Katrin Rönicke
28.03.2011 | 15:45 23

Das Y-Chromosom hat nicht die Hosen an

Kindeserziehung Der Sohn unser Kolumnistin hat sich einen Rock ausgesucht. Als Feministin sollte sie das freuen. Aber so einfach ist das nicht mit der geschlechtersensiblen Erziehung

Tatsächlich wächst Leo seit eh und je zumindest von unserer Seite ohne geschlechtsspezifische soziale Vorgaben auf. Ich kenne viele Menschen, die fest glauben, dass Jungen von Natur aus am liebsten mit Autos spielen, aggressiver sind und nicht so gerne malen, wohingegen Mädchen sich gerne kümmern, sozialer sind und rosa brauchen. "Alles in den Genen." Für mich sind das Märchen.

Deswegen lasse ich beiden Kindern ihre Freiräume, in denen sie sich einfach entwickeln können, wie es ihnen passt. Das Gute ist, dass ich mit einem Jungen und einem Mädchen gesegnet bin. "Du und dein kleines Gender-Experiment", sagt mein Mann immer schmunzelnd, wenn ich mich darüber freue, weil ich so an den beiden ausprobieren kann, ob und wie geschlechtersensible oder "-neutrale" Erziehung funktioniert.

Die gläserne Grundschul-Wand

Trotzdem war mir extrem mulmig zumute, als sich mein Sohn zum Geburtstag diesen Rock wünschte. Ein schöner Rock, den er sich in einem Katalog ausgesucht hatte. Er hat kräftige Farben, lila und pink, schöne Orient-Verzierungen und schicke Stufen. Eine wirklich gute Wahl. Doch ich hatte tatsächlich richtig Angst. Sätze wie "und was, wenn die anderen Kinder lachen?" sausten durch meinen Kopf und ich hatte den inneren Drang, mein geliebtes Kind vor der Bosheit anderer Kinder zu schützen, indem ich seinen Wusch vielleicht am besten ignorierte. Und das mir! Wo ich doch jetzt mit meinem "kleinen Genderexperiment" an eine entscheidende Stelle gekommen war: Der "Sieg" könnte mein sein! Auf dem Y-Chromosom sind keine Anti-Röcke- und keine Dunkelblau-Gene.

Manchmal aber ist auch die überzeugteste Feministin einfach nur eine Mutter, die ihr Kind vor der Schlechtheit der Welt bewahren will. Oder anders gesagt: So skrupellos bin ich nicht, dass ich nur wegen meiner Überzeugungen mein Kind in sein seelisches Unglück und in eine Außenseiterrolle stürzen würde.

Was mir wohl sehr im Nacken sitzt, wenn ich mich so feige verhalte, ist eine Kindheitserinnerung aus der Grundschulzeit: In meiner Klasse gab es einen Jungen, der hieß Stephan (Kindernamen geändert). In dem konservativen Dorf, in dem ich lebte, galten rigide Geschlechternormen. Eine für mich bis dahin unbekannte gläserne Wand (ich hatte bis zum Grundschuleintritt in einem Dorf in der DDR gelebt und nur mit Jungen gespielt) trennte sauber die Sphären der Weiblichkeit und der Männlichkeit und legte entsprechend unverrückbare Codes fest.

Wir waren grausam

Stephans Eltern hielten sich aber nicht an die Codes. Sie zogen ihm rosa Pullover an und er spielte mit Puppen. Er hatte in seinem Wesen so gar nichts gemein mit den anderen wilden, wetteifernden und teils aggressiven Jungen in der Klasse. Alles an ihm war "falsch" codiert, zumindest in den Kategorien der dortigen Geschlechterordnung. Natürlich war er ein absoluter Außenseiter. Nicht einen Freund hatte er in der Klasse. Mich natürlich auch nicht, denn ich gierte in dieser Zeit nahezu nach sozialer Integration und kam nicht auf die Idee, mich mit dem Underdog gleichzustellen. Ich passte mich mühevoll in die geschlechtergetrennte Welt ein, was mir mal mehr, mal weniger gut gelang.

Irgendwann kam ein Gerücht auf, an dem auch einige Eltern mitstrickten: Stephans Eltern hätten sich eigentlich ein Mädchen gewünscht und deswegen ihren Sohn wie eines ange- und erzogen. Allgemeines Kopfschütteln über so wenig elterliche Kompetenz war die Folge. Wie konnten sie ihr Kind nur so missbrauchen? Sahen sie denn nicht, wie schlecht es ihm damit ging? Auf die Idee, dass es Stephan nicht wegen seines Verhaltens und seiner Anziehsachen schlecht ging, sondern wegen unserer ausgrenzenden und diskriminierenden – ja: totalitären Ideologie, kamen wir und unsere Eltern natürlich nicht.

Bis heute muss ich oft daran denken, wie wir Kinder mit Stephan umgegangen sind, wie grausam wir waren und dass ich nichts davon infrage gestellt hatte. Das Beispiel dieses Jungen ist für mich der Beweis, dass es in der Kindererziehung manchmal nicht darum geht, moralisch Recht zu haben, sondern um ein sensibles Gleichgewicht zwischen den eigenen Überzeugungen und der sozialen Integration der Kinder. Anders gesagt: Ich würde nie zulassen, dass es meinem Sohn so ergeht, wie es Stephan in unserer Grundschulklasse erging.

Kompliment!

"Den finde ich so schön!", hatte Leo aber gesagt, als er den Rock im Katalog erblickte. Seine Augen leuchteten ein bisschen. Ja, er war wirklich schön. Und ich würde das schon geregelt bekommen, dass er auch mit eventuellen Hänseleien zurecht käme. Also bestellte ich den Rock und letzte Woche trug er ihn dann auch zum ersten Mal in der Kita. Alle empfingen ihn fröhlich und machten ihm Komplimente. Und ich beruhigte mich ein wenig.

Am selben Abend fand ein Elternabend statt. Eine andere Mutter nahm mich zur Seite: "Ich wollte mal was wegen Leos Rock sagen", begann sie, und ich spannte mich innerlich an, bereit ihr einen Vortrag über Geschlechtersozialisation zu halten und sie ernsthaft zu fragen, wie sie es sich eigentlich anmaßen könne, so kleine Kinder schon in derart blöde Rollenschubladen zu stecken. "Ich war wirklich total froh, als er heute damit ankam", fuhr sie fort. "Der Martin zieht auch so gerne Kleider von seiner großen Schwester an und liebt Glitzerspängchen und rosa Anziehsachen. Ich finde das total toll, dass der Leo auch so etwas anzieht."

Katrin Rönicke schreibt gerne, aber nicht nur, über Geschlechterdemokratie. Ihre Kolumne über Gender- und Bildungsthemen erscheint zweiwöchentlich, immer montags im Wechsel mit Verena Reygers Musikkolumne.

Kommentare (23)

Universalgenie 29.03.2011 | 12:41

Ich würde sagen: Klassischer Fall von "Glück gehabt".

Der Schuss hätte zum Schaden des Kindes auch vollkommen nach hinten losgehen können.

Als bemitleidenswerter Träger eines Y-Chromosoms, sehe ich zwar auch keinen Grund, warum ein Junge keinen Rock tragen sollte, doch ich habe auch aus eigener Anschauung erleben müssen, mit welchem Eifer Frauenbewegte teilweise zu verhindern versuchen, aus ihren Jungen Männer werden zu lassen, nur weil sie bestimmte Männer nicht wollen.

Das Resultat sind dann leider oft mitnichten die Männer, in die sie sich selbst jemals verlieben würden.

Ich bin der Auffassung, dass Jungen und Mädchen nicht per Erziehungsverordnung als androgyne Wesen definiert werden sollten. Auch wenn in Teilen der Frauenbewegung die chauvinistische Haltung Einzug erhalten hat, Jungen seien von Natur aus furchtbar benachteiligt und Männer quasi schlechtere Menschen.

Das treibt ja bekanntlich bizarre Blüten. Einmal wird gefordert, die Unschuldsvermutung für Vergewaltigungs-Tatverdächtige abzuschaffen, dann wieder trifft man auf der Rückfahrt vom Christopher Street Day Lesben im Zug, die ihr Selbstbewusstsein aus der (wortreich mit Pseudowissenschaft belegten) Überzeugung bestreiten, dass Heterosexuelle grundsätzlich intellektuell schwächer seien.

Natürlich kann ein selbstbewusster Junge im Rock problemlos seine Rolle selbst definieren. Aber es gibt auch viele Jungen, die genau deswegen scheitern, weil man ihnen die geschlechtsspezifische Förderung, die man Mädchen richtigerweise angedeihen lässt, versagt und weil ihnen viel zu oft männliche Vorbilder fehlen, die zur Festigung einer konsistenten Rollenidentität wertvoll wären.

stellasirius 29.03.2011 | 15:38

Nun sind so Attribute wie Farben, Kleidungsstücke, Schmuck etc. stark kulturell bedingt. Der europäische Kleidungs- und Frisurkodex für Männer ist im Lauf von ein paar Jahrhunderten immer enger, und mit Verlaub, auch immer häßlicher geworden.
Bürgerliches Männerideal ist doch, krass gesagt, eine grau beanzugte, kurzgeschorene, ungelenke Gestalt, deren emotionale Power weggesperrt und ausgehungert ist.

Als Männerhaare lang und Klamotten wieder fantasievoll und farbig wurden, wie war der Aufschrei groß.
Auch Röcke für Männer haben nicht nur in Schottland eine alte Tradition. Sie können ebenso neutral funktionieren wie heute schon die Hosen.

Nun ja, und was die persönliche Identitätsfindung angeht - dazu gehören männliche Vorbilder UND selbstbewusste, großzügige Frauen. Und zwar für Kinder jeden Geschlechts.

c.krieg 29.03.2011 | 19:20

Da hat der moderne Instant-Feminismus mal wieder bewiesen, wo er seine Grenze hat: an jedem noch so kleinen verwickelten, huh, voll gender-mäßigem Spannungsmoment nämlich, wo es nicht mit einem üblichen Den-Mund-Weitaufreissen getan gewesen wäre – obwohl freilich am gleichen Tag ja der Elternabend Gelegenheit zum Löwinnengebrüll gegeben hätte – puh, war ich dann doch ehrlich erleichtert (gähn). Da muss der neue Feminismus sich plötzlich Sorgen machen, ob der kleine Leo, wie er da im Katalog blättert, nicht doch zum Opfer seiner geworden ist und knirscht etwas mit den Zähnen, wenn der Mann schmunzelt - „das bisschen Feminismus, das machst du doch mit links“ - und am Ende recht behält: Ein Experiment, mehr ist es nämlich alles nicht, das so herrlich durch die Welt des Gendermainstreaming mäandert und ein bisschen rosa-lila glitzert, Pseudo-Problemsituationen entwirft und ansonsten so wild und gefährlich ist wie mein (zahnloser) Kuscheltierlöwe.

Thomas Maier 31.03.2011 | 00:09

Denken Sie wirklich an so "Experimenten" könnte man irgendetwas zur Genderforschung erfahren oder gar einbringen? Ich meine... so naiv kann man doch gar nicht sein?
Selbst der Konservativste glaubt nicht, dass "Rock" etwas ist, das der Menschheit als etwas "Weibliches" eingepflanzt ist.
Ihre Differenzierung ist wirklich hanebüchen, weil nicht vorhanden: Sie stellen zwei unterschiedliche Ebenen auf eine: Die materielle Konsumgesellschaft und ihre Eigenarten sowie längst triviale geschlechtliche Unterschiede, die sich am besten in im YinYang-Modell erkennen lassen - insofern also schon uralt sind. Man kann natürlich darüber diskutieren ob Männer weiblicher und Frauen männlicher werden sollen (meiner Meinun, ja), aber Sie werfen hier zwei völlig unterschiedliche Dinge zusammen. Man kann nicht diskutieren, ob Frauen Penisse haben und Männer Vaginas. Man kann nur darüber diskutieren, was das für die Gesellschaft heißt (z.B. dieser Umstand der 9-Monatigkeit, die Männer nicht erleben können). Wenn wir irgendwann zu einem Ergebnis und einer geschlechter-offeneren Gesellschaft kommen wollen, sollten wir aufhören offensichtliche Unterschiede zwischen Mann und Frau (YinYang) mit menschengemachten Engstirnigkeit (wie Sie sie ja richtig anprangern) zu verschwurbeln.

Knüppel 31.03.2011 | 12:31

Sehr schade, dass mir weder Titel, noch Regisseur einfallen! :-)

Ich erinnere mich an einen französischen Spielfilm (noch nicht so alt), in dem wird in einer Vorstadtsiedlung ("gediegene obere Mittelklasse" :-) ) das Leben eines Ehepaares völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, als der kleine Sohn anfängt dauernd rosa Kleidchen zu tragen.

Die Nachbarn finden das irgendwie "komisch" (und verdächtig :-)), verbieten ihren Kindern den Umgang mit dem "Sonderling", machen den Eltern Vorwürfe usw. usw. - eine Tragikomödie.

Kann sich jemand von euch an diesen Film erinnern und mir den Titel oder Regisseur nennen?

Bei meiner "verzweifelten" :-) Suche im Internet, habe ich das hier gefunden und ..., obwohl es überhaupt nichts mit dem Blog oben zu tun hat, bette ich den Trailer einfach mal ein, weil ich ihn auch ganz witzig finde ...

Gruß
Knüppel


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B.V. 31.03.2011 | 17:23

"Der Sohn unser Kolumnistin hat sich einen Rock ausgesucht. Als Feministin sollte sie das freuen. Aber so einfach ist das nicht mit der geschlechtersensiblen Erziehung..."

"Du und dein kleines Gender-Experiment", sagt mein Mann immer schmunzelnd, wenn ich mich darüber freue, weil ich so an den beiden ausprobieren kann, ob und wie geschlechtersensible oder "-neutrale" Erziehung funktioniert."

Menschenexperimente mit Kindern können schon zu diversen Verblüffungen führen. Nun dürften diese eher in den bereich Neo-Behavorismus Abteilung Gender gehören als in die Rubrik Eugenik.

Da die Mutter aber nun doch eine gewisse Sorge trägt, wäre ja eine kleine Manipulation in Richtung Schottenkilt ein Kompromiss für alle. :-)))

EnidanH 03.04.2011 | 18:40

Das klingt ja alles rosig-rosarot, ein wenig kitschig schon.

Ich habe generell mit diesen Begriffen wie Feminismus oder Gender ein Problem, derweilen artet das zu Profilneurosen aus. Damit ist dann niemandem geholfen.

Ich träume mal: wie wärs, wenn man sich einfach mal auf das Menschsein beruft, nicht ich, weil ich Frau oder Mann bin, sondern ich, weil ich ein guter Mensch bin. Ich meine, im Norden Europas ist man schon weiter als hier, wo man sich immer noch aktionistisch an Kategorien abarbeitet (weil es ja sonst keine Probleme gibt).