Prada, Dior, D&G, usw

Medientagebuch In der deutschen Version von Warhols Magazin "Interview" lockert manches Gespräch die Werbung auf. Darin geht es um die Vereinbarkeit von Weltrevolution und Lifestyle

Seit mehr als einem Jahr wartet die Klatschpresse darauf, dass das ehemalige Supermodel Naomi Campbell den russischen Millionär Vladislav Doronin heiratet. Angeblich wird der Multimilliardär Roman Abramowitsch, der einst Wladimir Putin an die Macht geholfen haben soll, Trauzeuge sein und dessen Freundin Daria Schukowa Brautjungfer. Im August 2011, als Griechenlands Großbanken fusionierten, feierten Campbell und Doronin eine 57.000- Euro-Sause auf Kreta. „Ui, Verlobung!“, tuschelte die Yellow Press.

Es stimmt schon: Die Berichterstattung über die Superreichen dieser Welt ist einseitig. Meist delektiert sie sich an deren Besitztümern oder an deren Marotten; man bedenke die fortlaufende Kritik an Campbells Umgang mit ihren Angestellten oder ihrer Weigerung, vor dem Gerichtshof in Den Haag über das Blutdiamantengeschenk des früheren Präsidenten Liberias auszusagen. Ein neues Image musste längst mal her.

Dabei hilft nun der deutsche Medienmacher Bernd Runge, früher bei Condé Nast und dort für die (gescheiterte) deutsche Vanity Fair verantwortlich: Gemeinsam mit Doronin („Board of Directors Interview Publishing House Germany“) und Campbell („Editor at Large“) hat er Andy Warhols legendäres Art-People-Magazin Interview reaktiviert. Mit einem entscheidenden Schönheitsfehler: Die Prominenten, die hier miteinander sprechen, tun das nicht wie einst aus Lust an der Plauderei, sondern um das mehr als reichhaltige Werbeumfeld aufzuhübschen, weshalb sie auch in dies oder das gekleidet und von diesem oder jenem gestylt werden. Interview ist mithin kein Magazin, sondern inszeniert das Drama der Superreichen, die offensichtlich arg da­runter leiden, dass ihr gepflegter Intellekt wegen des vielen Geldes nie richtig zur Geltung kommen will.

Eine Farce, natürlich. Nach dem Prolog von Giorgio Armani, Gucci, Prada, Dior, Dolce Gabbana, Emporio Armani, Jil Sander, Hugo Boss, Longchamp, Stefanel, Y-3, Miu Miu benennt der deutsche – Interview gibt es auch in einer russischen Ausgabe – „Editor in Chief“ Jörg Koch „unser hehres Ziel: Jeden Monat einen so überraschenden Mix aus Mode, Kunst, Musik und Film zu produzieren, dass dieser nicht nur unverschämt gute Laune bereitet, sondern die Welt ein wenig anders aussehen lässt“. Nach Tommy Hilfiger, Bally, Audi, Tiffany, Elie Saab, Sévigné, Dom Pérignon, Salvatore Ferragamo, Kanebo, Navyboot, Minotti werden die weiteren handelnden Figuren (unter anderem Lana del Rey, Chloё Sevigny, Angelina Jolie, René Pollesch, Donatella Versace) vorgestellt, und ab Seite 57, nach Hublot, Calvin Klein Jeans, René Storck und Coco Chanel, nimmt das Drama endlich seinen Lauf.

Flache Schuhe

Erster szenischer Höhepunkt ist nach Estée Lauder, Cartier, Narciso Rodriguez, Issey Miyake und Jaeger LeCoultre zweifelsohne der Dialog zwischen Daria Schukowa und Rem Koolhaas: „Rem, verraten Sie doch bitte den Lesern, was für eine Kundin ich bin. – Oh, mit Abstand unsere pingeligste!“ Später steht Naomi Campbell mit einem ihrer Schneider auf der Bühne: „Mir gefällt es, dass Ihr Laden nun am Beauchamp Place liegt und nicht an der Savile Row.“ Und schließlich planen Scarlett Johansson und Arianna Huffington die doppelte humanitäre „Revolution“: „Erst Somalia, dann flache Schuhe“. Man darf annehmen, dass in einer der kommenden Ausgaben Roman Abramowitsch über sein schöngeistiges Engagement in Russland Auskunft gibt. Und damit nicht nur unverschämt gute Laune verbreitet, sondern die Welt ein wenig anders aussehen lässt.

Katrin Schuster ist regelmäßige Autorin des Medientagebuchs und schreibt für den Freitag sonst vor allem über Literatur

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12:00 04.02.2012
Geschrieben von

Katrin Schuster

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Ausgabe 39/2020

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