Chuck Norris schafft’s in der Regelstudienzeit!

Bildungsstreik Der Protest ist laut und bunt. Doch Aussichten auf eine Reform des deutschen Bildungssystems gibt es nicht. Daran ist nicht der Kapitalismus schuld, sondern die Politik!

Am Mittwoch um 10.30 Uhr sammelte sich in Berlin die Studierendenschaft des Fachbereichs Erziehungswissenschaften, um sich in Richtung Rotes Rathaus zu begeben. Ihre T-Shirts und Plakate drückten Unmut über die Studienbedingungen aus: „Wem passt dieses System?“ Ihre Kritik galt den Bachelor- und Masterstudiengängen, die Individualität und Selbstbestimmung nicht vorsähen.

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Tatsächlich haben die neuen Studiengänge eine große Zahl Kritiker(innen): Studierende, Lehrende und Wissenschaftler sehen vor allem in deren Umsetzung hierzulande eine massive Verschlechterung der Studienbedingungen an den Hochschulen. Unzählige Zeitungsberichte gab es über den massiven Stress, den Studierende seit der Reform erleiden müssen. Mit 30 Prozent Studienabbrechern erreichte der Bachelor einen neuen traurigen Rekord. Im „Schwarzbuch Bologna“ haben zwei Professoren ihre Kritikpunkte gesammelt. Sie fordern unter anderem eine sofortige Beendigung der Akkreditierungsverfahren, mehr Freiheit für die Universitäten und für Schwerpunktsetzungen in der Forschung. Und genau hier beginnt das Problem der Protestierenden auf der Straße: Das Thema ist komplex. Wer sich nicht gerade in einem Seminar mit dem Verfahren der Akkreditierung der Studiengänge auseinandergesetzt hat, der wird auch nicht wissen, dass diese durch private Agenturen durchgeführt werden, die dafür den Universitäten pro Akkreditierung tausende Euro abknöpfen.

Stattdessen enthalten die Reden auf der Demonstration zum hundertsten Mal gedroschene Phrasen über den bösen Kapitalismus. Dieser soll die Ursache allen Übels sein. Dass die Autoren des „Bologna Schwarzbuch“ gerade mehr Markt und weniger Planwirtschaft in den Studiengängen fordern, spielt bei den einfach nachzuplärrenden Parolen auf der Straße keine Rolle mehr. Viele Studierende wenden sich genervt davon ab. Doch differenziertere Parolen haben es auf der Demonstration schwer: "Adornos Dialektik verträgt nicht diese Hektik" und Nietzsches „Die Bildung wird täglich geringer, weil die Hast größer wird“ sind erfreuliche Slogans auf Plakaten und Schildern. Über „Chuck Norris schafft den Bachelor in Regelstudienzeit!“ haben alle gelacht. Galgenhumor. Von solchen intelligenten Schildern gab es viele, doch sie wurden leise durch die Straßen getragen, bestenfalls noch fotografiert, während durch die Lautsprecher der Wagen anti-kapitalistische Parolen geschrien wurden. Obgleich das sicherlich nicht der gemeinsame Konsens dieser Veranstaltung war.

Der Konsens ist ein ganz anderer: Keine weitere Versklavung der Bildung durch die Wirtschaft! Gerade in der Finanzkrise muss in Bildung investiert werden. Statt marode Autobauer und Banken zu retten, sollte etwas Nachhaltiges getan werden: Die Menschen für eine bessere Zukunft ausbilden. Das klingt romantisch, ist aber kein dummer Ansatz. Selbst die großen Denker der Ökonomie sahen in Finanzkrisen eine Chance, Marodes und Altes absterben zu lassen, damit Neues entstehen kann. Die Schüler und Studierenden sind die Antriebskräfte für das Neue von morgen. Sie wissen das. Und das ist der eigentliche Grund, warum sie auf die Straße gehen.

Politiker stellen sich stur

Die Politik, namentlich die Große Koalition sowie die Landeskultusminister, die Donnerstag und Freitag auf der Kultusministerkonferenz (KMK) tagen, die denken vor allem an eines: An den 27. September. Nachhaltigkeit ist in der Tagespolitik keine Blumentopf-Gewinnerin. Wer Bildung tatsächlich als oberste Priorität setzte, der müsste an anderen Stellen sparen und zurückstecken. Die Lehrerausbildung müsste grundlegend verändert, die Schulen in anstrengenden Qualitätsmanagement-Maßnahmen mühsam in Unterrichtskultur und als Sozialort verändert, die Universitäten für mehr Studierende fit gemacht und nicht zuletzt das Schulsystem durch massive Integrations-Maßnahmen durchlässiger gemacht werden. All das kostet. Und wenn die Schüler und Studierenden auf der Straße ihre Eltern fragten, ob diese gerne mehr Steuern für ein solches Programm ausgäben – was würden die wohl sagen? Die Betonköpfe in der KMK würden sich auf so einen gemeinsamen Plan aber sowieso niemals einigen können. Bis heute müssen sie jede Ausnahme von der natürlichen Selektionsfunktion öffentlicher Schulen, wie beispielsweise die Berliner Modell-Gemeinschaftsschulen, genehmigen. Von einer Abschaffung der Selektion kann nicht mal mit einer Perspektive von 20 Jahren die Rede sein.

Es gibt viel zu tun im Bildungssystem. Es produziert Probleme – doch Bundesbildungsministerin Annette Schavan ist für eine Diskussion darüber nicht offen. „Gestrig“ nennt sie die jungen Menschen auf der Straße. Sie wüssten nicht zu schätzen, welche enormen Vorteile Bologna biete. Wie könne man denn dagegen sein? An einer differenzierten Auseinandersetzung über die real existierenden Probleme an den Universitäten ist sie nicht interessiert. Wer mit ihr etwas am Bildungssystem ändern möchte, beißt auf Granit.

Katrin Rönicke, geboren 1982 in Wittenberg, studiert Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften in Berlin und ist Mutter eines zweijährigen Jungen. Seit April ist sie Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Für den Freitag schreibt sie in ihrer wöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen. Außerdem schreibt sie für den feministischen Blog maedchenmannschaft.net.

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12:30 18.06.2009
Geschrieben von

Katrin Rönicke

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Ausgabe 42/2021

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