Jedes Nein ein Ja

Spam-Kolumne Verkehrte Welt der Kommunikation. Man sollte Fragen in Spam-E-Mails nicht ernst nehmen, aber sie als rhetorische Fragen zu behandeln, hilft auch nicht immer

Das Lieblingssatzzeichen aller Spam-E-Mails ist das Fragezeichen. Fragezeichen-Spam bildet gleichsam das Negativ zum Re-Spam: Während dieser eine Frage beantwortet, die ich nie gestellt habe, stellt jener eine Frage, deren Antwort ihn nicht die Bohne interessiert. Beziehungsweise: deren Antwort ihn allein als solche interessiert, da er sie, sollte sie tatsächlich erfolgen, ein jedes Mal als positiven Bescheid versteht, so oft man darin auch Nein sagt. Jeder Klick ist ein Ja, ob auf den Link oder auf das „Antworten“-Feld, weil jeder Klick nichts anderes bedeuten kann als die Bestätigung meiner E-Mail-Adresse oder der Wirksamkeit des Spamversands. Denn die Struktur dieser Kommunikation ist linear programmiert und duldet keine Abwege ins Inhaltliche. Selbst bei den als „Unsubscribe“-Formulare getarnten Links handelt es sich selbstredend um das genaue Gegenteil, um „Subscribe“-Formulare nämlich: Wer darauf klickt, der wird in Zukunft nur noch viel mehr solcher Mails erhalten.

Die meisten Fragen des Fragezeichen-Spams sind ohnehin rhetorische Fragen. Was sollte man auch antworten, wenn einer sich erkundigt, ob man nicht gerne den eigenen finanziellen, körperlichen und/oder geistigen Gesamtzustand aufhübschen wollte? Klar, immer gerne! Selbst bei einer Spam-Mail mit dem Betreff „Bist Du da?“ müsste ich lügen, wenn ich das abstreiten wollte: Natürlich bin ich in dem Moment, in dem ich diese Mail erhalte, „da“. Die Negation solcher im Grunde ziemlich existenziellen Fragen ist demnach nicht nur strukturell unmöglich, sondern nicht einmal semantisch sinnvoll. Statt wie früher „Man kann nicht nicht kommunizieren“ sollte man heute also besser sagen: Man kann nicht „Nein“ kommunizieren.

Dieser Bedeutungsverlust des Fragezeichens lässt sich auch jenseits der digitalen Kommunikation feststellen, Spam ist schließlich nur ein Indikator, aber selten ein Erfinder sozialer Entwicklungen. Auch im realen Dialog ist von dem Wert dieses Satzzeichens – dem Ausdruck des Interesses an einer Antwort – kaum mehr etwas übrig, und der Inhalt scheint ebenfalls nurmehr als bloße Formalität zu gelten. An der Theke von McDonalds sagt die Angestellte „Sie wollen doch auch, dass es armen Kindern besser geht?“ und deutet auf das Spendenglas; und wenn im Zug einer den MP3-Player einschaltet sagt er: „Sie haben doch nichts dagegen, oder?“. Das sind keine Fragen. Weil sie keine Antwort erwarten, sondern eine Handlung oder eine Reaktion, die entweder Zustimmung oder Widerspruch sein kann. Im ersteren Fall ist ein „Nein“ moralisch problematisch oder wenigstens erklärungsbedürftig, weil im Gewande des Grundsätzlichen mithilfe eines deduktiven Tricks etwas sehr Konkretes eingefordert wird. In letzterem Fall wiederum würde ein „Nein“ sogar Zustimmung bedeuten. Verkehrte Kommunikation!

Da lobt man sich dann wieder die digitale Welt und deren Automatisierbarkeit. Denn die einzig mögliche Antwort auf den Fragezeichen-Spam ist schlichtweg ein gut angelegter Spam-Filter: Wo keine Frage, da keine Antwort, sondern möglichst umfassende Ignoranz. Tatsächlich taugt das „?“ als Kriterium der Erkennung von Spam-E-Mails überraschend gut, da kaum einer – außer eben den Spammern – im Betreff Fragen formuliert. Vielleicht sollte man das einmal in der Wirklichkeit versuchen, und alles, was sich als Frage verkleidet, indem es sich das geschwungene Zeichen ans Ende setzt, ohne Ansehen aussortieren. Dann wäre man vielleicht endlich wieder bei den Sätzen, die wirklich etwas von mir wissen wollen und nicht nur so tun als ob.

In ihrer Kolumne öffnet uns Katrin Schuster regelmäßig den Blick in die Abgründe und Absurditäten der elektronischen Post. Letztes Mal beschäftigte sie sich mit dem Discountwesen

Katrin Schuster, Jahrgang 1976, ist Medien- und Literaturkritikerin und seit 2005 Freitag-Autorin. Sie lebt in München

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Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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