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Linksbündig Autorenstreik in Hollywood

Der Streik der amerikanischen Fernseh- und Filmautoren dauerte kaum eine Woche, da wurden die Seriensüchtigen nervös. "How long before your shows go dark?", lautet die Frage von tvguide.com, und sicher ist nur: Von Boston Legal wird es in den USA noch neun Folgen, von CSI: NY noch sieben, von Dr. House noch sechs zu sehen geben. Und so weiter. Denn schon Ende November könnten viele Regisseure und Schauspieler nicht mehr weiterarbeiten, weil keine Drehbücher mehr vorhanden sind; die Produktion von Serien wie Heroes, Lost und Desperate Housewives ist bereits eingestellt, die Ausstrahlung der halbfertigen siebten Staffel von 24 auf unbestimmte Zeit verschoben. Auch Late-Night-Talkern wie Letterman und Leno sind seit dem 5. November die Witze ausgegangen, weil kein Autor sie mehr niederschreibt. Dass die Maschinerie so schnell blank liegt, hatte wohl niemand erwartet. "Ich bin ein toter Mann", soll Jay Leno gesagt haben.

Die Writer´s Guild of America (WGA), die den Streik ins Leben gerufen hat, verhandelte seit Juli mit den großen Produktionsfirmen über einen neuen Tarifvertrag. Anfang November scheiterten die Gespräche - vor allem an dem Punkt, der Tantiemen auf die Vervielfältigungen der Werke betrifft. Pro verkaufter DVD erhält ein Autor momentan ein paar Cent, von der Verwertung seiner Geschichten im Internet hat er so gut wie gar nichts. Der Erfolg des Online-Geschäfts sei noch nicht einzuschätzen, meinen die Produzenten und wollen weiter nicht darüber diskutieren. Gerade dieses Argument ist der WGA allerdings bestens bekannt: Bei ihrem letzten Streik, der immerhin fast 20 Jahre her ist, ging es um die Beteiligung der Autoren an den Video-Verkäufen, auch da beschworen ihre Geldgeber die unsichere Zukunft des damals neuen Mediums - und die Autoren ließen sich mit geringen Gewinnbeteiligungen abspeisen.

Doch geht es im Grunde weniger ums Geld als vielmehr darum, die Idee des geistigen Eigentums endlich ins Internetzeitalter zu retten. Juristisch denken die Produktionsfirmen analog, geschäftlich dagegen durchweg digital: Bislang sieht der Vertrag vor, dass die Autoren einmalig für das Hochladen der Werke entlohnt werden, die Anzahl der späteren Downloads fällt nicht ins Gewicht. Just das will die WGA nun ändern - und muss sie auch: Der Begriff des Exemplars, auf den sich Honorarberechnungen in der Regel stützen, trägt im Digitalen nicht mehr weit, ihn auf den Upload zu münzen, ist eine rein legale Volte. Denn natürlich erzählen allein Downloadstatistiken etwas über die im Umlauf befindlichen "Einzelstücke". Dass die Produzenten diese nur ungern als Richtwert einführen wollen, ist verständlich - schließlich hätten die Autoren dann noch mehr Argumente für ihre kulturbildende Rolle in der Hand.

Dass die bekannten Gesichter wie Letterman oder Teri Hatcher (Desperate Housewives) nicht viel darstellen ohne die Inhalte, die man ihnen in den Mund legt, haben sie selbst schnell begriffen und eilten fast allesamt zur Unterstützung der Streikenden herbei. Nur die Produzenten stellen sich quer, haben sie doch Inhalte längst zum Content erklärt, den man beliebig verbreiten kann, solange nur das eigene Logo darauf klebt. Dass dieses Label allein nicht sehr unterhaltsam ist, müssen sie nun offensichtlich schmerzlich feststellen. Die WGA ist nämlich kaum zu unterschätzen: Der Streik von 1988 dauerte fünf Monate, 500 Millionen Dollar soll das die Industrie damals gekostet haben, diesmal rechnet man mit etwa einer Milliarde Verlust.

Und noch etwas anderes hatte der 88er-Streik zur Folge: Als die Vorlagen für Fiktion ausgingen, griff man zur Wirklichkeit - Reality-TV ist wohl eine der weitreichendsten Konsequenzen des damaligen Ausstands. Worauf die Sender heute bauen, sollten die Texte aufgebraucht sein, kann man erahnen: noch mehr Reality, noch mehr Shows, kurz gesagt: noch mehr user generated, das heißt: billiger Content. Man wird tatsächlich sehen können, was man davon hat.

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Geschrieben von

Katrin Schuster

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