Katrin Schuster
05.05.2011 | 11:30 12

Gated Community

Web Aus der Traum vom freien Publizieren: Bei „Zeit Online“ werden Leserbeiträge neuerdings ausgewählt und bearbeitet. Das Portal liegt damit im Trend

Er ist sichtlich in die Jahre gekommen. Obenrum wird es stetig lichter, die Recken stehen krumm gebeugt, sind kaum voneinander zu unterscheiden und werden zudem von unlauteren Konkurrenten bedrängt. Das klingt nach? Aber nein, noch ist hier nicht vom deutschen Journalismus die Rede, sondern erst einmal von einem Wald nördlich des Großen Müggelsees, um den sich die Organisation Iplantatree bemüht: „Um dieses innerstädtische Naherholungsgebiet zu erhalten und damit wichtige CO2-Senken zu schaffen, unterpflanzen wir die zwei Hektar große Monokultur mit 20.000 Rotbuchen. Zusätzlich wird die wuchernde Traubenkirsche bekämpft und die jungen Pflanzen durch Einzäunung vor Rehverbiss geschützt.“ So soll ein gesunder Wald entstehen, „der sich auf natürlichem Wege regenerieren kann und damit langfristig zur Verbesserung des Klimas beiträgt.“

Der digitale Ableger der Wochenzeitung Die Zeit hat offensichtlich verstanden und unterstützt dieses Vorgehen gegen Monokultur, Parasiten und Altersschwäche. Seit gut zwei Wochen ist Zeit Online Mitglied bei Iplantatree – weil es seinen immer schon etwas versteckten Leserblog abgeschafft hat. In einem online veröffentlichten Brief an die Autoren begründete der verantwortliche Community-Redakteur Sebastian Horn den Schritt. „Eine konzeptionelle Schwäche des Blogs war, dass jeder Autor seinen Text sofort und ohne vorherige Moderation veröffentlichen konnte“, ist da unter anderem zu lesen. So etwas wird von vielen Usern als Affront verstanden. Nicht die schlechten, sondern die guten Texte – eben die „durchwachsene Qualität“ des Ganzen – sind laut Horn aber Ursache für die Umstellung. „Wir mussten uns einfach überlegen, wie wir mit dem Rauschen fertig werden“, erklärt er auf Nachfrage. Nun sollen die „Perlen prominenter platziert“ und wie die Artikel von Redakteuren ausgestattet werden.

Wer eingereicht hat und zur Veröffentlichung ausgewählt wurde, wird statt mit schnödem Honorar mit einem hübschen Iplantatree-Gutschein belohnt: „Als symbolisches Dankeschön für Ihren veröffentlichten Leserartikel pflanzen wir für Sie einen Baum. Im Lauf der Monate und Jahre entsteht so hoffentlich ein ganzer ZEIT-ONLINE-Wald.“ So hofft man wohl ebenfalls auf ein gesundes Naherholungsgebiet namens Zeit Online, dessen Artikelbestand sich auf natürlichem Weg regeneriert und langfristig zur Prosperität beiträgt, weil die redaktionelle Einzäunung vor Trollverbiss und anderen Schädlingen schützt. Wo Wildwuchs war, soll Gated Community werden.

Verminte Themenfelder

Wer so seine Autorität im eigenen Haus behauptet, wird vielfach als Patriarch alten Stils wahrgenommen, der an den neuen Möglichkeiten des Netzes scheitert. Oder noch einfacher: als Zensor. Tatsächlich weiß das World Wide Web mit Hierarchien wenig anzufangen. Vielmehr hat es sich den Kampf gegen dererlei Strukturen so groß auf die Fahnen geschrieben, dass er manchmal zum bloßen Reflex gegen „die Mächtigen“ degeneriert. Politik, Wissenschaft, Religion, nicht zuletzt die Medien selbst sind verminte Themenfelder, die Journalisten kaum mehr unbeschadet durchqueren, weil kaum ein Text nicht seinen Leser findet, der es nicht nur besser weiß oder glaubt, es besser zu wissen, sondern dies in einem Blog oder Kommentar auch öffentlich kundtut.

Auf derselben Seite wie der Journalist und unter demselben großen Namen! Wie sehr die Medien um ihre Autorität und ihre Marke fürchten, sobald ihre Leser daran mitschreiben, ist kaum zu übersehen. Schon werden die Zügel vielerorts wieder angezogen, selbst wenn man damit ausgerechnet die engagiertesten User vor den Kopf stößt und verliert; Zeit Online gibt wahrlich nicht das einzige Beispiel für diesen Rollback ab.

Von jenen, die vor fünf, sechs Jahren mit großen Schritten und Worten vorangingen, sind nicht mehr allzu viele übrig. Sowohl die Ostsee-Zeitung als auch der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag starteten 2006 Leserblogs, stellten sie aber bereits 2007 fast sang- und klanglos wieder ein. Auch die österreichische Kleine Zeitung hat ihren „Weblog-Service“, den sie 2005 begonnen hatte, mittlerweile sich selbst überlassen: „Leider ist es uns nicht länger möglich, dieses Angebot technisch mängelfrei zur Verfügung zu stellen, weswegen wir auch auf eine Wartung der bereits bestehenden Blogs und Statistiken verzichten müssen.“ Nicht zu vergessen die WAZ, deren Community Ende Januar 2011 geschlossen wurde, weil das Interesse der Nutzer daran nachgelassen und der redaktionelle Aufwand in keinem Verhältnis mehr dazu gestanden habe. Anfang des Jahres war bereits das ebenfalls von der WAZ unternommene (und erst im Nachhinein als solches deklarierte) „Experiment“ Westropolis beendet worden: ein Portal, auf dem Redakteure und Leser gemeinsam zu kulturellen Themen bloggten.

Eine der schöneren Geschichten ist dagegen die vom Südblog, dem Leserblog des Konstanzer Südkurier, das allerdings auf einer separaten Domain stattfindet. Und die des Trierischen Volksfreund, der ebenfalls im Jahr 2005 begann, bloggende Leser an seiner Öffentlichkeit teilhaben zu lassen. Außerdem verbindet die beiden, auch mit einigen anderen Unternehmungen dieser Art wie etwa in Aachen oder Augsburg, dass sie weniger eine Community schaffen, als vielmehr und zuallererst einer dienen. Der lokalen Community nämlich, die in den kleinen und mittelgroßen Städten Deutschlands eine Ortsgebundenheit entwickelt hat, die durchweg politisch zu verstehen ist. Und so findet man dort nicht nur den „Arniefan“, der Tipps zum Muskelaufbau gibt, und den „Jochel“, der über seinen Mallorca-Urlaub und die jüngste DSDS-Ausgabe sinniert, sondern auch den SPD-Ortsverein und den CDU-Stadtrat.

Diejenigen dagegen, die mehr aufs Nationale zielen, deren öffentlicher Wirkungsraum größer ist als ihr privater, haben es oft von Anfang an vermieden, den Lesern allzu große Freiräume zuzugestehen. Und mussten später sogar zurückrudern wie die Süddeutsche Zeitung im Dezember 2007, als sie, wie böse Zungen formulierten, ihrer Website „Öffnungszeiten“ verordnete. Seither ist das Kommentieren nurmehr werktags zwischen 8 und 19 Uhr erlaubt. „Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren“, lautet die grammatikalisch krude Begründung. Abwegig ist sie nicht: Es gab schon Gerichtsurteile, die den Inhaber einer Website dafür haftbar machen wollten, was dort zu lesen stand, selbst wenn er nicht selber Autor war; eine 24-stündige Kontrolle aber kostet Geld, und davon haben Zeitungen gerade nicht besonders viel übrig. Die Rede vom gemeinsamen Publizieren ist mithin nicht bloß Rhetorik, sondern kann durchaus justiziabel werden. Die Leser vergaßen den Affront ohnehin schnell: Ihr Protest war fix organisiert, verebbte jedoch bald. Und kommentiert wird auf sueddeutsche.de nach wie vor eifrig, zumindest an Werktagen zwischen 8 und 19 Uhr.

Außenraum im Innenraum

Was wiederum bei der FAZ Community heißt, ist ein redaktionell betriebenes Blog von beauftragten Autoren mit Kommentarfunktion, die allerdings ausgiebig genutzt wird; ganz ähnlich bei der Welt. Auch Spiegel-Online-Leser üben sich vor allem als Kommentatoren statt als Autoren. Interessanterweise bewegen sich die bürgerjournalistisch konzipierten Portale wie die Readers Edition oder Opinio, in denen das offene Publizieren am weitesten fortgeschritten ist, am Rande der Bedeutungslosigkeit. Warum eigentlich? Braucht die Blogosphäre eben doch die Autorität, die sie in Teilen doch so vehement abzulehnen scheint?

Je direkter den Leser eine Sache angeht, desto eher scheint er bereit, zum Autor zu werden. Dafür steht, der diskrete Hinweis in eigener Sache sei erlaubt, nicht zuletzt die Community des Freitag, die das Publizieren nie als Sache von denen-da-oben begriffen hat. Dass sie manchem Unbedarften deshalb als separate Welt erscheinen mag, ist kein Makel, sondern ihre Qualität: Eine solche Gemeinschaft will, kann und soll nichts anderes als ein Außenraum im Innenraum sein.

Davon zeugt auch die Reaktion der Zeit-Leserblogger, die sich heftig dagegen wehren, wie freie Journalisten – der Text wird vielleicht gar nicht angenommen, vielleicht schmerzhaft von einem Redakteur barbeitet, und der Lohn lohnt es ohnehin nicht – behandelt zu werden. Viele Medienverantwortliche begreifen offensichtlich nur schwer, dass ein Leserblogger ein Leserblogger sein will – und kein kostenloser Content-Lieferant. Schließlich werden Bürger nicht zu Leserbloggern, um mit ihren Beiträgen für einen Baum zu spenden, sondern um in den Mediendschungel ein paar kräftige Schneisen zu schlagen.

Katrin Schuster schreibt für den Freitag regelmäßig auch das Medientagebuch

Kommentare (12)

Magda 05.05.2011 | 14:31

"Politik, Wissenschaft, Religion, nicht zuletzt die Medien selbst sind verminte Themenfelder, die Journalisten kaum mehr unbeschadet durchqueren, weil kaum ein Text nicht seinen Leser findet, der es nicht nur besser weiß oder glaubt, es besser zu wissen, sondern dies in einem Blog oder Kommentar auch öffentlich kundtut."

Tja, so sind se.
Ich würde sowas ja nie machen, nie. :-))

Braucht die Blogosphäre eben doch die Autorität, die sie in Teilen doch so vehement abzulehnen scheint?

Sie tun alle so als wäre das nicht so. Meldet sich aber - nur so als Beispiel - der Herausgeber in der Blogosphäre, dann kann man sehen, dass eben doch....

"Dafür steht, der diskrete Hinweis in eigener Sache sei erlaubt, nicht zuletzt die Community des Freitag, die das Publizieren nie als Sache von denen-da-oben begriffen hat. Dass sie manchem Unbedarften deshalb als separate Welt erscheinen mag, ist kein Makel, sondern ihre Qualität: Eine solche Gemeinschaft will, kann und soll nichts anderes als ein Außenraum im Innenraum sein.

Was ist ein Außenraum im Innenraum?

paulart 05.05.2011 | 15:12

Katrin Schuster, gut, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um hier mal einen knappen Überblick über einige Verlage und deren Verhalten gegenüber der eigenen Online-Welt darzulegen.

Ich glaube, die Zeitschriften und Zeitungen waren anfangs alle eher zurückhaltend, weil sie in den Communities nicht unbedingt eine Ergänzung ihrer eigenen Arbeit sahen, sondern viel mehr eine elektronische Konkurrenz. Außerdem konnten sie den Aufwand an Personal und Technik nicht konkret einschätzen. Dieser ist schon sehr aufwändig, wenn man den Userinnen und Usern eine technisch vernünftige Plattform anbieten möchte.

Nun ist die Technik das eine. Kommen wir zu den inhaltlichen Aspekten. Darf in so einer Community eigentlich jeder das schreiben, was er für richtig hält, so lange er nicht ausfallend und beleidigend wird? Oder gilt es, etwaige Tabus zu beachten? "Israel und Palästina", "Tibet und China" - wie schnell haben sich in diesen Fragen die Meinungen, aber auch die Vorurteile hochgeschaukelt! Die "NS-Zeit", ein Dauerbrenner in den Communities. Vielfach sachlich, aber eben auch "emotional-dumpf" kommentiert. Zum Teil so schlimm, dass keine Redaktion diese Zeilen so hätte stehen lassen können. Auf Grund des geringen Online-Personals - ich vermute, dass dies beim Freitag nicht anders ist - sind die eben beschriebenen Kommentare aber viel zu lange sichtbar geblieben und provozierten dadurch andere User. So schaukelt sich hoch, was vermeidbar gewesen wäre, wenn hier rechtzeitig eine Moderation stattgefunden hätte.

Das kann aber doch nicht bedeuten, dass sich eine Online-Redaktion jeden Artikel-Beitrag vorher vorlegen lässt. Unsichtbar für die Schreiber ist doch, was dann in der Redaktion genau überprüft wird? Die Tendenz eines Artikels? Die Ausgewogenheit? Doch ganz bestimmt nicht nur die Orthografie. Hat der Artikel zwar Niveau, aber passt nicht "so ganz" in die Verlagslinie? Provoziert der Beitrag - zu fragen wäre, wen provoziert er? Ein liberales Blatt muss doch in jeder Hinsicht vermeiden, dass ihm der Vorwurf einer Zensur gemacht wird. Aber wenn der "große Bruder" vorher liest, was ich publizieren wollte... was ist das dann? Ein ganzer Staat - nämlich Ungarn - scheint diesen unheilvollen Weg so gehen zu wollen.

Wenn sich eine Zeitung durch ein Online-Forum ergänzen möchte, dann muss sie auf Dauer für genügend geschultes Personal und für eine zeitgemäße Technik sorgen.

Im übrigen bin auch ich der Meinung, dass ein fundierter und interessant geschriebener Artikel, auch wenn er von einer Userin oder einem User stammt, entlohnt werden sollte. Über ein (nicht allzu üppiges) Honorar wäre ja zu diskutieren. Ansonsten wäre das nichts anderes als "Leiharbeit"... ohne jegliche finanzielle Entlohnung.

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erich-gengerke 05.05.2011 | 15:16

"Wer so seine Autorität im eigenen Haus behauptet, wird vielfach als Patriarch alten Stils wahrgenommen, der an den neuen Möglichkeiten des Netzes scheitert. Oder noch einfacher: als Zensor."

Als Zensor wird er doch wohl eher nicht mehr wahrgenommen. Die Informations- und Kommentarspur ist auf Linie gebracht, in sich stimmig und auf eine ästhetische Weise rund - von A - Z mainstream eben.

chomskyarchiv.de/vortrage/document.2007-10-19.1648147001

ebertus 05.05.2011 | 15:32

Inhaltliche, auch rein gestalterische Einflußnahme lehne ich vollkommen ab, der private Beitrag eines (in der Regel) Amateurs sollte auch als solcher erkennbar bleiben, von A bis Z und

Punkt !

Etwas ambivalent schaut es (meiner Meinung nach) dagegen mit der Anonymität aus, für die es sehr ernsthafte, berechtigte Gründe geben kann. Wenn man jedoch, wie auch hier in der FC bereits mehrfach erlebt, den aggressiven, den pöbelnden, den in der regel anonymen, den kurzlebigen, den sehr selektiv erscheinendenden, den wiederauferstandenen Nicks einen ähnlichen, formalen Status (gar schon mal mit neutralistischen Gestus einräumt) wie z.B. den leicht identifizierbaren, auch teilweise unter richtigem Namen hier schreibenden Bloggern, so ist das schon manchmal grenzwertig, sollten derartige, anonyme Nicks zumindest der Redaktion als verifizierbare Klardaten vorliegen.

Meine unmaßgebliche Meinung eben und im wohl absoluten Ausnahmefall einer rechtlichen Relevanz immer noch direkter und sauberer, als auf staatsanwaltschaftlich zu betreibende IP-Recherche zu setzen. Schon allein das Wissen um dieses (redaktionelle) Wissen reicht vielleicht für so manche Zurückhaltung in der eigenen Schreibe.

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erich-gengerke 05.05.2011 | 17:36

Diese Passage aus der Quelle möchte ich einfach mal hervor heben.

"Außerdem macht er einige kurze Bemerkungen über die institutionelle Struktur der Medien. Er fragt: Wie kommt es zu dieser Art von Zensur? Ihm zufolge liegt das erstens daran, daß die Presse den Reichen gehört, denen es lieber ist, wenn bestimmte Dinge nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Zweitens, so Orwell, lernt man im Rahmen des Erziehungs- und Ausbildungssystems der Elite, zum Beispiel an renommierten Universitäten wie der von Oxford, daß es gewisse Dinge gibt, die man besser nicht erwähnt, daß es gewisse Gedanken gibt, die man besser nicht zuläßt. Damit meint er die sozialisierende Rolle der Eliteinstitutionen: Wenn man sich hier nicht anpaßt, hat man in der Regel schon verloren. Und mit diesen wenigen Bemerkungen ist das Wesendiche eigentlich schon gesagt."

chomskyarchiv.de/vortrage/document.2007-10-19.1648147001

Corina Wagner 05.05.2011 | 17:55

Liebe Frau Schuster,

zunächst vielen Dank für den sehr interessanten, informativen und ausführlichen Artikel.
„Aus der Traum vom freien Publizieren“. Hätten Sie nun einen Leserartikel bei ZEIT-Online in diesem Umfang eingereicht, hätte man Sie um die Kürzung auf 3000 Zeichen gebeten.
Die Verantwortlichen bei ZEIT-Online folgen nun einem Trend, dem man als ehemaliges Community- Mitglied nur mit einer kopfschüttelnden Bewunderung begegnen kann, wenn man diesbezüglich auch auf das trendy gewordene Wort: Zensur hinweist. In knapp 2 Jahren veröffentlichte ich 411 Beiträge bei ZEIT-Online über deren Qualität man debattieren kann und dies ist auch gut so. Ich veröffentlichte im Sommer 2010 das Buch Wechselbäder und dieses beinhaltet Gedichte und Kurzgeschichten, die ich ca. innerhalb eines Jahres in der Community bei ZEIT-Online veröffentlichte. Dort testete ich, wie diese von mir verfassten Zeilen (überregional) auf Leser/innen wirken.
Diejenigen Personen, die das Buch Wechselbäder nun inzwischen gelesen haben, gaben mir absolut positives Feedback zurück.
Warum soll ich nun in Zukunft Leserartikel für ZEIT-Online verfassen?
Für mich macht es keinen Sinn mehr - Artikel zu verfassen, die dann einer Zensur zum Opfer fallen. Schließlich erhalte ich kein Honorar für meine investierte Zeit.
Da ich bereits ein Regenwaldprojekt von Herrn Dr. Lohr unterstütze, ist auch die Baumpflanzaktion in Berlin kein wirklicher Ansporn… ;-)

Mit besten Grüßen
Corina Wagner

GeroSteiner 05.05.2011 | 20:44

Das Gute an der Freitags Community ist, dass man schreiben kann, was man will, denn es herrscht Meinungsfreiheit.

Das Schlimme an der Freitags Community ist, dass man schreiben kann, was man will, denn der Herausgeber trägt die Verantwortung für das Geschriebene.

Das was bei ZEIT-Online passiert, ist die Antwort auf die Generalfrage "Wo kommen wir denn da hin?" mit der Generalbegründung "Da könnte ja jeder kommen!"

THX1138 06.05.2011 | 01:15

"Viele Medienverantwortliche begreifen offensichtlich nur schwer, dass ein Leserblogger ein Leserblogger sein will- und kein kostenloser Content-Lieferant."

Stimmt, der ist das Arschloch der Medienwelt des 21. Jahrhunderts.

Zwei Fragen brennen mir allerdings auf der Zunge:

- Wieviel Demokratie verträgt ein Geschäftsmodell?

- Was erhofft sich eine Zeitung / Zeitschrift eigentlich genau von Leserblogs im Stile einer Zeit beispielsweise? Welchen (redaktionellen) Nutzen zieht sie daraus?

dame.von.welt 07.05.2011 | 14:18

'immer schon etwas versteckten Leserblog' stimmt für Zeitonline nicht. Bis zum Relaunch im September 09 gab es dort die vielfältigste und interessanteste Community in ganz Deutschland.

Der Leserblog wurde erst mit dem Relaunch eingeführt, in den Keller verfrachtet und - neben anderen technischen Verschlimmbesserungen mehr - auch jede Durchlässigkeit zwischen Leserartikeln und dem redaktionellen Teil abgeschafft.

Die Folge war ein Braindrain erster Ordnung, begünstigt durch eine Redaktion, die (nach Ablauf von Johannes Kuhns Vertrag über etwa ein halbes Jahr ohne Leitung) jeden persönlich-bösartigen Müll stehen ließ, nach Sebastian Horns Einstieg aber zunehmend unhöflich, unwissend, bevormundend und absichtsvoll Beiträge 'moderierte' und politisch mißliebige Nutzer unter Vorwänden rauswarf.

Interessant am finalen Kehraus der Zeitcommunity ist eigentlich nur die Geräuschlosigkeit, mit der er nach eineinhalb Jahren Verarsche vollzogen werden konnte. Handwerklich wirklich gut gemacht, rückwirkend seit der Übernahme der Zeit durch Holtzbrinck bereits absehbar - es spiegelt sich ja auch in der steil fallenden Qualität vieler redaktioneller Beiträge, wohin die Reise der Zeit geht - wirtschaftlich erfolgreich, inhaltlich aber höchst mittelmäßig und keiner journalistischen Sorgfalt mehr verpflichtet. Eine Community, die darauf kritisch hinweist und gegen propagandistischen Unsinn anschreibt, ist da natürlich schwer erträglich, die muß weg.

Wie die 'Editierung' der Leserartikel bei Zeitonline nun vonstatten geht, konnte man ganz gut am Artikel eines Veganers sehen: aus dem Titel 'Auch durch Vegetarismus sterben Tiere' wurde von der Redaktion 'Milch ist Mord' gemacht, was erst nach heftiger Kritik u.a. vom Autor selbst wieder zurück genommen wurde. Das ist wirklich Bildniveau.

Bei den bisher veröffentlichten Leserartikeln ist aus meiner Sicht nicht ein einziger lesenswert oder gar so etwas wie eine Perle. Für das eigene oder redaktionelle Rundlutschen sind die gepflanzten Bäume ein recht schwacher Trost. Erstaunlich finde ich persönlich ja die Alt-Nutzer, die den Kakao, durch den sie gezogen werden, nicht nur trinken, nämlich tatsächlich Leserartikel zur Veröffentlichung einreichen, den Kakao also auch noch wohlschmeckend finden und mehr davon wollen.

'nicht zuletzt die Community des Freitag' stimmt so auch nicht, der Freitag ist das mittlerweile einzige Printmedium in Deutschland, das 'zuletzt' noch eine Community hat, die uneditierte Leserartikel veröffentlicht.

rolf netzmann 08.05.2011 | 20:00

Ist eine Communitie eine sinnvolle Ergänzung einer Redaktion oder eine Konkurrenz? Zu einer Ergänzung wird sie im Online Auftritt, wenn die Blogger ernst genommen werden, d. h. wenn, wie beim Freitag, unzensiert jeder posten darf. Dass dabei sowohl eine Netikette als auch rechtliche Bestimmungen eingehalten werden müssen, ist verständlich. Dass der Betreiber einer Communitie dafür auch einen Aufwand hat, technisch, personell und finanziell, ist ebenfalls logisch. Nur was bekommt er dafür? Im besten Fall bekommt er eine lebendige Communitie, bekommt er Blogger, die sein Angebot bereichern, die kostenlos Werbung für ihn betreiben und über Themen berichten, die eine Redaktion nicht bearbeitet. Er bekommt Anregungen, eine inhaltliche Vertiefung von Themen, die in Artikeln der Redaktion angeschnitten wurden, kurzum, er verbreitert sein Angebot an alle Leser. Und er bietet ein lebendiges Beispiel für gelebte Demokratie, nämlich der Leser als mündiger Blogger, der sich einbringt mit seinem Wissen, seiner Bereitschaft, die Online Ausgabe kostenfrei mitzugestalten.
Dass ZEIT Online darauf verzichtet, zeigt letztendlich nur die Geisteshaltung der Redaktion, dass sie die Blogger als Konkurrenz wahrnehmen und nicht als sinnvolle Bereicherung.

Diesen Fehler sollte der FREITAG nicht begehen, ist es doch gerade die Einbindung seiner Blogger, die ihn aus der Masse der anderen Printmedien hervor hebt.