Natürlich

Linksbündig Kleine geistesgeschichtliche Farbenlehre. Heute: Schwarz-Grün

In Goethes Farbenlehre ist Grün die Farbe der Liebhaber, Redner und Poeten, ihr Spektrum reicht halb ins sanguinische, halb ins phlegmatische Temperament. Schwarz dagegen ist dem deutschen Dichter kaum die Rede wert, "das Schwarze bleibt uns wie das Weiße farblos und wird uns in der Kunst nur Licht und Dunkel im farblosen Schatten durch Mischung vorstellen", schreibt er. Laut Wikipedia ist das Sehen von Schwarz der Effekt, der "beim Fehlen optischer Reize auftritt, wenn also die Netzhaut ganz oder nur teilweise keine Lichtwellen im sichtbaren Spektrum rezipiert."

Weil der Staat die Anstiftung zum Liebhaben, Reden und Poetisieren nicht gut brauchen kann, bemüht er sich momentan ziemlich subtil um Grüns Verbannung aus der Öffentlichkeit: Die grünen Versicherungskennzeichen von Mofas, Mopeds und Krankenfahrstühlen werden durch schwarze ersetzt, die grünen Polizeiuniformen durch blaue. Allein die CDU will Grün nicht so schnell von dannen ziehen lassen, weil sie just diese Farbe, nachdem ihr gelb-blaues Blümchen von der Fünf-Prozent-Hürde geköpft wurde, für sich entdeckt hat.

Ein Wunder, dass der Liebes-Augenblick überhaupt so lange auf sich warten ließ. Erinnert diese Paarung doch an Aristophanes´ Erzählung von den doppelköpfigen und vierbeinigen Kugelmenschen (aus Platons Gastmahl), die Zeus in der Mitte teilt, da sie drohen, den Göttern gefährlich zu werden. "Jetzt, sprach er, will ich sie jeden in zwei Hälften zerschneiden, so werden sie schwächer sein und doch zugleich uns nützlicher, weil ihrer mehr geworden sind, und aufrecht sollen sie gehn auf zwei Beinen." So kommt der Eros ins Spiel: "Also sucht nun immer jedes sein anderes Stück." Tatsächlich nämlich waren sich die grünen und die schwarzen Ideen nie so spinnefeind, wie sie sich heute geben - das Bewahren der Natur und das Bewahren der Nation ging lange Zeit Hand in Hand.

Allen voran natürlich die Kunst. Im 18. Jahrhundert beginnen Maler und Dichter die Einheit eines Deutschlands zu imaginieren, die so nie existiert hat - weshalb sie sich die Natur als Gestalt und Rechtfertigung ihrer Nation erwählen. Die deutsche Landschaft - Rhein, Harz, Eichenwald und so weiter - wird bereits bei den Stürmern und Drängern zum Urgrund einer Volks-Subjektivität, in der Romantik liest man deren Zeichenschrift schließlich als Ursprache der Nation. "Politik ist nicht mehr dem öffentlichen Menschenwort und seinem hinfälligen Gesetz verpflichtet, sondern der Natur selber, wie sie von reformerisch effizienten Verwaltungsapparaten im Geheimen und von der schönen Poesie im Öffentlichen definiert wird", schreibt Clemens Pornschlegel über Wilhelm Meister, dem eine ähnlich natürliche Nationalsehnsucht zu Grunde liegt.

Damals hätte man sich wohl kaum träumen lassen, dass 200 Jahre später in Deutschland eine Partei entstehen wird, der es gelingt, dieses Begehren nach Natur in linke Moral zu überführen. Dass sich der nationale Bodensatz bei den so genannten Alternativen nicht auf Dauer unterm Deckel halten lässt, beweisen die aktuelle Hausse der braunen Esoterik sowie der treffliche Begriff "Bionade-Biedermeier". Es mögen dies die Nachwehen der Wiedervereinung sein - die offensichtlich erneut nur nationale Mängel zutage förderte, die wiederum die Kunst nicht aufzufangen wusste.

Zwar eignet der heimliche anti-staatliche - gar poetische? - Affekt nicht nur den Grünen, sondern auch der CDU, jedoch äußert er sich in grundlegend anderer Manier. Was die Grünen als kritisches Aufbegehren gegen Autorität ausleben, verarbeitet die CDU als Neoliberalismus. Wie das zu synthetisieren wäre, weiß wieder Goethe: "Wer Großes will, muss sich zusammenraffen:/In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,/Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben", heißt es in dem Sonett Natur und Kunst. Ob diese Regeln der Dichtkunst für einen Koalitionsvertrag taugen, wird die Realität erweisen müssen.

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Geschrieben von

Katrin Schuster

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