Wer sich das "Kindle" kauft, braucht sich um Amazon nicht zu sorgen.

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Gans, Stier, Dornenstrauch und Schaf" führt ein Epigramm aus dem 12. Jahrhundert als Utensilien der Buchproduktion an: die Feder der Gans zum Schreiben, das Horn des Stiers als Tintenfass, die ausgekochte Rinde des Dornenstrauchs für die Tinte und die Haut des Schafs für das Pergament. Nachdem sich das Papier durchgesetzt hatte, mussten immerhin keine Schafe mehr geopfert werden. Und mit Gutenberg wurden schließlich auch die Schreiber überflüssig - dass die nach ihm benannte Bibel die Handschriftlichkeit imitiert, darf wohl als das erste Anzeichen eines fortgesetzten Phantomschmerzes verstanden werden. Viel geändert hat sich seither nicht, ein Buch sieht heute prinzipiell genauso aus wie ein Buch vor 1000 Jahren, und die Hand ist weiterhin stets mit im Spiel, wenn es um dieses "Kulturgut" geht. Wie kein anderer hat sich dieser Datenträger der Virtualität bislang verweigert; die fehlende Anfassbarkeit wurde bereits vor zehn Jahren immer wieder aufs Neue und ziemlich erfolgreich gegen die aufkommenden E-Books in Stellung gebracht.

Das soll nun anders werden, ja, könnte tatsächlich anders werden: Im Herbst dieses Jahres, so wird gemutmaßt, bringt der Onlinebuchhändler Amazon sein elektronisches Lesegerät namens "Kindle" auf den deutschen Markt, in den USA gibt es das Gerät - kaum 300 Gramm schwer, kaum größer als ein Taschenbuch - bereits seit November 2007 zu kaufen. Sein Erfolgs­rezept ist nicht allein die E-Paper-Technik, die wenig Strom verbraucht und buchähnliche Lesbarkeit garantiert, sondern gleichermaßen der zeitgenössische Apparate-Fetischismus, den bislang vor allem Apple für sich zu nutzen wusste. Deswegen ist der "Kindle" so light und unschuldig weiß; deswegen trägt er diesen metaphysischen Namen, der mit "entfachen" oder "anzünden" übersetzt wird; deswegen ist er kein "tool"; sondern - wie all die schicken Dinger - ein "device", was unter anderem "Kunstgriff" bedeutet.

Der eigentliche Kunstgriff dabei ist, dass Amazon sich auch das Apple-Konzept zu eigen gemacht hat. Wer die Hardware hat, hat auch die Software: Im Preis des "Kindle" (aktuell 359 US-Dollar) inbegriffen ist die Funk-Verbindung zum E-Book-Shop von Amazon (sowie zur Wikipedia), alle Extra-Kosten gelten den Büchern selbst - und sind deutlich geringer als für deren handfeste Form. Der "Kindle" dient mithin nicht der Kommunikation, der "Kindle" dient zuallererst dem Shoppen bei Amazon. Und umgekehrt kann in dem Onlineladen nur einkaufen, wer den "Kindle" hat, das Datenformat ist selbstredend exklusiv: Wer die Software will, muss sich die Hardware zulegen.

Damit verliert das Kulturgut Buch eine seiner liebenswertesten Funktionen. Lebte es doch immer auch davon, dass es oft und öffentlich verliehen wurde. Zwar wird es mit dem "Kindle" weiterhin auf Reisen gehen - denn dafür ist dieser Apparat bestens geeignet, da er 200 Bücher fassen kann - jedoch nur mit einer Person. "Kindle"-E-Books sind keine Bücher zum Aus-der-Hand-Geben, da sie zum Schutz des Urheberrechts mit dem Digital Rights Management, kurz DRM, versehen sind, was eine Übertragung auf andere Geräte unmöglich macht.

Für den Buchmarkt sind die Folgen schwer abzuschätzen. E-Book-Geräte ersetzen - weil sie eben nur 200 Bücher fassen - keine Bibliotheken, schon gar nicht deren Funktion als intellektuelles Möbelstück. Gerade das in Deutschland äußerst ausdifferenzierte Vertriebssystem könnten sie früher oder später allerdings ins Mark treffen, die Händler des Anfassbaren werden weniger, das zeigt die Erfahrung der Musik- wie der Filmbranche. Ob und wie das der Qualität zugute kommen kann, wird sich zeigen müssen. Fest steht nur: Das Lesen ändert sich, zumindest ein bisschen. Aber das wurde ja auch langsam Zeit.

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Geschrieben von

Katrin Schuster

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