Katrin Schuster
07.07.2011 | 09:55 13

Zurück im Hypertext

Enhanced books Nicht nur die aktuelle Veröffentlichung der Tagebücher von Erich Mühsam zeigt: Literatur im Netz ist kein toter Hund

Herzerweiterung und Arterienverkalkung lautet die Diagnose, die Erich Mühsam im Sommer 1910 in ein Schweizer Sanatorium zwingt und offenkundig von ihm ganz ungeahnte Folgen zeitigt. Am 22. August kauft er ein leeres Heft, notiert darin eben diesen Kauf, um es anschließend zu seinem Tagebuch zu küren, nicht ohne davon gleich wieder Abstand zu nehmen: „Ich werde schwerlich jeden Tag zu Eintragungen kommen – und jedenfalls kaum je zu ausführlichen.“ Was für ein Irrtum. Mühsam schreibt fast täglich und ausführlich, im Jahr 1924 ist das Konvolut auf 42 Hefte angewachsen, sieben davon gelten als verschollen, und dennoch bleiben 7000 Seiten. „Daß ich hier bin, ist merkwürdig genug“: In diesem Satz aus dem ersten Eintrag hört man weniger Mühsam sprechen als mehr das Tagebuch selbst. Und dieser Verwunderung darf man nun ein weiteres Mal Ausdruck verleihen, da der Verbrecher Verlag soeben mit der Edition der Tagebücher begonnen hat. Was allein schon eine Nachricht wäre, da die Entscheidung für eine Ausgabe von 15 Bänden, die erst im Jahr 2018 abgeschlossen sein wird, einigen Mut gekostet haben dürfte, so überfällig sie auch zweifellos ist.

Als wäre dieser Kraftakt noch nicht genug, erscheint parallel zur Buchausgabe eine vollständige Online-Publikation der Tagebücher. www.muehsam-tagebuch.de ist ein großartiges Tummelfeld für den Leser: Namen und Stichworte verweisen auf kurze Erläuterungen, auf Links zu ausführlicheren Informationen und auf Links zu jenen Tagebucheinträgen, in denen ebenfalls von dieser Person oder jener Sache die Rede ist. Eine Vernetzung, wie sie im Buche steht: Man kann die Tagebücher entlang einzelner Figuren oder Themen lesen oder sich einfach treiben lassen. Das Datum des jeweiligen Eintrags führt zudem zum Digitalisat der Original-Tagebuchseite.

Edition 2.0

Herausgeber Chris Hirte und Conrad ­Piens freut es, dass aus der finanziellen Not noch Möglichkeiten geboren werden, „von denen die traditionellen Büchermacher nur träumen können: Die Edition ist nicht mit der Drucklegung abgeschlossen, im Gegenteil: Mit der Publikation fängt ihr Leben erst an. Und das Wichtigste daran – Leser werden zu Mitherausgebern, weil ihre Hinweise in die Edition einfließen.“

Eine Edition 2.0? Klingt großartig – und erinnert doch fatal an jene Gefährdung des gedruckten Worts durch sein digitales Double, von der die Branche nicht müde wird zu unken: Wer braucht denn noch Bücher, wenn deren Inhalt im Netz kostenlos zu haben ist? Der Verbrecher-Verlag-Chef Jörg Sundermeier widerspricht diesen Phrasen vom digitalen Vampirismus. Die Auslagerung eines dynamischen Kommentarapparats ins World Wide Web gilt ihm gerade nicht als riskant, sondern als verkaufsfördernde Maßnahme: „Mühsams Tagebücher umfassen 7000 Seiten, das will man nicht nur auf dem Bildschirm lesen, das will man auch in der Hand haben und mitnehmen können, um sich in Ruhe damit zu beschäftigen.“ Mehr noch: Mit Blick auf die finanziellen Spielräume, die für Verlage stetig enger werden, und vor allem auf die Wesensmerkmale der unterschiedlichen Medien dürfe man diese Kombination aus analoger und digitaler Publikation getrost als zukunftsweisend bezeichnen.

Genaue Stellen

Dieses avantgardistische Selbstbewusstsein scheint berechtigt, denn das editorische Potenzial des World Wide Web liegt tatsächlich ziemlich brach. Es gibt Dutzende Seiten, auf denen man Werke im Volltext einsehen kann, aber überraschend wenige, die deren Hypertext sprechen lassen – also jenes Netz aus Verweisen auf eigene und andere Texte, das Schriftlichkeit an sich grundiert. Oftmals finden sich Personen- und Schlagwort-Register, doch meist muss der Leser die genaue Stelle schon selbst suchen; sofern er überhaupt auf die Idee kommt, nach diesem oder jenem zu suchen. Der Unterschied zum gedruckten Buch ist in vielen Fällen mithin marginal. Ein Mangel, der umso mehr irritiert, da so genannte „enhanced books“, heißt: „angereicherte Bücher“, längst als Zukunftsperspektive der Branche gehandelt werden und den Buchmarkt nicht bedrohen, sofern sie nicht wahllos Spiele oder Audio- und Videodateien einbinden, sondern Zusatzinformationen offerieren, die die Neugier auf den Text befördern statt ihn zu ersetzen.

Noch schlimmer steht es nur um die Netzliteratur, die um die Jahrtausendwende als Poetik des neuen Zeitalters viel von sich reden machte – und um die es mittlerweile still geworden ist. Als genügte es nicht, dass das Thema in der Wissenschaft kaum mehr eine Rolle spielt, kann man ihm auch noch live beim Siechen zusehen, weil es nunmal in der Natur der Sache liegt: Im World Wide Web lagern dutzende Leichen von Portalen, die sich einst der Besonderheit der digitalen Textproduktion verschrieben hatten. Die Links der zugehörigen Sammlungen, die entweder schon tot sind oder nurmehr eine Fehlermeldung aufrufen, sind ähnlich zahllos. Und die nächste Ausgabe eines WWW-Poesie-Magazins wird immer noch für das Jahr 2003 angekündigt. Im Vergleich zum Buch, das trotz aller Todesanzeigen recht quicklebendig wirkt, machen dessen WWW-Geschwister einen ziemlich morbiden Eindruck.

Man tut natürlich gut daran, den Wandel nicht zu klein zu reden und die freche Frage ernst zu nehmen, ob es Verlage, Buchhandlungen und Kritiker überhaupt noch braucht in Zeiten, da jedermann Bücher auf eigene Kosten und Risiken publizieren, online erwerben und öffentlich kritisieren kann. Nur versackt das Gespräch darüber immer wieder in einer melancholischen Erzählung über das Verschwinden des Wahren, Schönen, Guten; gerade die Branchenberichterstattung hat an Horrormeldungen über die Bedrohung der teuren Originale durch deren digitale Kopien einen rechten Narren gefressen. Und das kann man nicht oft genug bedauern, da solche Menetekel die vielversprechenden Ansätze der Literatur im Netz verschwinden lassen; Ansätze, in denen die Eigendynamik der „Maschine“ nicht mit Autorschaft verwechselt wird, die sich vielmehr ihre Struktur zunutze machen, um die Wirklichkeit des Virtuellen zu Gesicht zu bringen.

So begann vor nun schon zwei Jahren der Journalist Giesbert Damaschke, die Korrespondenz zwischen Schiller und Goethe online zu publizieren. Und zwar in Echtzeit, also jeweils an dem Datum, an dem das Schriftstück verfasst wurde, nur eben um 215 Jahre versetzt. Idealerweise per RSS-Feed kann man das Hin und Her der Briefe in just derselben Frequenz verfolgen, in der sie auch damals ausgetauscht wurden. Fast am eigenen Leib erlebt man, was bei der Lektüre der Buchausgabe meist weniger Beachtung findet: wenn die Kommunikation zwischenzeitlich versiegt oder wenn, im Gegenteil, die Briefe in (damaliger) Höchstgeschwindigkeit hin und her eilen.

Merkwürdig genug

Das Projekt „Streetview Literatur“ wiederum bringt den Hypertext als solchen auf die Straße. Die Initiatorin Marion Schwehr sammelt auf blog.euryclia.de Kurzgeschichten, die Figuren auf ihren Wegen durch die Stadt begleiten; in einer Karte werden all diese Wege verzeichnet. Bald soll es ein Smartphone-App geben, das den Leser auf die Spuren dieser Fiktionen durch die Realität der deutschen Städte schickt. Straßenkreuzungen avancieren so zu Hyperlinks, wenn die Erzählungen einander auf dem Stadtplan begegnen und man in einen anderen Text wechselt.

Dass neben Nachwuchsautoren auch bekannte Namen wie Christopher Kloeble, Tanja Dückers und Keto von Waberer Texte beisteuern, obwohl sie – so der aktuelle Stand, da sich das Projekt anders kaum finanzieren lässt – nur für die „Streetview Literatur“-Lesungen honoriert werden, mag als Hinweis gelten, dass nicht alle Schriftsteller furchtsam erstarren, wenn das World Wide Web sich nähert. Vielmehr wissen sie die realen Rückkopplungen des Virtuellen genauso zu schätzen wie die Kritik eines überkommenen Werkbegriffs, die man darin durchaus entdecken kann. Dafür steht auch die Lyrikerin und Essayistin Ann Cotten, die auf der Website www.glossarattrappen.de den Leser zum Herausgeber befördert, wenn er per Klick immer neue Kombinationen von Cottens Texten und Bildern produzieren und die eigene individuelle Serie anschließend in Buchform erwerben kann. Ein analoges Original aus dem Internet – wer hätte das gedacht? Auch dieses Werk hört man mithin leise flüstern: „Dass ich hier bin, ist merkwürdig genug.“

Tagebücher: Band 1. 19101911Erich Mühsam Verbrecher Verlag 2011, 352 S., 28 ,

muehsam-tagebuch.de

Kommentare (13)

Calvani 07.07.2011 | 17:02

Deine Frage klingt ein bisschen lustig, lieber Wolfram, ist aber mal wieder was dran: Ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder, meine Eltern sind tot - ich brauche also dringend ein Testament! Seit Monaten gehe ich mit diesem Gedanken schwanger und habe auch schon überlegt, was mit meinen Tagebüchern passieren bzw. ob ich diesbezüglich eine Anordnung treffen soll... Nun bin ich ja nicht Goethe oder Schiller, aber wer weiß, was noch kommt?
Gegenfrage: Schämst du dich, die Briefe fremder verstorbener Leute zu lesen?

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Ehemaliger Nutzer 07.07.2011 | 19:02

@Calvani
Das nenne ich Diskretion, Don!
Ja... was nicht heißt, daß ich in Ausnahmesituationen nicht ziemlich indiskret sein kann...

Berühmtheit ändert nichts daran. Was nur einem Du zugedacht ist, gehört nicht veröffentlicht.

Es gibt freilich Menschen, die da anders empfinden, und die werden fremde Briefe lesen und diese als historische oder literarische Quellen auswerten; das müssen die mit sich selbst ausmachen.

Aber wenn sie schon Erkenntnisse daraus veröffentlichen, sollte das nur nach sorgfältiger Abwägung geschehen, verbatime Zitate nur in wohlbegründeten Ausnahmen.

Sie sind aber nicht berechtigt, die Korrespondenz als Ganzes vor ein breites Publikum zu zerren.

Denn ein Brief ist meist nicht in seiner Gänze historisch oder literarisch relevant, noch weniger die gesamte Korrespondenz. Den kompletten Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller zu veröffentlichen halte ich für ein Verbrechen an der Privatsphäre dieser beiden Dichter.

Q.

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Ehemaliger Nutzer 08.07.2011 | 02:09

Calvani schrieb am 07.07.2011 um 15:02
Deine Frage klingt ein bisschen lustig, lieber Wolfram, ist aber mal wieder was dran

Man dankt für das versteckte Kompliment.

Ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder, meine Eltern sind tot - ich brauche also dringend ein Testament! Seit Monaten gehe ich mit diesem Gedanken schwanger und habe auch schon überlegt, was mit meinen Tagebüchern passieren bzw. ob ich diesbezüglich eine Anordnung treffen soll...

Gib die Tagebücher und eventuell vorhandene sonstige Manuskripte einem, der Max Brod heißt (oder Massimo Pane) und du wirst vor Veröffentlichung sicher sein. Frag den Kafka, wenn du mir nicht glaubst.

Gegenfrage: Schämst du dich, die Briefe fremder verstorbener Leute zu lesen?

Wenn mich die Leute nichts angehen. Und was ginge mich Goethe an, was Schiller?

Ciao
Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 08.07.2011 | 04:25

@Don Quijote
Denn ein Brief ist meist nicht in seiner Gänze historisch oder literarisch relevant, noch weniger die gesamte Korrespondenz. Den kompletten Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller zu veröffentlichen halte ich für ein Verbrechen an der Privatsphäre dieser beiden Dichter.

Na ja, der letzte Satz ist vielleicht doch ein bisserl arg apodiktisch. Bei vielen Briefen und Tagebucheintragungen von berühmten Leuten habe ich oft den Eindruck (ja, ich bin auch nicht ohne Fehl Tadel), sie hätten bei diesen Eintragungen schon auf die Nachwelt geschielt.

Ciao
Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 09.07.2011 | 01:53

@Wolfram Heinrich
Na ja, der letzte Satz ist vielleicht doch ein bisserl arg apodiktisch.

Das mag er gerne sein. - Ich war jahrelang Sysadmin, und als solcher kannst du einsehen was du willst. Aber als Admin weißt du: fremde Mails oder Dokumente lesen geht gar nicht! Wer das macht, ist kein Admin mehr, mag er auch weiter als solcher beschäftigt sein.

Bei vielen Briefen und Tagebucheintragungen von berühmten Leuten habe ich oft den Eindruck (ja, ich bin auch nicht ohne Fehl Tadel), sie hätten bei diesen Eintragungen schon auf die Nachwelt geschielt.

Ja, solche seltsamen Geschmacksbekundungen beim Abfassen privater Texte soll es geben, eine ganz bizarre Form der Eitelkeit, wenn Du mich fragst.

Aber nochmal zu dem Unfug, Briefwechsel zu veröffentlichen - vielleicht trug und trägt auch diese Unsitte dazu bei, daß das Postgeheimnis immer mehr geschleift wird; die Hemmschwelle sinkt.

saludos,
Q.

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Ehemaliger Nutzer 09.07.2011 | 01:58

@Calvani (07.07.2011 um 15:02)
Seit Monaten gehe ich mit diesem Gedanken schwanger und habe auch schon überlegt, was mit meinen Tagebüchern passieren bzw. ob ich diesbezüglich eine Anordnung treffen soll...

Ich halte es mit alten Tagebüchern so, vor allem wenn schlimmes drinnesteht: die werden zerrissen und die Schnipsel über die Papierkörbe der Stadt verteilt.

Nun bin ich ja nicht Goethe oder Schiller, aber wer weiß, was noch kommt?

Eben. Bösartig, wie ich manchmal bin, könnte ich auch sagen: hätten die Herren beim Ableben saubere Unterwäsche hinterlassen würde die Nachwelt nicht dran schnuppern.

Aber ich bin fein raus. Ich werd nicht berühmt - zumindest das krieg ich hin ;-)

Q.

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Ehemaliger Nutzer 10.07.2011 | 09:42

@Don Quijote
Das mag er gerne sein. - Ich war jahrelang Sysadmin, und als solcher kannst du einsehen was du willst. Aber als Admin weißt du: fremde Mails oder Dokumente lesen geht gar nicht! Wer das macht, ist kein Admin mehr, mag er auch weiter als solcher beschäftigt sein.

Heißt das, die Vertraulichkeit von Informationen in Firmennetzwerken ist nur dadurch gewährleistet, daß man drauf vertraut, daß der Sysadmin eine ehrliche Haut ist? Das ist im Zweifelsfall vielleicht doch ein bisserl wenig.

Ciao
Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 10.07.2011 | 10:31

@Wolfram Heinrich
Heißt das, die Vertraulichkeit von Informationen in Firmennetzwerken ist nur dadurch gewährleistet, daß man drauf vertraut, daß der Sysadmin eine ehrliche Haut ist?

Im Prinzip ja, meistens jedenfalls, vor allem bei kleineren und mittleren Unternehmen.

Wo man das Thema wirklich ernst nimmt oder wo Vertraulichkeit existentiell ist, werden Verfeinerungen zum Role Based Access Control innerhalb einer Multilevel security Implementierung vorgenommen, die Vertraulichkeit auf jeden Fall gewährleisten sollen.

Aber wo denkt man schon über geteilte Passwörter, Vier-Augen-Prinzip, Redundanz der Akteure oder überhaupt über die Trennung von Daten und Applikationen nach - um mal nur ein paar Maßnahmen zu nennen - und testet den Quatsch auch noch unter Einbeziehung aller möglichen Szenarien? Das kost ein Heidengeld. Natürlich gibt's Dienstleister und fertige Systeme, die das anbieten (aber natürlich meist angepaßt werden müssen), aber die kosten auch ein Heidengeld und denen mußt du dann auch trauen, wenn du nicht noch mehr Geld in Hand nehmen willst um die Integrität sicherzustellen.

'S ist wie bei Atomkraftwerken. Alles ist wunderbar solange sich das Zeug gutmütig verhält. Aber laß mal einen Admin richtig sauer werden der auch nur einen Funken krimineller Energie in sich trägt...

Q.

paulart 11.08.2011 | 18:45

So, wie für viele der Reichstag erst interessant wurde, als Christo ihn verpackte - die Verhüllung ist ja das Verheißungsvolle, nicht die Nacktheit! - so wird es viele Leserinnen und Leser auch interessieren, was eigentlich unveröffentlicht bleiben sollte.

Aber sollte die Korrespondenz tatsächlich unveröffentlicht bleiben oder sollte nur ein diesbezüglicher Eindruck entstehen?

Wer partout nicht möchte, dass etwas publik wird, der wird Mittel und Wege finden, dies durchzusetzen. Ab in den Ofen. Heute käme auch die Schreddermaschine in Betracht.

Es ist schwer, genau zu ergründen, ob man als Verleger bis an die Grenze gegangen ist... oder ob man sie doch schon überschritten hat. Aber sage bitte niemand, beim VERBRECHER-Verlag sei der Name Programm. So schlimm sind die Leute dort nicht! MÜHSAM versuchen sie, uns einen ganzheitlichen Blick auf einen fast vergessenen Schriftsteller zu gönnen.