Wer kann das zu Ende lesen?

Buchmesse Was das Internet mit uns macht, erklären Nicholas Carr und Jaron Lanier

Das Problem ist nicht, dass die Firma Google den Algorithmus, nach dem die gleichnamige Suchmaschine ihre Ergebnisse sortiert, nicht verrät. Das Problem ist, dass ein Großteil von uns mit dieser Formel gar nichts anfangen könnte. Deshalb klingt die Debatte über Auswirkungen des World Wide Web gerade hierzulande meist fürchterlich banal: Sie handelt fast ausschließlich von den Inhalten, von Respektlosigkeiten, Pornografie, Trivialisierung, mangelnder Rechtschreibung und so weiter – weil sich von der Technologie dahinter kaum sprechen lässt. Selbst die Kinder des World Wide Web, die Blogger, Internet-Journalisten und Spiegel Online-Redakteure, verteidigen das nicht mehr ganz neue Medium eher selten mit Fakten und Argumenten, sondern indem sie Häme über dessen Kritiker ausschütten. Dass Frank Schirrmacher sich offenbar genötigt fühlte, im Vorwort zu Nicholas Carrs Buch Wer bin ich, wenn ich online bin solch peinlich überflüssige Sätze wie „Niemand ist gegen das Netz. Und niemand ist gegen Computer. Auch Carr nicht“ zu schreiben, und Jaron Lanier in seinem Buch Gadget – Warum die Zukunft uns noch braucht eifrig darum bittet, lieber über die verbliebenen Freiräume zu debattieren, „statt über die Frage, wer hier der Maschinenstürmer ist“, wird daran vermutlich nichts ändern.

Denn Carr und Lanier sehen die Zukunft des Menschen im digitalen Zeitalter kritisch. Und das mögen jene Autoren, die ihren Ruhm dem digitalen Zeitalter verdanken und die man folglich als Effekte des Internet begreifen darf, nun einmal nicht hören.

Wobei, ein Grund dafür, dass Nicholas Carr Wer bin ich, wenn ich online bin geschrieben hat, ist sicherlich im World Wide Web zu finden. Das Buch ist eine deutlich erweiterte Fassung des Essays Is Google making us stupid? (Macht uns Google dumm?), den Carr im Juli 2008 im US-Magazin Atlantic Monthly publizierte und der erwartungsgemäß viel Kritik gerade von Bloggern und anderen Online-Publizisten erntete. Was Carr in seinem Artikel nur streifen und als Behauptung in den Raum stellen konnte, führt er nun auf fast 350 Seiten aus und unterfüttert es mit einer inspirierten, wenn auch ab und an beinahe endlos erscheinenden Reihe von Studien. Dieses Empirie­gehuber nährt freilich erst den Verdacht, es ließe sich eine ähnlich große Anzahl von Forschungen finden, die auf genau gegenteilige Ergebnisse gestoßen sind.

Abart des Marxismus

Carrs Ausgangspunkt ist jener oft zitierte und dennoch selten wirklich begriffene Satz von Marshall McLuhan, nach dem das Medium die Botschaft sei, „the medium is the message“. Der Streit über Inhalte und deren Qualität lohnt mithin kaum, da die Art der Rezeption den Unterschied macht: „Das E-Book ist genauso wenig ein Buch, wie eine Online-Zeitung eine Zeitung ist“, sagt Nicholas Carr, dem es vor allem an dem bio- wie neurologischen Nachweis gelegen ist, dass die Medien, derer wir uns für unser soziales Dasein bedienen, unser Gehirn entsprechend ihrer Funktionalitäten reprogrammieren. So soll die mediale Gemachtheit des Menschen, die in den semiotisch grundierten Geisteswissenschaften weitgehend unstrittig ist, auch naturwissenschaftlich belegt werden.

Was im Großen und Ganzen gut gelingt: Ich bin, wenn ich online bin, ein eher zerstreuter, nach Abwechslung haschender Konsument, der wegen des andauernden Zwangs, eine Klick-Entscheidung treffen zu müssen, sich nur wenig von dem merken kann, was er da rezipiert.

Selbstredend malt auch Carr das Menetekel einer untergehenden Kultur an die Wand, bemerkenswerterweise aber gibt er zu, dass eben jene nicht-lineare Aufmerksamkeit der „historische Normalzustand“ sei – während die kurzen zwei-, dreihundert Jahre, in denen sich das stille Für-Sich-Lesen, der intime Dialog des Autors mit dem Leser durchsetzte und der Mensch sich deshalb plötzlich als zur Kontemplation fähiges Subjekt verstand, womöglich nur eine „seltsame Anomalie in der Geschichte unserer Psyche“ darstellten. Dass Carr an dieser Anomalie hängt, steht außer Frage. Vor der stattfindenden Auslagerung des individuellen Gedächtnisses ins World Wide Web fürchtet es ihn, da er Kultur und Gedächtnis in eins denkt und ihm das Internet als „Technologie der Vergesslichkeit“ gilt. „Was dem echten Gedächtnis seinen Reichtum und seinen Charakter verleiht, ganz zu schweigen von seinen Geheimnissen und seiner Empfindlichkeit, ist seine Kontingenz“, und an der mangelt es den perfekten Algorithmen freilich völlig.

Der Gegensatz von linear und zerstückelt, von analog und digital, spielt erwartungsgemäß auch in Jaron Laniers Buch Gadget keine geringe Rolle. Lanier ist allerdings der pragmatischere der beiden Autoren: Während Carr in Harvard Literatur studierte und sich danach als Journalist der großen US-amerikanischen Zeitungen und Magazine einen Namen machte, verließ der nur ein Jahr jüngere Lanier die Highschool ohne Abschluss, machte stets auch Musik, gründete Mitte der achtziger Jahre im Alter von 24 Jahren eine Firma für Virtual-Reality-Anwendungen und kam erst später als Dozent nach Yale. Seine Kritik an den Auswirkungen des World Wide Web auf die Gesellschaft ist daher weniger abstrakt und teils sogar versehen mit konkreten Verhaltenstipps und eigenen Ideen für die Zukunft. Aber auch alarmistischer, denn in Gadget herrscht die Endzeitstimmung des Lock-in-Effekts: Lanier nennt unter anderem das Datenübertragungsprotokoll MIDI und das Betriebssystem UNIX als Beispiele für Techniken, die sich durchgesetzt haben, obwohl sie keinesfalls die humansten Lösungen sind – und schon heute nicht mehr abgeschafft oder geändert werden können, da gleichsam alle weiteren Programme auf ihnen basieren.

Spitze und ziemlich treffsichere Pfeile schießt der Autor zudem auf all die Ideologeme, die das World Wide Web im Moment zu bieten hat: Informationsfreiheit, Open Source, User Generated Content, Schwarmintelligenz, die Weisheit der Vielen. Ein kapitalistisches System funktioniere nur mittels künstlicher Verknappung, so Lanier; wer alles kostenlos abgebe, der dürfe sich am Ende nicht wundern, wenn ihm das Geld ausgehe. Der Wolke der WWW-Masse wiederum habe man nicht nur eine Reihe schlechter Programme, Lexika und ähnliches zu verdanken, sondern auch, dass zentrale Aufgaben ungelöst blieben. Einzig die Werbung gelte noch als schützenswertes Gut, während die Netzgemeinde den Zeitungen hämisch beim Sterben zusehe, ohne dass sie wüsste, wie sich das verhindern ließe. Und: „Jeder Penny, den Google verdient, beweist, dass die Vielen gescheitert sind – und Google verdient eine ganze Menge Pennys.“

Vor allem gelänge es diesen Vielen gerade nicht, die Welt zu einer gerechteren zu machen, stattdessen huldigten sie einer Abart des Marxismus, die nur pro forma die Freiheit und Gleichheit im Munde führe. Laniers furchterregende Frage „Vermag eine digitale Form von Sozialismus gleichfalls Würde und Privatsphäre zu sichern?“, erscheint mit Blick auf die Programmatik mancher Aktivisten jedenfalls berechtigt. Dass er am liebsten dem Staat, dem wir auch Bildung und Verwaltung anvertrauten, die Kontrolle über die (seiner Vorstellung nach entsprechend der geladenen Bits zu bezahlenden) Datenströme in die Hand gäbe, ist eine Forderung, über die sich immerhin diskutieren ließe; an einer solchen mangelt es dem Buch von Nicholas Carr, der sich mit der Feststellung des Ist-Zustands begnügt.

Was der Rettung wert ist

Als lesenswert darf man beide Bücher dennoch bezeichnen, allein deshalb, weil sie endlich eine ordentliche Debatte in Gang bringen könnten, an deren Notwendigkeit keiner mehr zweifeln sollte. Auch wenn Nicholas Carr sich zu sehr an Zahlen und Daten, an Neurologie und Biologie klammern mag und Jaron Lanier bei den Erläuterungen über die eigenen Konzepte für die Zukunft des Internet zu sehr ins Detail geht. Beide Autoren irren manchmal und hängen an einem vermeintlich überhistorischen Konzept des Menschen, das tatsächlich ein recht neuzeitliches ist und deshalb keinesfalls eine Fortbestandsgarantie einfordern kann. Da soll etwas gerettet werden, von dem zum jetzigen Zeitpunkt keiner sagen kann, ob es der Rettung wert ist. Und das womöglich selbst ein Produkt der Medien ist und deshalb verschwände, wenn man es vor eben diesen Medien beschützen wollte. Werfen wir mit Nicholas Carr und Jaron Lanier also wenigstens einen Blick auf die Gegenwart – wenn uns jener in die Zukunft schon so schwer fällt.

Wer bin ich, wenn ich online bin Nicholas Carr Aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind. Karl Blessing Verlag, München 2010. 383 Seiten, 19,95

Erscheint am 11. Oktober: Gadget Warum die Zukunft uns noch braucht Jaron Lanier Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Suhrkamp Verlag, 2010. 249 Seiten, 19,90

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11:50 06.10.2010
Geschrieben von

Katrin Schuster

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