Katrin Rönicke
25.07.2012 | 17:21 16

Mann wird gemacht

Genderkolumne Sexismus muss sich nicht nur gegen Frauen richten, sondern bedeutet, dass sich ein Geschlecht über das andere erhebt. Soziale Stereotype entstehen schon im Kinderzimmer

Mann wird gemacht

6 Monate Vaterzeit - für viele ist das inzwischen selbstverständlich

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Ich habe ziemlich lange an einer für mich passenden Definition gearbeitet, die wiedergibt, was Sexismus für mich ist. Angefangen hat alles einmal damit, dass ich im Jahr 2010 für die Grüne Bundestagsfraktion zum Netzpolitischen Kongress den Leuten etwas über Sexismus im Netz erzählen sollte.

Die meiste Arbeit machte bei der Vorbereitung der Erklär-Teil: Was ist eigentlich Sexismus? Recht schnell merkte ich, dass es dazu überhaupt keine eindeutige Definition gab und ich sah, dass sich der Begriff über die Jahrzehnte hinweg steter Wandlung unterworfen hatte. Die Definition von Sexismus, das kann als erstes festgestellt werden, ist damit nie an einem Ende.

Das Männliche als Norm

Doch die Geschichte des Feminismus, der den Sexismus als solchen überhaupt erst thematisiert hat, ist dabei nicht unwichtig. Käthe Schirmacher sagte etwa: „Mit der dem Menschen eigenen Subjektivität hat der Mann sich, seine Vorzüge, Fehler und Leistungen als die Norm, das Normale, das „Seinsollende“, das Ideal gesetzt: das Männliche war, in der Sprache wie anderswo, das Massgebende. [...]“ und trifft damit einen Kern dessen, woher der Begriff ursprünglich kommt, warum er notwendig geworden ist und warum es bis heute viele Menschen, gerade auch FeminstInnen, gibt, die meinen: Es gibt Sexismus nur gegen Frauen. Damit hadere haderte ich, da wollte ich nicht stehen bleiben. So kam es schlussendlich dazu, dass ich die Sexismus-Definition, die in der Studie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ der Universität Bielefeld verwendet wurde nahm, und einfach umschrieb in: „Sexismus betont die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Sinne einer Demonstration der Überlegenheit des einen Geschlechts über das andere und fixierter Rollenzuweisungen an beide.”

So definierte ich nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick in meinem Vortrag also Sexismus. Das war 2010 und das war einigermaßen naiv von mir. Denn ich habe es nicht für notwendig gehalten, zu rechtfertigen, wie ich dazu kam, es so abzuändern.

Bereits im Jahr 2007 schrieb ich eine Hausarbeit über Männerbildung und stellte mir die Frage, in wieweit sie dazu geeignet sein könnte, einen Beitrag zur Geschlechterdemokratie zu leisten. Männerbildung ist deswegen interessant, weil sie zu einem übergroßen Teil darauf ausgelegt ist, Männer (noch) professioneller zu machen und ihre (berufliche) Macht zu erweitern. An Familienbildung nahmen Männer zumindest damals in einem verschwindend geringen Umfang teil.

Zentrales Ergebnis meiner Arbeit war es, dass die Männerbildung genau deswegen ein Schattendasein in der Erwachsenenbildung führte, weil stereotypes Handeln und sehr stereotype Angebote (Kurse zu „weichen“ Themen richteten sich auch bildlich vor allem an Frauen etc...) dem im Weg standen. Die Geschlechter konnten in dieser Aufteilung in einer Art zwei-Säulen-Modell beschrieben werden: Menschen sind Wesen, die einerseits ein „Erwerbs- und Berufs-Ich“ haben und andererseits ein „Soziales Ich“. Die traditionelle Geschlechterrollen-Aufteilung hat aber dazu geführt und sich teilweise in absurder Weise darin „perfektioniert“, diese beiden „Ichs“ auf die beiden Geschlechter zu verteilen. Der „Erwerbs (Arbeits-)Mann“ und der „Macht-Mann“ stemmen dabei die eine Säule. Das wird von Peter Döge als „hegemoniale Männlichkeit“ bezeichnet. Die andere Säule ist die „Hausfrau und Mutter“, die aber darüber hinaus auch alle sozialen Kontakte der Ehe, Partnerschaft oder Familie „managed“. Diese lange tradierte Verteilung von Aufgaben wirkt, so die These von Feminismus, Pädagogik und Soziologie, bis heute nach. Auch wenn sich vieles bereits gelockert hat: Heterosexualität als Norm gerät ins Wanken, Frauen gehen arbeiten und Männer nehmen Elternzeit (die einen mehr, die anderen weniger). Und so weiter.

Jahrtausendealte Tradition

Doch aus der Vogelperspektive betrachtet bleiben Unterschiede bestehen, die stereotypen Rollenzuweisungen nehmen nur langsam ab. Die Soziologen nennen dies die Makro-Ebene. Änderungen auf der Marko-Ebene brauchen nicht selten mehrere Generationen, vor allem, wenn die Tradition, die sich ändern soll, Jahrtausende zum Wachsen hatte. Auf der einen Seite stehen die wirtschaftlichen Realitäten, die offenkundig auch im Jahr 2012 Frauen noch benachteiligen. Der Gender Pay Gap ist bekannt. Die geringe Frauenquote in Führungspositionen ist bekannt. Der große Frauenanteil in den Niedriglohnjobs ist bekannt. Seltener thematisiert: Die andere Seite. Das Göttinger Institut für Männerbildung und Persönlichkeitsentwicklung, ein Pionier auf diesem Gebiet, hat die Dokumentation einer Tagung zu Männerbildung veröffentlicht, die beschreibt, dass ein häufiges Problem von Männern sei, „nicht mit ihrem Innern verbunden“ zu sein.

Und auch die Neurobiologie und die Bildungsforschung weisen darauf hin, dass kleine Jungen von Anfang an anderen Herausforderungen unterliegen, als Mädchen. Jungen haben weniger Kinderbücher und Hörkassetten (CDs) und Eltern lesen Jungen weniger vor. Gerald Hüther wies darauf hin, dass Jungen aufgrund ihrer neurologischen Disposition bei der Geburt mehr Liebe und Halt-bietende Orientierungsangebote benötigten, als Mädchen. Genau das aber wird Jungen eher verwehrt als Mädchen. Er stellt gleichzeitig als einer der wenigen Neurobiologen die biologische Determiniertheit von Geschlecht geschickt und überaus klug in Frage, wenn er nachbohrt: „Wie wird aus dem, was ein Mann werden könnte, schließlich das, wofür sich der Betreffende aufgrund seines Geschlechts hält?“ Hüther hebt damit das soziale Umfeld der Kinder als starken Einflussfaktor hervor und dass dieses ausschlaggebend für die spätere Entwicklung des Gehirnes sei. Doch stereotypes Denken und Handeln stehen dem diametral entgegen – wer es nicht glaubt, werfe einen Blick in einen typischen Spielwarenladen.

 Diabolisierung des Anderen

Vor bereits vier Jahren, es war 2008, brachte Walter Hollstein eine lange und ausführliche rein männliche Sicht auf die Probleme mit den Geschlechterrollen-Stereotypen in einem Buch heraus, das ich damals auch rezensierte: Rückblickend betrachtet ist klar, warum es für mich in der Vorbereitung meines Vortrags über Sexismus im Netz keine Frage mehr sein konnte, die Definition auch auf Männer auszuweiten: Es ist auch hier genauso, wie mit dem *sehen* der Stereotype und der Abwertung gegenüber Frauen. Wenn man einmal diese „Brille“ aufgesetzt hat, kann man sie nicht mehr nicht sehen. Vor allem habe ich merklich folgenden Satz gefressen und werde ihn auch nie mehr los: „Die Idealisierung des eigenen Geschlechts und die Diabolisierung des je fremden [...] verhindert den wahren Blick auf das Andere. Das gilt für Männer wie für Frauen.[...]“. Der Feminismus, wie ich ihn vertrete, setzt hier an.

Ein starker Schub für diesen Ansatz kommt jüngst aus den USA, wo im The Guys Guide to Feminism von Michael Kaufman und Michael Kimmel unter Sexismus frei übersetzt steht: „Wie alle anderen „Ismen“ ist Sexismus eine Sammlung von Einstellungen – es ist ein Set von Vermutungen die beinhalten, dass ein Geschlecht besser und übergeordnet über das andere ist.“

Die beiden fokussieren auf die starke Institutionalisierung von Sexismus, die sich in Rechten und unterschiedlichen Möglichkeiten manifestieren, welche aufgebrochen werden müssen und sagen dazu: „Diesen Teil können Frauen nicht tun (ebenso wie es Schwarze nicht in einer Weißen-dominierten Gesellschaft tun können).“ Aber an diesem Punkt bleiben die Autoren nicht stehen, sie gehen noch einen Schritt weiter: „Es gibt einen weiteren Teil von Sexismus, er besteht in Vorurteilen über das (andere) Geschlecht, die auf Stereotypen basieren – selbst wenn man nicht glaubt, dass das eine Geschlecht dem anderen überlegen ist. Und auch wenn geschichtlich diese Stereotype vor allem Frauen betroffen haben, sollten wir betonen: Wir sind keine Fans von Stereotypen gegen Männer – dass wir natürlicher Weise gewalttätig(er) seien, nur Sex wöllten und dass wir inkompetent sind, wenn wir auf Babies aufpassen sollen. (…) All sexism sucks.“

Kommentare (16)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 25.07.2012 | 21:29

ich lese den Titel des Artikels - Mann wird gemacht - und den damit in keinem Zusammenhang stehenden, doch beachtenswerten, Inhalt.

Nun ist es so, daß laut Gendertheorien, das soziale und kulturelle Geschlecht "gemacht" - d.h. konstruiert wird. Eine Mutter hat also bei den gegenwärtigen Verhältnissen null Chance, daß ihr Sohn nicht ein hegemonialer Sexist wird, es sei denn...

Ja was bzw. wer denn?

Du weitest diese Frage auf Männer / Väter aus? Ja, wirklich?

Ich sage: nein, genau das tust du nicht.

Du hast schlicht keine Diskursebene mit erziehenden Vätern, die in diesen Fragen dein einziges Gegenüber sein könnten, weil diese derart rar sind, daß eine solche Begegnung unter deinen Prämissen völlig unwahrscheinlich ist.

Außerdem fürchtest du diese Begegnungen, weil du dann von verschiedenen selbstverständlich gewordenen Standpunkten abrücken müsstest.

crumar 26.07.2012 | 10:05

@Katrin Rönicke Ich glaube, nicht so ganz zufällig ist dieser, Dein Beitrag eine Reaktion auf die Beschneidungs-Debatte, die medial verbreitet und auch hier läuft.

An diesem Punkt und an Hand dieser Debatte kannst Du auch ersehen, viele feministische Ansätze sind grundfalsch. Wie wenig "Norm setzend" Männlichkeit ist beweist gerade diese Debatte.

Während es eine starke Frauen-Lobby (hervorragend: terre des femmes) vermochte, Beschneidung an Mädchen zu ächten, erging gerade im Bundestag eine Sondergesetzgebung, die solches bei Jungen legalisieren will.

Diese doppelmoralische Herangehensweise an Menschenrechte und Rechte von Kindern ist kein Zufall, sondern es ist der Beweis eines ganz gewöhnlichen Alltagssexismus, der sich gegen Männer richtet. Wie verbreitet dieser ist, kann man an der ganz großen Koalition der Beschneidungsbefürworter UND -innen ersehen.

Dass einem Säugling Schmerzen durch eine Amputation zugeführt werden, die zu einer herabgesetzten (sexuellen) Empfindungsfähigkeit führt, in seine genitale Autonomie eingegriffen wird zum Wohle einer höheren Macht (Religion, Volk und Vaterland) - das ist nur verständlich, weil und insofern es sich um einen Jungen handelt.

Sich zum Wohle des großen Ganzen opfern als Aufforderung erging und ergeht an genau ein Geschlecht. Schmerzen ertragen und desensibilisiert werden - Männerschicksal.

Wo ist da die männliche Hegemonie? Wo die Macht?

All die Verharmlosungen und Verharmloser_innen dieses Eingriffs (Beck und Künast vorneweg) haben ein Bild des Mannes im Kopf, für den das Ertragen von Schmerzen, die Desensibilisierung und der NICHT existente Anspruch auf körperliche Unversehrtheit selbstverständlich ist. Tausch doch einmal die Geschlechter aus in den Aussagen und wechsle das männliche zum weiblichen Geschlechtsteil - die Diskussion wäre so nie möglich.

Einem Mädchen kurz nach der Geburt ein Hautstück herausschneiden, dass dem Äquivalent von 7 Quadratzentimeter Haut eines Erwachsenen entspricht und zehn Tage Wundschmerzen zumuten?

Völlig unvorstellbar.

Diese perfide Form von Sexismus gegen Männer ist bisher nicht einmal ansatzweise diskutiert worden, weil sie Bestandteil der Alltagskultur und auch des bisherigen Gender-Denkens ist.

DAS ist eine Geschlechterrrolle, die klassische Genderisten nicht sehen wollen und können. Denn in ihrer dichotomen Weltsicht gibt es genau ein Geschlecht, das auf Ohnmacht gebucht ist und das andere auf Macht. Deshalb auch das große Schweigen der Genderisten zur bisherigen Debatte - kognitive Dissonanz.

Ebenso auffällig ist, dass auf der einen Seite beklagt wird, Erziehung sei die Verantwortung eines Geschlechtes - nämlich von Frauen - hingegen männliche Stereotype von irgendwoher stammen.

Nehme ich den ganz normalen, oben skizzierten Sexismus der Grünen und der SPD als Beispiel - der in der Beschneidungsdebatte sichtbar wurde - dann wird offensichtlich, was die verborgene Agenda der "Erziehung zur Männlichkeit" ist.

Gruß, crumar

Avatar
Ehemaliger Nutzer 26.07.2012 | 12:44

Ich finde es mutig gerade jetzt einen solchen Artikel zu schreiben.

„Die Idealisierung des eigenen Geschlechts und die Diabolisierung des je fremden [...] verhindert den wahren Blick auf das Andere. Das gilt für Männer wie für Frauen.[...]“

... und stellt die, die in die Lage kommen, Jungen und Mädchen als Nachwuchs aufzuziehen vor ganz schön umständliche Probleme. ..

... aber immerhin, die nächste Generation könnte schon wieder einen Schritt weiter sein. Nicht aufgeben.

Lethe 26.07.2012 | 15:19

Ein zentrales Problem, Frau Rönicke, stellen bei aller soziologischen Gefälligkeit der Gender-Thematik nach wie vor die Zielvereinbarungen in Partnerschaftsverhältnissen dar.

Mann muss kein Sexist sein, um zuviel Fürsorglichkeit dem Nachwuchs gegenüber als gluckenhaft zu empfinden. Und es ist auch nicht sexistisch, den gesamten bürgerlichen Wertekanon als fraglich zu empfinden und die entsprechenden Selbstverständlichkeiten von PartnerIn zu hintertreiben. Mag sein, die Beziehung ist dann schlecht. Aber auch nicht schlechter, als wenn sich eine/r der beiden in Wertevorstellungen hinein ziehen lässt, die gar nicht die seinigen/ihrigen sind. Nicht jeder Konflikt ist lösbar, und bei weitem nicht jeder Konflikt zwischen Männern und Frauen ist sexistischer Art.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 27.07.2012 | 10:06

Der Beitrag von: crumar 26.07.2012 10:05, hat meiner Meinung nach thematisiert, wovon Sie, Frau Rönicke, ausgedrückt in diesem Artikel, eigentlich bewegt werden: nämlich dem Tatbestand, dass gewisse religiös begründete Praktiken mancher Bekenntnisse männlichen Kindern ohne mit der Wimper zu zucken ein Geschlechtsorgan verstümmeln. Offensichtlich wurden Sie sowohl vom Urteil des Kölner Gerichts als auch von der Erkenntnis überrascht, dass da noch etwas ist, was Sie geflissentlich übersehen und bewusst ausgeblendet hatten, wahrscheinlich wohl, um die Stimmigkeit Ihrer Ideologie nicht mit selbst initiiertem Störfeuer zu belegen!

Sie versuchen aber hier und heute im Nachhinein diese Anschauungen, die Sie in etlichen Beiträgen thematisiert und vehement als allein selig machend apostrophiert haben zu relativieren. Zu diesem Behufe verweisen Sie auf die Ausrufezeichen, die Sie in der Vergangenheit gesetzt haben, um die latenten Zweifel zu artikulieren, die Ihren ideologischen Unterbau mit reziproker Argumentation ad absurdum führen würde.

Ich habe ziemlich lange an einer für mich passenden Definition gearbeitet, die wiedergibt, was Sexismus für mich ist.

Diese Aussage stammt offenbar aus der Zeit vor 2010. Das bedeutet, dass Sie lange damit zugebracht haben, überhaupt zu definieren, was Sie antreibt um es letztlich auf einem Netzpolitischen Kongress den Leuten etwas über Sexismus im Netz erzählen sollte.

So, so, Frau Rönicke. Sie wollten den Leuten etwas über Sexismus erzählen … Arroganter, Frau Rönicke, kann frau sich doch kaum aufblähen, oder?

Recht schnell merkte ich, dass es dazu überhaupt keine eindeutige Definition gab und ich sah, dass sich der Begriff über die Jahrzehnte hinweg steter Wandlung unterworfen hatte.

Sie werden für sich das Verdienst verbuchen können, den Begriff fixiert zu haben, damit die unsicheren Bedeutungswandlungen gestoppt und letztendlich eine ideologisch analytischen Betrachtung ermöglicht wird, die Ihnen, Frau Rönicke, da bin ich sicher, einen Leerstuhl für Genderismus einbringen wird. Strengen Sie sich weiter an.

So kam es schlussendlich dazu, dass ich die Sexismus-Definition, … einfach umschrieb …

So definierte ich nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick in meinem Vortrag also Sexismus.

Ja, Frau Rönicke, so funktioniert Religion; auch Adorno schrieb in seinem Werk Zur Metakritik der Erkenntnistheorie:

Der Primat der Methode ist der Primat der Organisation. Die Verfügbarkeit der Erkenntnis durch logisch-klassifikatorische Ordnung wird zu ihrem eigenen Kriterium; was nicht hineinpasst, erscheint am Rande als Datum, das auf seine Stelle wartet und, wofern keine sich findet, fortgeworfen wird.

Es wird die Zeiten überdauern, Frau Rönicke … aber vielleicht findet sich ja auch keine Stelle

Bereits im Jahr 2007 schrieb ich eine Hausarbeit über Männerbildung und stellte mir die Frage, in wieweit sie dazu geeignet sein könnte, einen Beitrag zur Geschlechterdemokratie zu leisten.

Verschwommenes und Verschwurbeltes wird, gleich einem faulen Immobilienpaket, neu verpackt (Männerbildung) um nach Betrachtung der veränderten Verpackung schwupp di wupp ein noch kleineres Kaninchen aus der Schachtel zu zaubern.

Zentrales Ergebnis meiner Arbeit war es, dass die Männerbildung genau deswegen ein Schattendasein in der Erwachsenenbildung führte, weil stereotypes Handeln und sehr stereotype Angebote

Frau Rönicke, haben Sie schon jemals, so als Basistrip im Sinne von Rudi Dutschke, ein industrielles Praxissemester in stereotypem Handeln absolviert? Wohl kaum, vermute ich, denn dann wüssten Sie um beide Stereotypen, würden nicht Ihre Ideosynkrasien an natürlichen Konstanten reiben, sondern versuchen, die Produktionsbedingungen zu ändern … nur dann müssten Sie sich mit anderen Leuten anlegen.

Heterosexualität als Norm gerät ins Wanken, Frauen gehen arbeiten und Männer nehmen Elternzeit (die einen mehr, die anderen weniger). Und so weiter.

Und das ist die Spitze, Frau Rönicke. Wenn sie die in einem anderen Kommentar aufgeführte Fertilitätsquote aufgreifen …

Heterosexualität als Norm gerät ins Wanken … Frau Rönicke, geht’s noch? Heterosexualität ist die stammesgeschichtliche Grundlage unseres Seins. Dass Sie hier diese Grundlagen umzudefinieren gedenken und die ökonomischen Aspekte ins Rampenlicht stoßen, zeigt die ideologischen Wahrnehmungsverzerrungen, die Sie hier als wissenschaftlich begründet betonieren wollen.

Gruß

miauxx 27.07.2012 | 13:24

Ich würde es Ihnen, Fr Rönicke, zwar nicht ganz so dick auf's Brot schmieren, wie Kunibert - aber die Feststellung, "Heterosexualität als Norm gerät ins Wanken, Frauen gehen arbeiten und Männer nehmen Elternzeit (die einen mehr, die anderen weniger). Und so weiter.", geht so gar nicht!

Meines Erachtens werfen Sie biologisches und soziales Geschlecht hier zum einen bunt durcheinander. Es ist doch ein widersinniger Kampf, die nun einmal naturgegebenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern überwinden zu wollen. So schreiben Sie auch darauf:

"Doch aus der Vogelperspektive betrachtet bleiben Unterschiede bestehen, die stereotypen Rollenzuweisungen nehmen nur langsam ab."

Natürlich, im wahrsten Sinne des Wortes, bleiben sie bestehen! Nicht nur aus der Vogelperspektive. Dass tradierte Rollenzuweisungen abnehmen, ist sozialen/ gesellschaftlichen Entwicklungen zu verdanken, die auch erst einen Diskurs darüber ermöglichten. Es hat mit unserer gesamten gewandelten Lebenswirklichkeit und Lebensvoraussetzungen zu tun, dass enge Rollenmodelle anachronistisch wurden und zu recht einer Anpassung bedurften und bedürfen. Erst hier, in der Negierung dessen, kommt Sexismus ins Spiel.

Trotzdem bleiben Mann und Frau nun einmal Mann und Frau. Eine Heterosexualität wird sich nicht auflösen, indem wir über die sichtbaren Unterschiede hinwegblicken und alles andere irgendwie versuchen, zu "gendern", oder mit Gewalt versuchen, zu sozialisieren. Letzen Endes wird das auch niemand wirklich wollen; es ist auch gar nicht möglich. Keine Kindeszeugung würde unter solchen Vorzeichen zustande kommen - ja, noch nicht einmal ein erstes prickelndes Date zwischen pubertierenden Mädchen und Jungen.

crumar 28.07.2012 | 10:31

@Miauxx Ich unterstütze vom Prinzip her deine Argumentation und auch deine Kritik, nur finde ich einige Dinge diskussionswürdig.

Dass Heterosexualität normativ *wirkt*, weil über 90% der Menschen dominant heterosexuell sind, heißt aber nicht, eine Norm wäre zu begrüßen, die Minderheiten unterdrückt oder gesellschaftlich ausschließt. Dass "sichtbare Unterschiede" zwischen den Geschlechtern existieren heißt noch lange nicht, dass aus diesen Unterschieden unterschiedliche Rollenzuweisungen und Positionen in der Gesellschaft ableitbar oder zu rechtfertigen wären.

Es wäre kurzsichtig nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass Argumentationsmuster existieren, welche biologisches Geschlecht noch immer nutzen, um eine soziale Rolle zu rechtfertigen. Dies zum konservativen Teil der Diskutierenden, der sicherlich unbestritten ist. Was jedoch aus meiner Sicht wenig thematisiert wird: Gerade in freiheitlichen Gesellschaften führen egalitäre Bestrebungen zu einem geschlechtlichen "Differenzierungszwang".

Meines Erachtens ist die Ironie eines egalitären Gender-Diskurses, dass die angestrebte Auflösung der Geschlechteridentitäten im Rahmen einer Individualisierung wirkt, die gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass sich Individuen voneinander unterscheiden WOLLEN (müssen ;)).

Und was ist einfacher, als diese Differenzierung über das Geschlecht zu produzieren?!

Aus meiner Sicht ist eine solche Erklärung hilfreicher, als immer wieder den legendären "roll back" aus dem Ärmel zu schütteln. Zudem finde ich es bemerkenswert, dass heutige Frauen Demos nicht nur für das Recht demonstrieren, wie eine "slut" angezogen zu sein, sondern die demonstrierenden Frauen sahen noch nie "weiblicher" aus als heute.

Damit meine ich einerseits, auch ein Teil der Ablehnung des "durchgenderns" ist Produkt eines gesellschaftlichen Diskurses, der andererseits von den Gender-Theoretikern einfach nicht reflektiert worden ist, weil sie weder ihren Anteil an diesem Diskurs, noch sich selbst reflektieren.

Als Beispiel: Wäre Homophobie einfach nur eine weitere gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, dann könnte man sie betrachten und bekämpfen wie jeden anderen Sexismus, Rassismus, Antisemitismus. Leider stößt diese "Gleichmacherei" auf der Basis von Menschenrechten auf einen Diskurs bei den Genderistinnen, der eine sexuelle Orientierung im Rahmen ihrer Ideologie klammheimlich (und unreflektiert) hierarchisiert. Eine deutsche Lesbe ist - nach dieser Theorie - doppelt betroffen; als Frau und Lesbe und steht damit deutlich über einem schwarzen, heterosexuellen Mann.

Es wird vorgeblich ein egalitäres und utopisches Modell der Gesellschaft propagiert. Jedoch mit einer Theorie versehen, die äußerst klare Vorstellungen von abgestuften, *differenzierten* Positionen vertritt, aus denen sich mehr oder weniger Rechte ableiten lassen, bzw. Rechte zu- oder aberkannt werden.

Diese Theorie ist nicht weniger hierarchisch, sondern nur anders hierarchisch. Nicht weniger sexistisch, sondern nur anders sexistisch. Und aus einer Vielzahl von Fetischen dieser Theorie erwächst die Blindheit gegenüber den genitalen Übergriffen von kleinen Jungen, denn diese sind eigentlich nur patriarchale Hegemonen in Zwergengestalt.

Das große und notwendige Scheitern der deutschen Spielart dieser Theorie, die große Blamage, nicht für unteilbare Menschenrechte Partei ergreifen zu können, kann man gerade in der Debatte über die Beschneidung erleben.

Schönen Gruß, crumar

chrislow 09.08.2012 | 21:05

Zitat:"Das Göttinger Institut für Männerbildung und Persönlichkeitsentwicklung, ein Pionier auf diesem Gebiet, hat die Dokumentation einer Tagung zu Männerbildung veröffentlicht, die beschreibt, dass ein häufiges Problem von Männern sei, „nicht mit ihrem Innern verbunden“ zu sein."

-> Was aber ist dieses "Innere"...Erst jüngst wollte mir dies wohl jemand mit einem quasi-esotherischem Hintergrund erklären. Ich verstand es nicht.

Zitat:"dass Jungen aufgrund ihrer neurologischen Disposition bei der Geburt mehr Liebe und Halt-bietende Orientierungsangebote benötigten, als Mädchen."

-> Ob hier ein Mehr an solcherart notwendig ist, ist nicht ausgemacht. Aber es ist möglich, dass es gerade bei Jungen zu einem "zu wenig" davon kommt.

-----

@ crumar 26.07.2012 10:05

Ausgezeichneter Hinweis. Selbstverständlich muß man die Gendervorzeichen einfachst verstauschen können, ohne sich dabei in einer gesellschaftlichen Notlage zu befinden. Und das geht bei weitem noch lange nicht. Und ein wenig ist es tatsächlich so, dass in etwa hier genau der Mann derjenige sei, der Diskrimminiert wird. Nicht die Frau. Zumindest heute.

Was Frau Katrin Rönickes Artikel oben angeht, hat sie jedoch einen wichtigen Bereich der Stereotypisierung angesprochen, der sich unbemerkt, aber gut erkennbar neben den typischen "Frauen-Eigenschaften" entwickelt hat. Diesen Sexismus also nicht nur gegen die Frauen zu wittern, ist dabei also eine ganz besondere Erkenntnis einer Feministin. Leider fällt sie dann tatsächlich gleich wieder in die immer gleiche Bahn der Sichtweise zurück.

Zur Erklärung: Mütter erziehen ihre Söhne (zu den Männern, die sie werden). Und meine Mutter etwa hatte schon von klein auf keine gute Meinung von Männern und ist erheblich voreingestellt in ihrer Haltung. Und dann bekommt sie auch noch 2 Söhne (und keine Tochter). Mutterns Meinung über Männer ist: Sie taugen zu nichts und müssen deswegen sowieso im Leben versagen. Unter solchen Voreinstellungen ist ein Aufwachsen als kleiner Junge kaum erfolgsversprechend möglich.

Das Stereotyp ist hier Determinierend - unausweichlich. Und es kommt aus dem Geiste einer Frau gegen die Männer.

chrislow 09.08.2012 | 21:26

@ crumar 26.07.2012 19:38

Der einzige, der wirklich davon berichten kann, ist einer, der seine Vorhaut zu einem Zeitpunkt abgeschnitten bekommen hat, in dem er ein gewisses Bewusstsein über die Unterschiede zwischen vorher und nachher erkennen kann. Also etwa in der Jugend oder als Erwachsener.

Solange ist es tatsächlich eine urban-legend. Allerdings gibt es Berichte von solchen Betroffenen, die eben dies aussagen, was du angibst.

Relevanter in der Beschneidungsdebatte sei aber, dass es bei der Beschmeidung im Kindesalter - also eine lange Zeit ohne die Vorheut auf das sich entwickelnde Nervensystem auswirkt. Wie es das tut, ist unbekannt.

Das es Wirkungen auf die Entwicklung des Nervensystems (und infolge auf das Empfinden) hat, muß dabei unbedingt angenommen werden. Immerhin ist gerade das Geschlechtsteil in etwa so sensibel und also mit vielen nervenbahnen ausgestattet, wie etwa unsere Lippen. Man beachte dazu den "sensorischen Homunculus" namens H E I N E R.

http://www.turmdersinne.de/de/museum/ueber-uns/der-turm/homunkulus

Lethe 06.09.2012 | 12:29

Sind das die Alternativen, Beschnittener oder Schwätzer? Darf ich über Zölibat nur sprechen, wenn ich katholischer Priester bin?

Deine Stellungnahme impliziert zumindest eine Pauschalisierung. Es gibt unzählige Beschnittene, die keinerlei derartige Einschränkungen erfahren haben. Dass derartiges in Einzelfällen möglich ist, habe ich nicht bestritten. Dass es ein umfassendes Phänomen darstellt, ist eine urban legend.