Sunnyboy im Schneesturm

Bildschirm Was haben die TV-Menschen Jörg Thadeusz, Matthias Frings und Matthieu Carrière gemeinsam? Nun, sie haben einen Roman übers Fernsehen geschrieben

Wer mit der Sesamstraße aufgewachsen ist, hat gelernt, dass Buchstaben dem Fernsehen im Grunde nichts bedeuten und dass sie auf dem Bildschirm genau deshalb ziemlich hoch gehandelt werden. Die paar Ganoven, die es im Sesamstraßen-Kiez gab, waren Schwarzmarkthändler, die mit As, Os und Rs dealten, die sie verschwörerisch unter ihren Trenchcoats verborgen hielten. Ihre an dunklen Straßenecken geflüsterte Parole lautete „ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ“, und idiota Ernie war ihnen stets das liebste Opfer – auch wenn er sich meist zu naiv anstellte, um übertölpelt zu werden.

Am Verlangen des Fernsehens nach der Schrift scheint sich bis heute wenig geändert zu haben. Für Romanverfilmungen wird jedes Mal wieder mit deren Literarizität geworben, und wenn ein Literaturkritiker das Fernsehen schmäht oder eine Büchersendung abgesetzt wird, folgt unweigerlich die öffentliche Debatte. Allerdings blieb diese Liebe meist auf hervorragende Weise unerwidert. In diesem Jahr nun ist der Funke gleich mehrmals auch in umgekehrter Richtung übergesprungen: Der Moderator Jörg Thadeusz hat den Roman Die Sopranistin veröffentlicht, der einen Anschlag auf eine Fernsehpreis-Verleihung zum Ausgangspunkt hat; der ehemalige TV-Moderator Matthias Frings hat den Roman Ein makelloser Abstieg herausgegeben, der von einem ehemaligen TV-Moderator handelt; und der Schauspieler und Dschungelcamp-Teilnehmer Mathieu Carrière hat den Roman Im Innern der Seifenblase pu­bliziert, der von der Telenovela-Branche erzählt.

Hohle Phrasen

Der literarische Umgang mit solch brisantem Inhalt schlägt sich zuallererst formal nieder: Sowohl Frings als auch Carrière beginnen mit einem „Vorspann“ und enden mit einem „Abspann“. Letzterer bemüht sich sogar um den Nebentext: „Die Kamera gleitet über Teiche, Lichtungen und sonnendurchflutete, in allen Farben leuchtende Baumkronen bis zum Warschau19-Studio, steigt, schwenkt an der Fassade hoch, fährt über eine Terrasse bis zu einem großen Fenster, bleibt stehen; ZOOM durch die schillernde Scheibe. CUT auf:“ – und dann beginnt die Geschichte mit dem Blick auf Peter Niesel, Drehbuchautor „und seit ein paar Wochen sogar Producer“ für Fernsehserien in der Produktionsfirma C, die wiederum einer gewissen Christine Knall gehört. Der Name ist Programm, nicht nur für die C, sondern vor allem für Carrières Produkt, den Roman Im Innern der Seifenblase, der sich unbedingt als durchgeknallt begreifen will. Im Zentrum des Geschehens steht der für tot erklärte Schauspieler Bob Bodenbauer, der plötzlich erwacht, schon den Bild-Zeitungsreporter Hannibal an der Strippe und die von ihm schwangere Krankenschwester Barbarella an der Seite hat, sich trotzdem nicht an sich selbst erinnert und ob dieser Schlagzeilenträchtigkeit eine Rolle in Knalls und Niesels Telenovela PoPp – Petra oder Petrus poppen bekommt. PoPp wiederum handelt ebenfalls von einer TV-Produktionsfirma, die Telenovelas anfertigt, in denen alle ziemlich seltsam heißen und miteinander ins Bett oder einander hintergehen oder beides gleichzeitig.

So könnte sich diese Geschichte ewig weiter vervielfachen – wenn nur Mathieu Carrière nicht gar so viele offene Türen einrennen würde. Worüber sich jeder gerne einmal aufregt, darüber macht sich nun auch er lustig: über die Quotenhörigkeit, über Quacksalber der Medizin und der Medien, über Eso-Lifestyle und Vampirfilme, über Psychogeschwätz und Managerrhetorik sowie, allen voran, über die Bild-Zeitung. Die Zeichenstriche dieser Groteske verraten mithin mehr über die Dünkel des Autors als über die mediale Gegenwart. Und vor allem findet die Sprache keinen Halt in diesem Zerrspiegelkabinett, einfach weil hohle Phrasen hohle Phrasen bleiben, selbst wenn sie in reichlich Ironietunke getaucht werden. Dass der Autor sich von einem Teil dieser Banalitäten distanziert, indem er Schlagzeilen, Nebentext und Drehbuch-Auszüge typografisch von „seinem“ Text absetzt, bedeutet deshalb kaum mehr als eine optische Spielerei.

In Form übergroßer Buchstaben bricht auch in Matthias Frings’ Ein makelloser Abstieg die Wirklichkeit der Medien ein. Auch diese Schlagzeilen entstammen einer – allerdings nur als „das Blatt“ bezeichneten – Boulevardzeitung, die Prominente mit sadistischer Lust demütigt und erpresst. Der Fernsehmoderator Simon Minkoff, der Protagonist, gerät in deren Fänge, weil seine Freundin Alkoholikerin ist. Um den Blick der Öffentlichkeit darauf zu verhindern, schlägt er dem Redakteur einen Deal vor – und verrät die Kokainsucht eines Freundes. Damit endet die erste Hälfte des Romans. In der zweiten Hälfte erfährt man bald das Ergebnis des Verrats: „Sebastian Leber: Der Sunnyboy im Schneesturm!“ lauten die zwei fetten Zeilen, die den Leser blenden.

Die Verwirrung von Realität und Fiktion ist bei Frings nicht nur explizit Thema, weil Minkoff an der eigenen „Entöffentlichung“ arbeitet, um endlich zu erfahren, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen Fernseh-Ich und Privat-Ich geben kann. Die Wirklichkeit und deren Repräsentation geben dem Roman die Gestalt: Auf Minkoffs Spuren setzt sich ein junger Journalist, der Ich-Erzähler, der erst spät in den Text einsteigt – und umso brillanter zur Geltung kommt. Denn am Ende ist er es, der den gesamten Roman all seiner Ähnlichkeiten mit sich selbst beraubt, indem er ihn als bloße Fiktion enttarnt. Was bedeutet, dass auch dieses Autor-Ich namens Gregor Böhm sich selbst erfunden hat. Ein wahrhaft verrückter Dreh, der sich ganz zurecht auf das kantige Vokabular und die lässig vor sich hin treibenden Sätze von Matthias Frings verlassen kann.

Temporeicher und deutlich dramatischer geht Jörg Thadeusz in seinem Roman Die Sopranistin zu Werke, welcher – auch dank durchgängiger Orts- und Zeitangaben – das perfekte Drehbuch für eine deutsche Version der Ganovenkomödie abgibt. Denn der Scheiße-Bomben-Anschlag auf die Fernsehpreis-Verleihung ist nur der Anfang einer echten Räuberpistole, in die der Friseur ­Georg immer tiefer verwickelt wird, je heftiger er sich von ihr freizustrampeln versucht. Zwischen FBI- und CIA-Agenten, ­Ölmagnaten, jugendlichen Möchte­gern-Ter­ro­risten und Veteranen sowohl des jugoslawischen Bürgerkriegs als auch des Bundeswehr-Einsatzes in Mogadischu knüpft Thadeusz mit leichtester Hand ein reißfestes Netz: Noch der unglaubwürdigste Zufall ist literarisch so gründlich vorbereitet, dass er als absolut logische Folge der Ereignisse erscheint; Thadeusz’ Faible für scheiternde Kleinkriminelle, die eigentlich das ganz große Ding drehen wollten, und für Heist-Movies à la Pulp Fiction, Die üblichen Verdächtigen oder Der Clou darf als ausgemacht gelten. Wo Matthieu Carrière auf Ironie und sprachliche Groteske setzt und Frings literarisch Ernst macht mit dem unentwirrbaren Ineinander von Realität und Fiktion, da lässt Thadeusz einfach seine Autorität walten, um eine Geschichte zu erfinden, die auf höchst unterhaltsame Weise womöglich mehr von semantischen Strukturen als von der Wirklichkeit erzählt – und eben deswegen die Wahrheit spricht.

Sarkastische Distanz

Gemein hat Die Sopranistin mit den beiden anderen Fernseh-Geschichten die Referenzen auf die Massenmedien: Als Zwischenspiele der einzelnen Szenen fungieren bei Thadeusz Bild-Zeitungsartikel, BBC-Interviews, Radiobeiträge und so weiter, die alle auf die Perfidie der Öffentlichkeit zielen, indem sie Journalisten einfach nur zu Wort kommen lassen; da erweist sich Jörg Thadeusz mal wieder als gnadenloser Rhetorik-Imitator. An einer solchen sarkastischen Distanz gebricht es sowohl Carrière als auch Frings: Deren Texte werden ob ihrer zynischen Haltung nicht selten durchsichtig für die telemediale Zurückweisung, die die beiden offenbar erfahren haben. Das macht diese Romane nicht schlechter, aber immerhin angreifbarer.

Und so sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen: Ist die formale Nachahmung tatsächlich die einzige Antwort auf das prekäre Verhältnis zwischen Bildern und Texten? Mit einer imitatio televisionis ist an sich nicht sonderlich viel bedeutet, da sich das Fernsehen in seinem Begehren, die Wirklichkeit per Fiktion in den Griff zu bekommen, doch keinen Deut von der Literatur unterscheidet. Letzterer fehlen nur die Bilder – aber das könnte sich schnell ändern, denn zur Verfilmung taugen alle drei Romane. Und dass das Fernsehen bereitwillig Buchstaben verhökert, weiß man, wie gesagt, schon seit der Sesamstraße.

Im Innern der SeifenblaseMathieu Carrière, FVA 2011. 365 S., 19,90

Ein makelloser AbstiegMatthias Frings, Aufbau-Verlag 2011. 456 S., 19,95

Die SopranistinJörg Thadeusz, Kiepenheuer Witsch 2011. 286 S., 14,95

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Ihre Freitag-Redaktion

13:00 15.08.2011
Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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Ausgabe 41/2021

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