Menschen verschwinden

Bildbeschreibung Fotos von Flut und Feuer fallen in jedem Sinne aus dem Rahmen: Die Katastrophe setzt sich jenseits der Ränder fort und die Personen darauf werden langsam unsichtbar

In den Kleiderschrank jedes Politikers gehört mindestens ein Paar Jeans. Das ist sein Naturkatastrophen- Kostüm. „In Jeans und Oberhemd“ sei Wladimir Putin an den Ort des Geschehens gereist, um sich die Brandschäden in Russland anzusehen, vermeldete der Stern unter einem Foto, das eine eher rätselhafte Geste des russischen Ministerpräsidenten – er zeigt auf den Fuß eines Baumes – dokumentiert. In Jeans posierte auch der deutsche Innenminister Thomas de Maizière im Fürst-Pückler-Park in Muskau, um auf die Fluten zu deuten. Seit Beginn ihrer Geschichte stehen diese Hosen für den Kampf, den der Mann gegen die Natur aufgenommen hat: Weil Seemänner, Goldgräber und Cowboys Jeans trugen, tragen auch Politiker Jeans, wenn sie während ihrer Begegnung mit den Naturgewalten fotografiert werden.

Das ist kaum mehr als ein verzweifelter Versuch, die Herrschaft über die Ikonografie zu erlangen. Denn die meisten Bilder von Naturkatastrophen sehen, wenn Menschen darauf abgebildet sind, anders aus: ein junger Pakistani, der durch dreckig aufgewühltes Wasser krault, dessen Ufer sich außerhalb des Bildrahmens befinden; ein Mann, der einen Wasserstrahl auf eine nach allen Seiten und damit eben auch über die Ränder der Fotografie ausufernde Feuersbrunst richtet. Die Menschen machen sich nicht gut auf solchen Bildern, weil darauf einzig ihre Ohnmacht festgehalten ist. Dass die Ränder der Katastrophe ins Außerhalb des Bildes rücken, – das am besten noch mit einem so genannten Fischaugen-Objektiv aufgenommen wurde, das ja behauptet, alles in den Blick zu bekommen – inszeniert diese Erhabenheit nur noch einmal. Mit Fingerzeigen ist da nichts mehr zu bedeuten.

Unfreiwillig ästhetisches Urteil

„Die aktuellen Bilder erinnern mich stark an die Katastrophe vom August 2002“, sagte Sachsens Umweltminister Frank Kupfer angesichts des Hochwassers der Neiße – und weiß vermutlich gar nicht, wie Recht er mit seinem wohl nur unfreiwillig ästhetischen Urteil hat. Weil man angesichts dieser Erhabenheit heutzutage nicht mehr mit Kant behaupten kann, dass der Mensch in Gegenwart einer überwältigenden Natur seine moralische Überlegenheit er­fahre, suchen sich die Ästhetizisten unter den Fotografen längst andere Motive. Meistens handelt es sich dabei um Landschaften, die vom Verschwinden der Zivilisation Zeugnis ablegen. Man denke etwa an die Autos und Häuser, von denen gerade noch die Dächer zu sehen sind; oder an jene Straßenschilder, die ihre Köpfe gerade noch aus dem Hochwasser recken.

Feuer und Wasser schaffen sich ihre eigene Landschaft, in der die Grenze zwischen Natur und Menschengemachtem unkenntlich wird: Das verkohlte Bettgestell sieht dem verkohlten Baum daneben irritierend ähnlich, und auch die von den Fluten weggerissenen Häuser werden Teil einer gleichsam natürlichen Ornamentalität; davon erzählten ja bereits die traumhaft verschnörkelten Bilder von der ölverpesteten Meeresoberfläche. Die erhabene Furcht ergreift den Betrachter erst in jenem Moment, in dem er erkennt, dass da kein Ding am Ufer liegt, sondern ein ehemals lebendiges Wesen. In Russland kann dieses Verschwinden nun sogar selbst dokumentiert werden: Auf den Bildern aus Moskau sind die Menschen nurmehr schemenhaft zu erkennen. Inmitten der Rauchschwaden werden sie einfach langsam unsichtbar.

Deshalb kann man nicht aufhören, sich durch diese Bildstrecken zu klicken. Und das buchstäbliche Entsetzen zu imaginieren, das jenseits der Ränder dieser Fotografien liegt.

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Ihre Freitag-Redaktion

15:35 11.08.2010
Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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Ausgabe 38/2020

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