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Ausgezahlt Auf die Frage, wie man als Zeitung im Internet Geld verdienen kann, gibt es eine neue Antwort: alles freigeben

"Alles gratis" lautet die Überschrift des Artikels der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der kürzlich den Strategiewechsel der New York Times - Verschlankung des gedruckten Exemplars und kostenloser Online-Zugang zu den aktuellen Artikeln der Printausgabe und einem Gutteil des Archivs - erläuterte. Für den Text selbst gilt diese Überschrift jedoch nicht, nur dessen erste Sätze sind auf FAZ.net lesbar, dann folgt der Hinweis, man könne "diesen Beitrag ... zum Preis von 2,00 für 24 Stunden nutzen".

Bei der FAZ ist also längst nicht alles gratis, wie bislang bei der New York Times nicht alles gratis war: TimesSelect nannte sich das Angebot, das Abonnenten für 7,95 Dollar pro Monat beziehungsweise 49,95 Dollar im Jahr die exklusive Onlinenutzung des Archivs und der Artikel der Printausgabe gewährte. Seit vergangener Woche ist nun alles anders: Am 19. September verkündete nytimes.com in einem "Brief an die Leser" das Ende von TimesSelect. Ab sofort stehen alle gedruckten Inhalte sowie das Archiv seit 1987 und zwischen 1851 und 1923 kostenlos im Netz bereit. Auch Rupert Murdoch, der neue Eigentümer des ähnlich renommierten Wall Street Journals, denkt laut über einen solchen Schritt nach. Das Ende der Bezahlinhalte im Internet scheint eingeläutet.

Auf einhellige Begeisterung trifft diese Entwicklung nicht. Für den Verleger Christian DuMont Schütte etwa brach nach Murdochs Äußerungen "eine Welt zusammen". Deutlicher hat in der jüngsten Zeit wohl niemand mitgeteilt, wie prekär das Verhältnis von Print und Online immer noch ist. Suchten anfangs viele Zeitungen ihr Heil im so genannten E-Paper, der (meist extra zu bezahlenden) elektronisch aufbereiteten Druckausgabe, so streben heute beinahe alle danach, entsprechend dem Vorbild Spiegel Online im Netz etwas anderes zu bieten als auf Papier, und das kostenlos. Bereits seit Monaten bastelt ein Projektteam an WestEins, dem Onlineportal der WAZ-Mediengruppe. Dem Konzern scheint sichtlich bewusst zu sein, dass man als Internet-Nachzügler vehementer aufzutreten hat, weil jeder Fehler und jedes Manko umso gnadenloser zur Kenntnis genommen werden.

Welche Reaktionen der "Letter to Readers" in der WestEins-Entwicklungsredaktion hervorgerufen hat, wüsste man deshalb nur allzu gern. Denn den Brief sollte man nicht allein als Akzentverschiebung auf das Internet verstehen, sondern auch als Erkenntnis, dass Communities, Kommentarfunktionen und Leserreporter - der so genannte User generierte Content also, der oft unter dem Begriff des Web 2.0 gefasst wird - nicht das WWW-Alter-Ego einer Zeitung ausmachen können; dass also kein Online-Ableger auf die Kernkompetenz seiner Wurzel verzichten kann. Selten hat sich einer so klar ausgedrückt: Bei "TimesSelect" handelte es sich keineswegs um ein gesponsertes, sondern um ein lohnenswertes Konzept: Mit 227.000 Abonnenten hatte die New York Times nach eigenen Angaben zehn Millionen Dollar im Jahr erwirtschaftet. Die Abschaffung des Abonnementzwangs ist mithin nicht aus der Not geboren.

Um Geld geht es dagegen schon, auch wenn das recht dezent ausgedrückt ist. "Seit dem Start von TimesSelect im Jahr 2005 hat sich die Online-Landschaft maßgeblich verändert", heißt es in dem Brief, "Leser finden ihre Informationen immer öfter durch Suchen und durch Social Networks, Blogs und andere Onlinequellen. In Anbetracht dieser Verschiebung glauben wir, dass mit einem uneingeschränkten Zugang zu den Berichten und Analysen der New York Times dem Interesse unserer Leser, unserer Marke und dem Fortbestand unseres Journalismus am besten gedient ist. Wir ermutigen jeden, unsere Nachrichten und Meinungen zu lesen - sowie sie freizugeben, zu verlinken und zu kommentieren." Der letzte Halbsatz nennt den Kern der Sache, es geht ums Freigeben, ums Verlinken und ums Kommentieren. Die New York Times hat offenbar begriffen, dass das bloße Erscheinen auf der Bildfläche von Google, Blogs und anderen Empfehlungen wesentlich mehr wert sein kann als zwei Euro pro Tag oder zehn Millionen Dollar im Jahr. Schon die erforderliche Anmeldung ist den Infosurfern von heute oft zu umständlich, zudem ein Text - so interessant er auch sein mag - nicht verlinkt wird, wenn der Zugang individualisiert und kostenpflichtig ist. Breitenwirkung gibt es eben nur für kostenlosen Content, niemals für Bezahlinhalte. Und diese Breitenwirkung bedeutet nicht nur größere Chancen auf positive Rückwirkungen aufs Gedruckte, weil man in vieler Munde ist, sondern bedeutet vor allem Klicks, diese Währung der Aufmerksamkeit, und in der Folge die Möglichkeit für mehr und teurere Werbung. Ob diese Hoffnung berechtigt ist und wie sehr sie eine Marke korrumpieren kann, wird sich zeigen müssen. Zwar weist der Onlinewerbemarkt beeindruckende Zuwächse auf, sein Anteil am Gesamtvolumen ist allerdings weiterhin gering. Vom Tod der gedruckten Zeitung zu sprechen, wäre wohl verfrüht - ein großer Schritt in diese Richtung ist allerdings getan: Mit einer derart wirksamen Aufwertung des Links gewährt die New York Times der Vernetzung - und nicht mehr dem Inhalt an sich - den Respekt, der ihr in digitalen Zeiten de facto gebührt. Und just das ist wohl gemeint, wenn heute schon hier und da vom Web 3.0 die Rede ist.


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Geschrieben von

Katrin Schuster

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