Wie in Hollywood

US-Schuldenkrise Der Schuldenstreit in den USA, die Deadline am 2. August und die apokalyptische Rede vom letzten Aufgebot

Dass der Begriff „Harmagedon“ noch einmal eine große Karriere machen würde, war anfangs nicht zu erwarten gewesen. Er kommt nur an einer einzigen Stelle in der Bibel vor, in der Johannes-Offenbarung. Weil beinahe jede Handschrift ihn anders notierte, weiß man nicht genau, was damit gemeint ist, und Einigkeit über die Deutung dieser Stelle besteht ebenfalls keine. Klar scheint nur, dass Harmagedon den Ort bezeichnet, an dem die finale Schlacht zwischen den „Königen der Welt“ und Gott, zwischen irdischer und himmlischer Macht, stattfindet.

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Und so machte dieses Wort plötzlich doch noch Karriere, natürlich just in dem Moment, als Gottes Herrschaft auf Erden empfindliche Verluste hinnehmen musste. Am Ende des 19. Jahrhunderts ist der Kirchenstaat besiegt – und auch die Formierung der evangelikalen Bewegung abgeschlossen, die den Weltuntergang stets fest im Blick hat. Als das religiöse Reich endgültig zur Vatikanstadt verkümmert, treten die Zeugen Jehovas auf den Plan, die ebenfalls mit der Rede vom Harmagedon gegen den weltlichen Staat wettern. Und nun behauptet auch noch Barack Obama, dass ein Armageddon kurz bevorstehe, da den USA die Zahlungsunfähigkeit drohe, sofern die Republikaner einer Erhöhung der Schuldengrenze nicht zustimmen: Die apokalyptische Rede sei, so zitiert Gerhard Henschel in seinem Essay Menetekel den Soziologen Michael Rutschky, „ihrer Form nach, ganz unabhängig davon, was sie verkündet, autoritativ.“

Obwohl bereits Zweifel an dem von Obama datierten Countdown angemeldet wurden – nicht schon am 2. August, sondern erst am 10. gehe den USA das Geld aus, berichtete die New York Times am Dienstag –, hielten sich der Präsident und die Medien dennoch brav an das Drehbuch von Johannes aus dem Neuen Testament: Barack Obama richtete sein Wort täglich wieder an sein Volk und an seine Gegner, während Journalisten nicht müde wurden, die fürchterlichen Plagen zu schildern, die bald über die Welt hereinbrechen könnten.

Ebenfalls nicht vergessen werden darf hier Hollywood, das sich im Jahr 1998 – der Demokrat Bill Clinton hatte gerade seine zweite Amtszeit angetreten – der Legende vom Weltuntergang annahm. In dem Film Armageddon treten ein paar Ölbohrarbeiter (kaum ein Beruf vereint Kapitalismus und Erdverbundenheit sinnfälliger) gegen die himmlische Gefahr in Form eines Meteoriten an. Es bleiben noch 18 Tage – an deren Ende sich wie immer ein Mensch opfern wird, damit die Welt weitergeht. Dass Barack Obama den Begriff „Armageddon“ ins Spiel gebracht hat, ist den modernen Mythen allerdings nur insofern geschuldet, insofern sie die diskursive Wirklichkeit der USA ohnehin aufs Tapet bringen. In der Auseinandersetzung zwischen dem Demokraten und den Republikanern geht es nicht um ein paar Milliarden Dollar mehr oder weniger, sondern um eine regelrecht eschatologische Entscheidung. Der Wirtschaftliberalismus der Tea-Party-Bewegung, gegen die Obama sich durchsetzen müsste, schreibt bloß jene Doktrin der Alleinverantwortlichkeit fort, die in der protestantischen Subjektivierung des Glaubens gründet und die Basis aller evangelikalen Gruppierungen darstellt. Deswegen diskutieren deren Mitglieder auch nicht über mögliche Kompromisse, sondern ziehen sich lieber in die Kapelle des Kongresses zurück, um im Zwiegespräch mit Gott dessen himmlische Stimme in dieser Angelegenheit zu erhören. Und die sagt, so erklärte es laut Süddeutscher Zeitung ein Tea-Party-Anhänger nach dem Gebet, auch weiterhin Nein zur Erhöhung der Schuldengrenze. Bleibt nur zu hoffen, dass sich Obamas Gegner doch noch als Märtyrer opfern, um die Welt zu retten, anstatt die Welt zu opfern, um sich selbst zu retten. Darauf verlassen kann man sich allerdings nicht. Denn was zählt schon die Welt, wenn einem der Dank Gottes sicher ist?

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Ihre Freitag-Redaktion

11:00 31.07.2011
Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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Ausgabe 38/2021

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