Das ganze Lieben ist ein Spiel

Kolumne Was haben paarungswillige Makaken mit paarungswilligen Menschen gemein? Sie wählen potentielle PartnerInnen nach dem Trophäenprinzip aus. Nicht schön? So ist das eben!

Mein Freund Paul hatte ein Erlebnis: Eine hübsche junge Frau kam mit zu ihm nach Hause; sie hatten Spaß zusammen und als der Sex zu Ende war, da sagte sie grinsend: „So, nun kann ich dich auch von meiner Liste streichen.“ Schnappte ihre Klamotten, zog sich an und verschwand. „Ich kam mir so benutzt vor“, erzählte mir Paul zerknirscht. Dann faselte er noch etwas von „eigentlich ist das ja umgekehrt“ – womit er meinte, dass dies eigentlich ein typisch männliches Verhalten sei. Um eventuellen Vorurteilen vorzubeugen: Nein – ich empfinde dieses Verhalten nicht als Fortschritt in der weiblichen Emanzipation. Es ist einfach respektlos. Egal ob von Männern oder Frauen ausgeübt.

Sexlisten sind auf den ersten Blick völlig daneben. Aber vielleicht sind sie nur die ungeschminkte Variante eines weit verbreiteten, im Normalfall aber besser kaschierten Verhaltens: Der Partner – ob fest oder nur fürs Bett – als persönliche Trophäe. Ein bisschen geht das ja immer so los – das ist wie bei den Makaken, die ihren Lieblingssaft entweder für Bilder von Makakendamenpopos hergeben oder: für Bilder von ranghöheren Männchen. Für Pornos zu zahlen – na gut, das kennen wir. Aber dass auch wir darauf stehen, uns an jenen zu ergötzen, die gefühlt „über“ uns stehen – naja. Das mögen wir nicht gerne einsehen. Aber gäbe es diesen Effekt nicht, gäbe es Super Illu, Gala und wie sie alle heißen auch nicht. Also Klappe zu. So ist das eben.

Frauen binden sich nach "oben"

Einer meiner Exfreunde sagte mir auch ziemlich unverwunden, dass ich in jenem Moment für ihn interessant geworden sei, als ich zusammen mit zwei schulweit als „cool“ anerkannten Mädels locker in einem Park an ihm vorbeilief. Heute kann ich darüber lächeln – wir waren halt 15. Zudem wurde daraus trotzdem eine sehr respekt- und liebevolle Beziehung auf Augenhöhe. Doch das Prinzip: Partner als Trophäe erschöpft sich ja nicht in solchen Teenager-Geschichtchen. Verona Pooth ehemalig Feldbusch ist interessanter Weise deswegen berühmt geworden, weil sie Dieter Bohlen zum Mann hatte. Gut – ob dieser nun wirklich eine Trophäe ist oder nicht – ja, darüber lässt sich trefflich streiten. Doch bis heute besteht das Phänomen – gerne von Männerrechtlern vorgebracht, vorwurfsvoll versteht sich, und das vielleicht auch zu Recht – Frauen gehen nach „oben“ Partnerschaften ein.

Sehr eindrucksvoll lernte ich dieses Phänomen vor zehn Jahren kennen: Ich war Service-Kraft in einem Vier-Sterne-Hotel, dessen Hauptzielgruppe ältere Menschen waren, also 50+. 14-tägig hatten wir „die Bridge-Damen“ zu Gast, die – das lässt der Name bereits vermuten – Bridge spielten. Sie gaben stets sehr gutes Trinkgeld. Ich lernte die Damen mit der Zeit näher kennen. Sie fingen gerne einen Schnack mit mir an. Keine von ihnen – so lernte ich dabei – hätte mir jedes Mal dieses üppige Trinkgeld geben können, hätte sie nicht einen „betuchten“ Mann abgegriffen. Sie redeten ein paar Mal über ihre Männer. Alle gut situiert, erfolgreich, angesehen. Natürlich.


Aber halt: Männer sind ja wirklich nicht unschuldig. Ihre Trophäe hat in erster Linie einen „geilen Hintern“, einen „üppigen Vorbau“, sieht mit 40 noch aus wie 29, und ist „ein Engel in der Küche, eine Hure im Bett“ – oder umgekehrt. Im Süddeutsche Magazin las ich kürzlich eine Reportage über deutsche Männer, die Frauen aus dem (hauptsächlich osteuropäischen) Ausland heirateten. Interessant fand ich vor allem die Aussage, dass osteuropäische Frauen kein Problem damit hätten, „von oben nach unten“ zu heiraten. Sie hätten oft studiert und heirateten deutsche Nicht-Akademiker – um dann hier einen miesen Job anzunehmen, der ihrer Qualifikation nicht entspräche, und hübsche Hausfrau am Herd zu sein. Denn – auch das ist die große Chance für diese Männer – sie sind dazu noch attraktiver, als jene Frauen, die Männer „auf dem deutschen Markt“ ergattern könnten. Dieses Phänomen wurde sogar schon Gegenstand soziologischer Untersuchungen.

Das klingt alles ganz furchtbar? Menschen als Trophäe, als Ware nahezu, als Herzeigeobjekt? Sex-Ranglisten? Es klingelt im Ohr – das kennen wir aus Spielen. „Gamification“ lautet das Stichwort. Es bezeichnet den Prozess, bei dem Anreizsysteme, die vor allem aus Spielen bekannt sind, in Alltagssituationen angewandt werden. Zum Beispiel interessiert sich die Wirtschaft sehr dafür, dass sich mit solchen Spiel-Elementen potentiell mehr Umsatz machen lassen könnte. Die zentralen Elemente von Gamification sind: achievement "badges" – also Gewinn-Abzeichen; achievement levels – also verschiedene Schwierigkeitsgrade als sinnstiftende Herausforderung; sowie "leader boards" – also Ranglisten. Etwas zum Herzeigen, eine scheinbar schwierige Herausforderung; eine Hierarchie. „Mein Haus, mein Auto/mein Garten, meine Frau/mein Mann.“

Eine wirkliche Basis für Partnerschaft ist das kaum. Leider bleibt es nahezu unmöglich, im Vorhinein zu wissen, wes Geistes Kind die Begierde für einen Menschen eigentlich ist – nur meine Freundin Mariann machte mich neulich staunen, als sie mit voller Innbrunst erklärte: „Ich bin ja die typische Trophäenfrau für einen ganz bestimmten Typ Mann!“ Sie ist eben eine knallharte Realistin in Sachen Liebe.

Katrin Rönicke schreibt in ihrer zweiwöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen. Diese erscheint immer montags im Wechsel mit Verena Reygers Gender-Musikkolumne.

16:05 05.09.2011
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

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