Für die Dame ein Roman

Deutscher Buchpreis Egal, welcher Autor auf der Shortlist fehlt: Mit den üblichen Kriterien ist die Auswahl nicht zu erklären

Im Gegensatz zur Shortlist des Deutschen Buchpreises ist die Kritik an diesem Preis nur selten überraschend. Alle Jahre wieder lauten die Einwände: Der fehlt, die fehlt, der gehört da nicht hin, die gehört da nicht hin. Das Konzept als solches steht dagegen kaum mehr zur Diskussion.

Vor vier Jahren, im Herbst 2008, brach sich noch ein fundamentaler Unmut Bahn. Daniel Kehlmann kritisierte in der FAS die Preisverleihung, bei der Autoren „nebeneinander vor die Kamera“ gesetzt würden „wie Schlagersänger in einer Castingshow“. Mehrere Schriftsteller, darunter die Buchpreis-Gewinnerin Julia Franck, pflichteten ihm bei. Eine Kritikerin erinnerte jedoch an „die Damen um die 60, deren Herzen & Portemonnaies mit dem Deutschen Buchpreis erobert werden sollen“. Und der Vorsteher des Deutschen Börsenvereins tröstete den Beschwerdeführer: Kehlmann sei doch das beste Beispiel, dass man, auch ohne Buchpreisträger zu sein, gut verdienen könne. Als sei es dem Autor ums Geld gegangen.

Dass der Buchpreis, der sich stets als heiteres, fortgesetztes Aussortieren präsentiert, allein als nationale Produktprämierung taugt, bedeutet bereits sein Name, und am besten beweist dies der 2010 ausgezeichnete Roman Tauben fliegen auf der Schweizerin Melinda Nadj Abonji, der sich merklich schlechter verkaufte als die Bücher der bisherigen Gewinner.

Mit den üblichen Kriterien ist der Shortlist des Deutschen Buchpreises mithin nicht beizukommen. Wer moniert, dass der oder die darauf fehle, misst mit den falschen Maßstäben. Um über die Shortlist zu sprechen, muss man nicht die Literatur, sondern die Tauglichkeit der Romane im Blick haben: als deutsche Produkte, als Eroberer der Herzen und der Portemonnaies der Damen um die 60.

Ein Punkt extra

Beginnen wir mit der einfachsten Kategorie, dem Geldbeutel. Das mit 29,90 Euro teuerste Buch auf der diesjährigen Shortlist ist Ursula Krechels Roman Landgericht (Jung & Jung). Es folgen Indigo von Clemens Setz und Fliehkräfte von Stephan Thome zu je 22,95 Euro (beide Suhrkamp). Die verbleibenden drei Bücher sind für je 19,95 Euro zu haben: Robinsons blaues Haus von Ernst Augustin (C.H. Beck), Sand von Wolfgang Herrndorf (Rowohlt) und Nichts Weißes von Ulf Erdmann Ziegler (Suhrkamp). Womit noch nichts entschieden ist, denn da wäre ja noch das Preis-Leistungs-Verhältnis. Das ist bei Sand dank der 475 Seiten am besten, da Robinsons blaues Haus und Nichts Weißes weniger verzeichnen (319 bzw. 257 Seiten) und vergleichbar dicke Bücher (Indigo mit 477 und Fliehkräfte mit 474 Seiten) drei Euro teurer sind.

60-jährige Damenherzen wiederum könnten vielleicht lyrisch klingende Frauenbeschreibungen wie „Sie hatte die Schwerelosigkeit von Aktmodellen, die nicht zögern, splitternackt am Jasmintee zu nippen“ und religiös aufgeladenen Figurennamen erobern: ein Punkt extra für Nichts Weißes. Leer in der Gefühlskategorie gehen in jedem Fall Indigo und Sand aus. Clemens Setz’ Roman dürfte die Zielgruppe sogar ordentlich verstören (genau darum geht es ja): Julia ist vor allem damit beschäftigt, ihren Freund, den stets Psychose-paraten Mathematiklehrer Clemens Setz, der sich auf der Spur einer Krankheit namens Indigo befindet, ins Lot zu bringen. Und Robert, ein ehemals an Indigo Erkrankter, lobt an seiner Beziehung gleich mehrmals, dass seine Freundin Cordula seit drei Jahren „gut eingestellt“ sei.

In Wolfgang Herrndorfs Roman findet man zwar erotische Momente, doch denen ist nicht zu trauen, da Sand – welch trefflicher Titel! – von der Zerstreuung der Zeichen und ihrer Bedeutung handelt, und menschliche Konstellationen deshalb lieber als literarische denn als herzergreifende Phänomene begreift. Ähnlich Robinsons blaues Haus, in dem der Ich-Erzähler – ein Mann mit vielen Namen, der sich ständig auf der Flucht befindet – plötzlich feststellen muss, dass sein ersehnter Freitag eine Frau ist, von der er allerdings nicht mehr erblickt als ihren Schritt.

Auch Landgericht punktet nur auf den ersten Blick in der Herz-Kategorie. Im Zentrum steht die Ehe von Richard und Claire Kornitzer, die vom Nationalsozialismus auseinander gerissen wird, da Richard Jude ist und nach Kuba emigriert, während die beiden Kinder nach England verschickt werden. Auf ein Happy End wartet man vergeblich. Richard kehrt zurück, das Paar findet wieder zusammen, die Kinder aber sprechen kaum mehr Deutsch und wissen mit ihren Eltern nichts anzufangen. Die Frage nach Entschädigung und Gerechtigkeit, aus der Richard nicht mehr herausfindet und die das Nachkriegsdeutschland mit perfider Bürokratie beantwortet, stellt Krechel, mithilfe dokumentarischen Materials, auf poetisch kluge Weise.

Probleme wegschwimmen

Am besten geeignet für das Damenherz dürfte Fliehkräfte sein: Der Professor Hartmut Hainbach geht auf die 60 zu, als ihn Zweifel an seinem Leben ergreifen, weil seine Frau mittlerweile auf eigenen beruflichen Beinen steht und er im Job eine schwere Entscheidung treffen muss. Also begibt er sich auf eine Reise Richtung Süden, um endlich ans Meer zu gelangen: „Die Fliehkräfte ruhen. Er schwimmt.“

Sowieso kann Thome bei „Damen“ gleich welchen Alters punkten, denn ums Bürgerliche bemüht er sich redlich. Fliehkräfte spielt im akademischen Milieu (auch nicht mehr das, was es mal war!); die Probleme sind privater Natur (die Tochter ist lesbisch, der Seitensprung misslingt, im Eigenheim hallt die Leere, der Garten verwildert) und lassen sich folglich durch Reden, Schweigen oder eben Schwimmen lösen.

Noch passgenauer trifft das Ansinnen des Deutschen Buchpreises, bedrucktes Papier als tolles Produkt vorzustellen, nur der Roman Nichts Weißes, da er von gedruckten Lettern und dem Lebensweg einer Typografin erzählt. Gegen dererlei Melancholien – wie der Buchpreis selbst eine ist, weil er sich so ausdrücklich an den Begriff „Buch“ klammert – kommen weder Landgericht noch Indigo noch Sand noch Robinsons blaues Haus an: Ursula Krechel zeichnet den von Rassisten eingeleiteten und Juristen verantworteten Abstieg des Richters Kornitzer nach; auch Setz und Herrndorf unterminieren die sozialen Konstrukte gründlich. Und Ernst Augustin gebraucht den Durchschnittsbürger als Einheitsmaske, die den Ich-Erzähler vor seinen Verfolgern verbirgt. Jede seiner vielen Behausungen gleicht der anderen: „Wenn ich jetzt den Kleiderschrank öffne, hängen dort Mantel und Hut, oh ja, der gleiche lehmgelbe Mantel und der gleiche lehmgelbe Hut, auf dem Küchenregal liegt das sehr schöne Eßbesteck aus Dresden, auf dem Sofa die Komfortdecke […], sogar die geliebte Flauschjacke befindet sich zusammengerollt auf dem Stuhl, wo sie hingehört.“

Und was ist mit dem Nationalen? Da kann Augustin jedenfalls nicht punkten, da die fortgesetzte Ortlosigkeit das literarische Prinzip von Robinsons blaues Haus ist. Auch Indigo und Sand gehen in dieser Kategorie leer aus, beide Romane spielen nicht in Deutschland. Landgericht, der die Behauptung der Stunde Null und der Entnazifizierung auf so klare wie bittere Weise widerlegt, darf eben deshalb kaum auf die Bestsellerliste hoffen. Bleiben Fliehkräfte und Nichts Weißes: gut fürs Herz, nie über den Tellerrand des Bürgerlichen hinaustretend und das Deutsche höchstens vorsichtig in Frage stellend, jedoch stets mit einem Hauch metaphysischen Begehrens überzuckert. Ach, wer wollte sich zwischen diesen beiden entscheiden? Am besten, man lässt es und liest stattdessen Sand, Indigo, Robinsons blaues Haus und Landgericht, denn diese Romane glauben gerade nicht, die Antwort schon gefunden zu haben, sondern sind weiterhin auf der Suche nach (und, wie Indigo, manchmal sogar auf der Flucht vor) dem, was Sprache sein und tun, was sie beweisen und bedeuten kann.

Katrin Schuster ist Literaturwissenschaftlerin

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11:05 04.10.2012
Geschrieben von

Katrin Schuster

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