Zeigt her eure Ruh’

Medientagebuch Paul Plampers Hörspiel "Der Kauf" thematisiert die Gentrifizierung von Köln-Kalk

Sehen Sie, da hinten! Oder dort drüben! – Um solchen Aufforderungen Folge zu leisten, bräuchte es mehr als bloß Wörter. Zum Beispiel eine bedeutende Geste, sei's ein Fingerzeig oder ein schnell in die gemeinte Richtung gestrecktes Kinn. In Paul Plampers Hörspiel Der Kauf verortet eine freundliche Dame den Zuhörer gleich zu Beginn im Medialen: „Sie sind hier im Kauf, einem Hörspiel von Paul Plamper. Wir warten eigentlich nur noch auf zwei andere Interessenten, die müssten aber auch gleich da sein. […] Sie sehen ja vor sich das Schild ‚Anfang‘ und da hinten das Schild ‚Ende‘. Sie stehen also am Anfang einer Art Zeitachse der Geschichte, die Sie gleich hören werden.“

Allein, die Frau ist keine Hörspiel-, sondern eine Immobilienmaklerin, und der selbstreflexive Anfang der Tatsache geschuldet, dass Der Kauf nicht nur im Radio (siehe hier, hier und hier), sondern bis Mitte Juni auch als „Hörspielparcours“ auf drei Brachen in Köln, Berlin und München stattfinden wird.

Mit Der Kauf infiltriert Paul Plamper nicht zum ersten Mal die Wirklichkeit mit seinen Fiktionen, und all diese „Toninstallationen / Hörspiele im Öffentlichen Raum“ – so versucht Wikipedia die in mehrfacher Hinsicht grenzüberschreitenden Plamper-Werke zu klassifizieren – erzählen von Orten und von den Geschichten, die sich darin eingeschrieben haben. Diesmal hat Plamper die Differenz von Hier und Dort selbst zum Thema gemacht, denn Der Kauf handelt von dem Begehren, dass das Dort zum Hier, der Sehnsuchtsort zur Heimat wird.

Oder anders gesagt und zeitgemäß gesprochen: Der Kauf handelt von der Gentrifizierung des Kölner Stadtviertels Kalk; von den Legenden über die kreativen Ureinwohner eines Viertels, die ihm den hippen Anstrich geben, und von den Mythen über die Nachzügler, die mit Taschen voller Geld und entsprechend verdorbenem Charakter der Lebenswelt den Garaus machen.

Um den Zuhörern jenes Schwarz-Weiß-Denken zu erschweren, hat Plamper eine Situation erfunden, die zwar nicht sonderlich glaub- und juristisch vielleicht fragwürdig klingt, aber immerhin die moralische Integrität der Gentrifizierten antastet und im Gegenzug den Gentrifizierern ein wenig echte Emotion gestattet. Ohnehin verbirgt Der Kauf nicht, dass er ein Konstrukt ist. Die Hauptfiguren heißen Achim (Milan Peschel), Britta (Cristin König), Claire (Sandra Hüller) und Dirk (Jan Henrik Stahlberg): A, B, C und D; zudem wird die Geschichte rückwärts erzählt, um die potenzielle Unendlichkeit der Fluchtlinie in Richtung Vergangenheit anzudeuten, der die Rede von der Gentrifizierung zwangsweise auf den Leim gehen muss.

Der Kauf endet mit der Szene, in der C und D das erste Mal die Dachterrasse der mühevoll in Eigenregie renovierten Wohnung von A und B betreten, die sie später gegen deren Willen erwerben werden. Der von allen bewunderte Knöterich ist am Ende eingegangen, gleiches gilt für die Beziehung von Claire und Dirk. Deswegen wird die Wohnung vermutlich nicht zum letzten Mal wieder verkauft: Das Leben geht weiter.

Der Kauf Paul Plamper Teil 1 am 25. Mai um 15.05 Uhr, Teil 2 am 26. Mai 2013 um 15.05 auf WDR 3

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01:00 06.06.2013
Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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