Hebel

Linksbündig In Elke Heidenreich und Michael Ballack personifiziert sich ein Paradox

Mir reicht´s. Oder: Das musste mal gesagt werden. Oder, wie eine Frankfurter Zeitung reformulierte: Macht doch Euren Scheiß alleine. So oder so ähnlich lassen sich die jüngsten Verhaltensweisen der Publizistin Elke Heidenreich und des Fußballspielers Michael Ballack übersetzen. Beide hatten in den vergangenen Wochen ihren jeweiligen Arbeitgeber so deutlich wie öffentlich kritisiert. Heidenreichs entließ die TV-Buchhändlerin daraufhin aus seinen Diensten, inthronisierte sie also endgültig als die Märtyrerin der Hochkultur, als die sie sich von Anfang an inszeniert hatte. Sollte Joachim Löw geschickter sein als Markus Schächter - und davon ist auszugehen: ein Fußballtrainer weiß heute besser mit den Medien umzugehen als ein ZDF-Intendant -, behält er Michael Ballack in der deutschen Elf: Die Nationalmannschaft kann Märtyrer nur auf dem Felde brauchen.

Der Vorwurf, das ZDF sei nicht kritikfähig, ist selbstredend schnell bei der Hand. Das mag sogar stimmen, öffentliche Kritik ist ja fast nirgendwo mehr gern gesehen, Konsens, Lob und Einigkeit bestimmen beinahe jede Diskussion im Grunde. Damit hatte sich Heidenreich bislang bestens abgefunden: In ihrer Sendung "Lesen!" ging es nie um Kritik, sondern immer nur um Konsens, Lob und Einigkeit. Kein Wunder, dass niemand mit ihren bösen Worten über das Fernsehen im Allgemeinen und das ZDF im Besonderen gerechnet hatte. Was die Protagonisten der "Eklats" eint, ist ihre Inanspruchnahme der Position des Qualitätsrichters: Heidenreich erregte sich über das schlechte TV-Programm, Ballack darüber, dass der Trainer gute Spieler nicht ausreichend achte. Eine solche Vereinnahmung der Deutungsmacht rührt aus der Gleichsetzung - man könnte auch sagen: Verwechslung - von Prominenz und Autorität: ein medial völlig korrekter Vorgang, da er eine der basalen Bedingungen von Zeitung und Fernsehen darstellt. Womöglich ist die stets in aller Munde geführte Qualität deshalb eine der letzten möglichen Begründungen der Autorität.

Die betroffenen Institutionen wiederum eint, dass sie gerade erleben müssen, wie ihre Lust an der Privatisierung und die Ignoranz gegenüber ihrer öffentlichen Aufgabe auf sie selbst zurück schlägt. ARD und ZDF kämpfen gerade um die Rolle, die sie im Internetzeitalter (noch) werden spielen dürfen, parallel dazu standen und stehen Mitarbeiter vor Gericht, die sich für den Verkauf von Sendezeit zu rechtfertigen haben. Der Deutschen Fußball-Liga wiederum pfuscht gerade das Kartellamt ins Millionengeschäft mit den Senderechten. Die Crux der privaten Vermarktung öffentlicher Ereignisse wird allüberall virulent.

Das gilt auch fürs Personal, in Heidenreich und Ballack personifiziert sich dieses Paradox. Einerseits sind beide als Persönlichkeiten gefragt, andererseits sind just diese personalities nur funktionale Variablen unter anderen. Und wenn deren Individuelles dann plötzlich doch zutage tritt, ist die Institution im besten Sinne entsetzt und reagiert nach der üblichen Manier, die kritische Worte höchstens im geheimen Kämmerlein dulden, nicht aber in der FAZ lesen mag. Schließlich verunsichert eine solche Prominenz die öffentliche Autorität ein jedes Mal, wenn sie sie nicht sogar in den Grundfesten erschüttert. Was selbstverständlich am einfachsten zu leugnen ist, indem man den längeren Hebel, an dem man sitzt, endlich einmal benutzt. Dass dabei heutzutage ziemlich viele Leute zusehen und mitreden, muss man dann allerdings aushalten. Und vielleicht gelingt es den "Debatten" sogar, dem Fernsehen wie dem Fußball ihre öffentliche Verantwortung wieder ins Gedächtnis zu rufen. Denn ARD, ZDF und DFB können zum Glück nicht ausrufen: Uns reicht´s, macht doch Euren Scheiß alleine!

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Geschrieben von

Katrin Schuster

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