Das Y-Chromosom hat nicht die Hosen an

Kindeserziehung Der Sohn unser Kolumnistin hat sich einen Rock ausgesucht. Als Feministin sollte sie das freuen. Aber so einfach ist das nicht mit der geschlechtersensiblen Erziehung

Tatsächlich wächst Leo seit eh und je zumindest von unserer Seite ohne geschlechtsspezifische soziale Vorgaben auf. Ich kenne viele Menschen, die fest glauben, dass Jungen von Natur aus am liebsten mit Autos spielen, aggressiver sind und nicht so gerne malen, wohingegen Mädchen sich gerne kümmern, sozialer sind und rosa brauchen. "Alles in den Genen." Für mich sind das Märchen.

Deswegen lasse ich beiden Kindern ihre Freiräume, in denen sie sich einfach entwickeln können, wie es ihnen passt. Das Gute ist, dass ich mit einem Jungen und einem Mädchen gesegnet bin. "Du und dein kleines Gender-Experiment", sagt mein Mann immer schmunzelnd, wenn ich mich darüber freue, weil ich so an den beiden ausprobieren kann, ob und wie geschlechtersensible oder "-neutrale" Erziehung funktioniert.

Die gläserne Grundschul-Wand

Trotzdem war mir extrem mulmig zumute, als sich mein Sohn zum Geburtstag diesen Rock wünschte. Ein schöner Rock, den er sich in einem Katalog ausgesucht hatte. Er hat kräftige Farben, lila und pink, schöne Orient-Verzierungen und schicke Stufen. Eine wirklich gute Wahl. Doch ich hatte tatsächlich richtig Angst. Sätze wie "und was, wenn die anderen Kinder lachen?" sausten durch meinen Kopf und ich hatte den inneren Drang, mein geliebtes Kind vor der Bosheit anderer Kinder zu schützen, indem ich seinen Wusch vielleicht am besten ignorierte. Und das mir! Wo ich doch jetzt mit meinem "kleinen Genderexperiment" an eine entscheidende Stelle gekommen war: Der "Sieg" könnte mein sein! Auf dem Y-Chromosom sind keine Anti-Röcke- und keine Dunkelblau-Gene.

Manchmal aber ist auch die überzeugteste Feministin einfach nur eine Mutter, die ihr Kind vor der Schlechtheit der Welt bewahren will. Oder anders gesagt: So skrupellos bin ich nicht, dass ich nur wegen meiner Überzeugungen mein Kind in sein seelisches Unglück und in eine Außenseiterrolle stürzen würde.

Was mir wohl sehr im Nacken sitzt, wenn ich mich so feige verhalte, ist eine Kindheitserinnerung aus der Grundschulzeit: In meiner Klasse gab es einen Jungen, der hieß Stephan (Kindernamen geändert). In dem konservativen Dorf, in dem ich lebte, galten rigide Geschlechternormen. Eine für mich bis dahin unbekannte gläserne Wand (ich hatte bis zum Grundschuleintritt in einem Dorf in der DDR gelebt und nur mit Jungen gespielt) trennte sauber die Sphären der Weiblichkeit und der Männlichkeit und legte entsprechend unverrückbare Codes fest.

Wir waren grausam

Stephans Eltern hielten sich aber nicht an die Codes. Sie zogen ihm rosa Pullover an und er spielte mit Puppen. Er hatte in seinem Wesen so gar nichts gemein mit den anderen wilden, wetteifernden und teils aggressiven Jungen in der Klasse. Alles an ihm war "falsch" codiert, zumindest in den Kategorien der dortigen Geschlechterordnung. Natürlich war er ein absoluter Außenseiter. Nicht einen Freund hatte er in der Klasse. Mich natürlich auch nicht, denn ich gierte in dieser Zeit nahezu nach sozialer Integration und kam nicht auf die Idee, mich mit dem Underdog gleichzustellen. Ich passte mich mühevoll in die geschlechtergetrennte Welt ein, was mir mal mehr, mal weniger gut gelang.

Irgendwann kam ein Gerücht auf, an dem auch einige Eltern mitstrickten: Stephans Eltern hätten sich eigentlich ein Mädchen gewünscht und deswegen ihren Sohn wie eines ange- und erzogen. Allgemeines Kopfschütteln über so wenig elterliche Kompetenz war die Folge. Wie konnten sie ihr Kind nur so missbrauchen? Sahen sie denn nicht, wie schlecht es ihm damit ging? Auf die Idee, dass es Stephan nicht wegen seines Verhaltens und seiner Anziehsachen schlecht ging, sondern wegen unserer ausgrenzenden und diskriminierenden – ja: totalitären Ideologie, kamen wir und unsere Eltern natürlich nicht.

Bis heute muss ich oft daran denken, wie wir Kinder mit Stephan umgegangen sind, wie grausam wir waren und dass ich nichts davon infrage gestellt hatte. Das Beispiel dieses Jungen ist für mich der Beweis, dass es in der Kindererziehung manchmal nicht darum geht, moralisch Recht zu haben, sondern um ein sensibles Gleichgewicht zwischen den eigenen Überzeugungen und der sozialen Integration der Kinder. Anders gesagt: Ich würde nie zulassen, dass es meinem Sohn so ergeht, wie es Stephan in unserer Grundschulklasse erging.

Kompliment!

"Den finde ich so schön!", hatte Leo aber gesagt, als er den Rock im Katalog erblickte. Seine Augen leuchteten ein bisschen. Ja, er war wirklich schön. Und ich würde das schon geregelt bekommen, dass er auch mit eventuellen Hänseleien zurecht käme. Also bestellte ich den Rock und letzte Woche trug er ihn dann auch zum ersten Mal in der Kita. Alle empfingen ihn fröhlich und machten ihm Komplimente. Und ich beruhigte mich ein wenig.

Am selben Abend fand ein Elternabend statt. Eine andere Mutter nahm mich zur Seite: "Ich wollte mal was wegen Leos Rock sagen", begann sie, und ich spannte mich innerlich an, bereit ihr einen Vortrag über Geschlechtersozialisation zu halten und sie ernsthaft zu fragen, wie sie es sich eigentlich anmaßen könne, so kleine Kinder schon in derart blöde Rollenschubladen zu stecken. "Ich war wirklich total froh, als er heute damit ankam", fuhr sie fort. "Der Martin zieht auch so gerne Kleider von seiner großen Schwester an und liebt Glitzerspängchen und rosa Anziehsachen. Ich finde das total toll, dass der Leo auch so etwas anzieht."

Katrin Rönicke schreibt gerne, aber nicht nur, über Geschlechterdemokratie. Ihre Kolumne über Gender- und Bildungsthemen erscheint zweiwöchentlich, immer montags im Wechsel mit Verena Reygers Musikkolumne.

15:45 28.03.2011
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

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