Ach, Du bist jetzt was besseres?

Arbeiterkinder Nur 23 Prozent aller Kinder aus nicht-akademischen Familien studieren. Die Initiative Arbeiterkind.de will ihnen dabei helfen, indem sie informiert und Vorurteile abbaut

Die Unterschiede sind enorm: Etwa 83 Prozent aller Akademiker-Kinder studieren. Bei den Arbeiterkindern sind es nur 23 Prozent. Die Initiative Arbeiterkind.de hat sich mit dieser Differenz beschäftigt und nach Ursachen gesucht. Sie stellt die These auf, dass die Behinderung zur Aufnahme eines Studiums für Arbeiterkinder nicht alleine durch eine schwerer zu stemmende finanzielle Belastung kommt, sondern vor allem auch durch ein Informationsdefizit. Deswegen ist das Anliegen der Initiative, auch SchülerInnen aus nicht-akademischen Familien zur Aufnahme eines Studiums zu ermutigen und wenigstens darüber zu informieren, was das bedeutet – mit allen Chancen und Schwierigkeiten. Ein bundesweites Mentoren-Netzwerk soll Schüler und Studierende mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn es Fragen und Probleme gibt. Viele studierende Arbeiterkinder berichten, dass sie aufgrund der fehlenden Informationen sehr lange gebraucht hatten, um sich an universitäre Strukturen zu gewöhnen. Was ein Asta ist, zum Beispiel, oder wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert – das alles war ihnen neu.

Was neben der Ermunterung zum Studium bei Arbeiterkind.de nur peripher behandelt wird (auf der Seite ist es gar nicht zu finden), für viele Arbeiterkinder an den Unis aber ein schwieriges Thema ist: Das Studium führt häufig zu Distanz zum und teilweise auch Entfremdung vom Elternhaus und von früheren Freunden. Viele Studierende erzählen von einem Gefühl des gegenseitigen Unverständnisses – vor allem zwischen ihnen und ihren Eltern oder Geschwistern. Der alte Vorwurf „warum kommst du nicht öfters vorbei“ und die Antwort „weil ich so viel zu tun habe“ passten nicht recht zueinander, da die Eltern sich das Studium oft noch wie eine Schule für Erwachsene vorstellten. Wieder ein Informationsdefizit. „Aber jetzt hast du doch Ferien – oder?“ – ein Satz, der vielen Arbeiterkindern ein müdes Lächeln entlocken kann, weil sie nicht schon wieder erfolgslos versuchen wollen, ihrer Oma zu erklären, was genau der Unterschied zwischen Ferien und vorlesungsfreier Zeit ist. Ich spreche aus eigener Erfahrung.

Einigen Kommilitoninnen half es, ihren Eltern die eigenen Hausarbeiten zu lesen zu geben, denn die Arbeit, die in so etwas steckt, wird so plastischer greifbar. Andere haben sogar schon ihre Eltern zu einem Tag mit in die Uni genommen. Dennoch: Was oft übrig bleibt, ist eine Differenz der Bildungsideale. Während der studierende Nachwuchs sich begeistert hinter die Phänomenologie des Geistes von Hegel klemmt, kann die Elterngeneration oft nur kopfschüttelnd mutmaßen, dass es sich um eine ungeheure Zeitverschwendung handeln muss und man doch besser „etwas Sinnvolles“ machen sollte: Eine solide Ausbildung zum Beispiel.

Auch das ist irritierend: Wenn Freunde, die selbst nicht studieren, sich über das fremdartige akademische Gehabe beschweren: „Kannst du bitte so reden, dass ich dich verstehe! – Wenn du solche Fremdwörter benutzt, dann gibst du mir das Gefühl, dumm zu sein!“ – ein Satz, den ich wirklich, und das erst jüngst, von einer Freundin an den Kopf geknallt bekam. Das besagte Fremdwort war „Prokrastination“ – es entstammt auch eher meinem Web-2.0-Umfeld als der Uni. Doch das musste ich der Freundin nicht erklären, sie hatte längst eine Grundsatzdiskussion angefangen über die Arroganz von Studierenden und Studierten gegenüber – so nannte sie es selbst – dem Pöbel. Oder anders: Meine Arroganz gegenüber ihr. Ich dachte mir dann, dass das ihre Projektion ist, weil ich mich verändert habe und sie das verunsichert. Und dann merkte ich, wie verkopft alleine dieser Gedankengang schon wieder war, fing an zu grinsen und hoffte, dass sie mich trotzdem noch gerne mochte. Die Distanz kann man nämlich auch dramatisieren, manchmal spielt sie einfach keine Rolle, denn einander mögen kann man sich auch mit grundsätzlich verschiedenen Lebensplänen.

Katrin Rönicke, geboren 1982 in Wittenberg, studiert Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften in Berlin und ist Mutter eines zweijährigen Jungen. Seit April ist sie Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Für den Freitag schreibt sie in ihrer wöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen. Außerdem schreibt sie für den feministischen Blog maedchenmannschaft.net

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