regionen übernommen inklusive Grenzsicherung; Ärzte schwören keinen hippokratischen, sondern einen nosografischen Eid: Das Erkennen (oder eben Erfinden) von Krankheiten kommt vor dem Heilen. Der Körper ist nurmehr in esoterischen Vokabeln zu fassen; auch sagt man „androgen“ statt „männlich“, man spricht von „Salutologie“, also von der Lehre der Gesundheit, weshalb „keine vertiefte Gesundheitseinsicht“ eine der schlimmsten Diagnosen darstellt. „Stimmenhören“, regelmäßiger „GV“, Geschlechtsverkehr mit Pflegern oder Ärzten, und Opium-Rhabarbersaft gelten als die vielversprechendsten Behandlungsmethoden. Die Erkenntnisse sind keine ärztlichen, sondern werden mittels technischer Geräte gewonnen, welche Körperströme in einen Schriftverkehr aus Linien und Zahlen umwandeln. Die Phallografie, die Penis-Kurven-Messung, hat sich zwar als Irrweg herausgestellt, aber so ist das nunmal in solchen „Übergangszeiten“. Bald „wird es andere Bilder geben, Bilder, die uns nicht mehr vorgaukeln, irgendetwas abzubilden, sondern Bilder, die so vollkommen abstrakt sein werden, dass man wirklich lernen muss, sie zu lesen, vollkommen wörtliche Bilder“, hofft nicht nur Franz von Stern.

In diese neurozentristische Idylle platzt eine ambulante Patientin – die es eigentlich gar nicht geben dürfte, da ein Hin und Her zwischen der Klinik und unten nicht vorgesehen ist. Und schon spielt Franz von Sterns Mediator verrückt. Oder eben nicht: Womöglich ist die Ambulante wirklich seine Ex-Frau Esther und nicht nur ein Fehler im Schaltkreis-System?

Sprache nicht gottgegeben

Auch deshalb kommt er mit dem Rechenschaftsbericht über sich selbst, der über seine Zukunft als Arzt entscheiden wird, nicht voran: „Referent weiß, dass es gefährlicher Unsinn ist, zu glauben, man könne die Klinikleitung mit einem bloßen Formalbericht abspeisen. Leicht verärgert, aber im Grunde eher über meine Unsicherheit als über ihn, schüttele ich den Kopf und schreibe noch schnell den letzten Satz der Standardexposition: Sie vernehmen von mir Wahres nur, wenn Sie zuvor es mir gesagt haben, bevor ich mich zu meinem Kontrollgang aufmache.“

Augustinus’ Confessiones, mithin die erste Autobiografie der Literatur, Gottfried Benns Erzählungen Gehirne über den Arzt Rönne, Rainer Maria Rilkes Gedicht Narziss und natürlich Sigmund Freud: Das sind die Wegmarken, die Angelika Meier setzt, um das Ich und die Bilder und Worte, die man sich davon zu machen versucht, auf herrlich schräge Weise literarisch zu torpedieren und zu unterminieren. Im Gegensatz zu den Dilettanten, die sich an anderen Ordnungen gar nicht erst versuchen, weil sie sich solche nicht einmal vorstellen, geschweige denn beschreiben können, begreift die Schriftstellerin Angelika Meier die Sprache nicht als gottgegeben oder als von vorneherein welthaltig. Sondern als das so prekäre wie machthungrige, aber auch fürchterlich komische Menschenwerk, das sie ist.

Heimlich, heimlich mich vergissAngelika Meier Diaphanes 2012. 332 S., 22,90

Katrin Schuster bloggt auf katrinschuster.de über Literatur und Medien