Ladys mit Kolonialstil

Reality TV Der Harem als neuer Fernsehtrend: vier neue Formate bei RTL und ProSieben, vier Mal dieselbe Geschichte – ein Mann dirigiert eine Horde Frauen, die um seine Gunst buhlen
Katrin Schuster | Ausgabe 31/2013 6
Ladys mit Kolonialstil
Das sind „Wild Girls“, die der „Natürlichkeit“ und „Wildheit“ indigener Gruppen ihre „Zivilisiertheit“ entgegenzusetzen glauben
Foto: Stefan Menne/RTL

Da man das Sommerprogramm von RTL und ProSieben kaum für gutes Fernsehen halten kann, muss man es wohl als grelle Hilfeschreie begreifen. Verblüffend unmissverständlich erzählen sowohl Mama Mia und Wild Girls (RTL) als auch Catch The Millionaire und Reality Queens (ProSieben) alle dieselbe Geschichte von dem einen Mann, der eine Horde Frauen dirigiert, die um seine Gunst buhlen und sich gegenseitig auszustechen versuchen. Offensichtlich verursacht der Verlust patriarchaler Verfügungsgewalt bei Chefs deutscher TV-Sender und Produktionsfirmen heftige Phantomschmerzen. Es muss verdammt viele männliche Entscheider in der deutschen Unterhaltungsbranche geben, die so undersexed und overrated sind, dass sie von solch sexistischen Storys nicht genug bekommen können.

Üblicherweise wollen die Macher von einer Verantwortung für die Handlung nichts wissen – wird alles in der Rubrik „Reality“ verbucht: Wir haben das Geschehen doch nur abgefilmt... Wobei Reality auch hier nicht mit Doku zu verwechseln ist; die Settings dieser Sendungen sind so künstlich wie die Brüste, die dann über den Schirm wippen. Die Frage ist nur noch, welcher der Beteiligten welche der lang zuvor programmierten und traditionell eher eindimensionalen Rollen übernimmt. Mama Mia schickte vier Männer mit ihren Müttern in ein thailändisches Urlaubsresort, wo sie je acht Bewerberinnen (bzw. acht Bewerber im Fall des homosexuellen Lukas) zugeteilt bekamen, von denen regelmäßig eine(r) die Heimreise antreten muss, bis eine(r) übrig bleibt. Catch The Millionaire versammelt in einer toskanischen Luxusvilla 18 Frauen, die sich drei vorgeblich reichen Männern anbieten und ebenfalls nach und nach aussortiert werden; wer bleiben darf, erhält eine Kette wie ein besitzanzeigendes Hundehalsband umgehängt.

Eine Show wie ein Naturgesetz

Und sowohl bei Wild Girls als auch bei Reality Queens wird ein Dutzend weiblicher „low-brow celebrities“ nach Afrika entsandt, um einerseits den kolonialen Blick als ironische Geste zu etablieren und andererseits dem jeweiligen Moderator zu gehorchen, wenn er ein weiteres merkwürdiges Spiel oder die Abreise der „Nominierten“ befiehlt. Während die Wild Girls selbst per Abstimmung entscheiden, wer aus der Gruppe ausgeschlossen wird, obliegt die Wahl bei Catch The Millionaire dem Millionär. Das Dating-TV-Ritual schreibt vor, dass der Abschied wortreich bedauert wird; der Off-Sprecher bezeichnet ihn einmal als „erbarmungslos, aber natürlich“. So avanciert eine Selektionsshow zum Naturgesetz.

Kaum zufällig erhalten die Teilnehmerinnen, die sich mittels Silikon und Botox am konsequentesten einer leblosen Sexpuppe anverwandelt haben, sowohl von den Männern als auch von der Kamera die meiste Aufmerksamkeit. Die Wild Girls können der „Wildheit“ und „Natürlichkeit“ indigener Gruppen kaum etwas anderes als das Glück über die eigene „Zivilisiertheit“ abgewinnen, aber am Ende werden, wie immer, im Wettstreit der Zivilisierten nicht die klügeren Köpfe, sondern die willigeren Körper das Rennen machen. „So gefällst du mir, jawoll!“, freute sich etwa Mama Mia-Kandidat Fabio, als eine „seiner“ Frauen für ihn tanzte und ihren Po vor seinem Schritt hin und her schwang. Eine andere verweigerte solchen Körpereinsatz, „weil ich kein Clown bin“, und wurde noch am selben Abend aussortiert. Kommentar von Fabio: „Na, dann verstehen wir uns hier falsch.“

Auch die Frauen haben das erotische Sprechen verlernt und wissen sich nicht anders als mit marktwirtschaftlichen Metaphern zu helfen. Statt auf die Sonne oder das Meer freut sich eine vor allem deshalb auf den Strandtag, weil sie dann ihre „Kurven gut in Szene setzen kann“. Oder Gero über Miriam: „Das ist schon eine, die ich jetzt auf meiner inneren Checkliste wieder ein bisschen weiter oben positionieren werde.“ Warum manche Frauen bei Catch The Millionaire – wo sie „Mädchen“ oder „Ladys“ heißen – nicht weiter mitmachen dürfen, erklärt der Sprecher: „Weil Dennis, Gero und Chris in den anderen Frauen einfach mehr Potenzial sehen.“

Noch bürokratischer klingt die Menschenmaterial-Rhetorik bei Mama Mia-Kandidat Kai-Uwe: „Als ich die Beachbunnys so gesehen habe, da war ich schon sehr glücklich drüber. Die waren alle sehr heiß angezogen, und das hat die Stimmung auf jeden Fall sehr positiv beeinflusst.“ Später leckt er Eis vom Dekolleté der vollsilikonbusigen Zelina – nicht das einzige Aktmodel unter den Teilnehmerinnen der Shows –, wofür sie neidvolle Blicke ihrer Konkurrentinnen erntet. „Ich habe das Eis schon so ein bisschen auf meiner Brust platziert, um zu testen, wie weit er geht“, erklärt sie. Zum Glück: „Kai-Uwe hat den Test bestanden, würde ich mal sagen.“ Zelina wird an diesem Abend nicht aussortiert, weil, wie die mitbestimmende Mama erklärt, „du Kai-Uwes Lieblingseis organisiert hast“. Catch The Millionaire übertitelt derweil die Videos der Ausflüge mit „Es wird geritten“ oder „Jetzt wird eingelocht“. Gegen derart seichten Pennälerhumor ist jeder Herrenwitz intellektuell brillant.

„18 Frauen präsentiert zu bekommen, ist schon ein bisschen altmodisch. Ein bisschen Römisches Reich, wenn man so möchte. Aber das ist natürlich eine komfortable Situation – was kann man sich Besseres wünschen?“ So sagte es der einzig echte Millionär bei Catch The Millionaire, doch damit lag er, ganz gleich, ob er das antike meinte oder das Heilige Deutscher Nation, recht gründlich daneben. Das Modell dieser Shows stammt weder aus Rom noch aus Burgund, sondern aus dem Orient. Oder besser: Es entspringt dem westlichen Orientalismus, dem der Harem schon immer als Erfüllungsort schwüler Sehnsüchte galt, obwohl das mit der historischen Wirklichkeit wenig zu tun haben dürfte.

Kamera in der Wanne

Weil Berichte über das Leben im Harem Mangelware sind, erwachsen auf dieser blanken Fläche die wildesten Fiktionen; die bekannteste Mozarts Entführung aus dem Serail, uraufgeführt 1782, wenige Jahre vor der Französischen Revolution.

Der TV-Harem meint dagegen nur das Gefangensein, nie den Schutzraum, den ein Harem auch darstellte. Die Kameras folgen den Fernseh-Konkubinen vielmehr bis in die Badewanne; vertraglich wird üblicherweise die ständige Verfüg- wie Verwertbarkeit der weiblichen Körper vereinbart. Zudem flossen bestimmt niemals ähnlich große Mengen Alkohol in einem muslimischen Harem. Die bekannten Verwaltungspositionen wurden jedoch peinlich genau besetzt. In Mama Mia gerieren sich die Mütter der Männer als Sultansmütter: Sie helfen ihrem Sohn bei der Auswahl und betreiben mithilfe intimer Kenntnis Familienpolitik. Catch The Millionaire besetzte den homosexuellen, also heterosexuell ungefährlichen „Fashion-Berater“ Thomas Rath als Eunuch, der die Geschäftsführung des historischen Harems innehatte.

Rath teilte den Frauen in der dritten Folge mit, dass nicht alle drei Männer Millionäre sind, sondern nur einer von ihnen. Die anderen beiden – ein arbeitsloser Politologe und ein, genau, Erotikmodel – gaben ihren Wohlstand nur vor, um die „gold digger“ zu entlarven. Wild Girls wiederum hat sich mit den Himba eine Gruppe als Gastgeber ausgesucht, deren Polygamie verwertbar ist. Da kann man endlich mal wieder „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ spielen, wenn der Häuptling Gefallen an einer der „Promi-Ladys“ äußert. Die Sängerin Senna wünschte sich jedenfalls Security vor ihrem Zelt, „jetzt ernsthaft, ey“.

Es ist vielleicht nicht überraschend, dass der Harem als Modell wiederbelebt wird, wenn die weibliche Emanzipation zunehmend den Diskurs mitbestimmt. Jedoch erstaunen Vehemenz und Zeitpunkt. Sowohl im nördlichen Afrika, an dessen Semantik sich Mama Mia und Catch The Millionaire bedienen, als auch im mittleren und südlichen, wo Reality Queens und Wild Girls gedreht wurden, formen seit der Anwesenheit der Europäer blutige Religionskriege die Land- und Gesellschaften, und aktuell verschärfen sich die Konflikte beinahe überall.

Hierzulande hält man die da unten alle für Barbaren und guckt sich deshalb lieber an, wie die sich über deutsche Silikonbrüste wundern und „exotische“ Frauen mit dem Hintern wackeln, um einen blonden Kerl zu gewinnen. Wie sagte Catch The Millionaire-Teilnehmerin Sarah noch so schön? „Ich bin eher die natürliche Frau, weil ich denke, damit kann man gut punkten.“ Nur leider hat das Punkten mit dem Denken nichts zu tun.

Catch The Millionaire, Donnerstag, 20.15 Uhr, ProSieben, ab 22. August ersetzt durch Reality Queens
Wild Girls
und Mama Mia, Mittwoch, 20.15 und 21.15 Uhr, RTL

 

Katrin Schuster hat ein Herz für Trash, aber es ist nicht so groß wie ein Lastwagen

 

 

06:00 01.08.2013
Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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