Schau mal bedeutungsschwanger

Polizeiruf Der Brandenburger Polizeiruf 110 "Falscher Vater" bedient mit Blick auf iranische Migranten jene Ausnahme-von-der-Regel-Logik, die in Wahrheit Differenzen zementiert

Wenn bereits am Anfang über mehrere Minuten hinweg nur geschwiegen und bedeutungsschwanger hin und her, einander ins Gesicht und aneinander vorbei geguckt wird, ohne dass irgendeiner – am wenigsten womöglich die Schauspieler selbst – wüsste warum, dann mag man eigentlich schon gar nicht mehr weiter zuschauen. Denn solche absichtsvollen Verrätselungen machen weder in dem Moment Sinn, weil man sie da ja nicht versteht, noch im Nachhinein, weil man sie da längst vergessen hat (außer man ärgert sich noch immer darüber). Bloß weil eine Spannung behauptet wird, entsteht die noch lange nicht. Im Gegenteil.

Immerhin passte dieser Auftakt bestens zum Rest des Brandenburger Polizeirufs Falscher Vater. Der stellte sich nämlich dauernd selbst irgendwelche Fallen, in die er dann mit konservativer Wonne hinein tappte. Bei der Sache mit den neuen und den alten Medien zum Beispiel: die Iraner hören Radio, Johanna Herz hört Radio, auch der Verdächtige benutzt als Alibi das Radiohören. Als schlechte Medien fungieren dagegen die Mobiltelefone: Eines zeigt die falschen Bezirksgrenzen an, weshalb es zu einem völlig unnötigen und folgenlosen Disput über Zuständigkeiten kommt; ein anderes hält Herz' Assistentin von der Arbeit ab, da sie sich mitten in einer Liebelei befindet; und ein drittes stört ein Gespräch, das gerade etwas zutage hätte fördern können.

So weit, so gut, man kennt und mag den Sonntagskrimi für die Etablierung solcher Nebenschauplatzdiskurse. Nur den Autoren dieses Polizeirufs (Claudia Kock und Nils Willbrandt) war das offensichtlich nicht genug, weshalb sie alles noch einmal explizieren. Deshalb muss Herz dem ebenfalls angereisten Berliner Kommissar und seinem GPS sagen: "Wir brauchen kein Gerät, wir haben Krause." Und deshalb muss sich Katrin bald lautstark entsetzen: "Er hat Schluss gemacht! Per SMS! Wie bescheuert ist das denn!" Und dennoch dauert es noch ganz fürchterlich lange, bis Radiohörerin Herz endlich die zündende Idee hat: "Wir brauchen die Handydaten!" Und wir dachten schon, das gehört zur Standard-Ermittlung! Nun, in Brandenburg – laut Kock und Willbrandt – offenbar nicht.

Dafür, dass manche Klischees erst produziert werden, wenn man versucht, sie als solche zu entlarven, scheinen die Macher dieses Films tatsächlich völlig blind. Da Willbrandt auch Regie führte, setzt sich das ästhetisch freilich fort: Die Migranten müssen dauernd untätig herumstehen und -sitzen und sich äußerst auffällig benehmen (alles unterlegt mit orientalisierender Musik), nur damit man sie am Ende entlasten und die Deutschen als Mörder entlarven kann. Deshalb fehlt es dem Film auch an jeglicher Spannung: Weil man diese böse Ausnahme-von-der-Regel-Logik leider viel zu gut kennt, als dass man die Iraner auch nur eine Sekunde der Tat verdächtigen würde. So zementiert man Differenzen, genau.

Am Ende, wie könnte es anders sein im Sinn dieser Semantik, ist alles wieder in seiner rechten Ordnung. Der einzige der iranischen Familie, der abgeschoben werden sollte, kann zum Glück nicht mehr abgeschoben werden; er ist ja tot. Und auch Herz hat ihr Gewissen erfolgreich beruhigt. Nicht nur, indem sie einem Medikamtenschmuggler mit "Menschen, die abgelaufene Antibiotika einnehmen sterben. Warum haben Sie das gemacht? Markenklamotten? Damit Ihr Auto oder Ihr Motorrad noch ein bisschen schneller fährt?" in dessen Gewissen redete. Sondern auch, weil sie mit der Nachbarin, die sie zuvor – der Stress! – abwimmeln musste, in den Abend walzt. Echt herzig.

JA: Auch der Satz "Sowas gab's zu unsern Zeiten nicht" fällt.

UND, NEIN: Dieser Polizeiruf ist nicht vom MDR, sondern tatsächlich vom RBB.

GESUCHT WIRD: Ein Mechaniker, der endlich, endlich Krauses Motorrad (eine Antiquität, natürlich!) repariert.




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Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)

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