Den eigenen Frieden verteidigen

Frauen & Krieg Eine alte Frage in Sachen Geschlechtergerechtigkeit stellt sich neu: Diskriminiert die einseitige Wehrpflicht Männer? Wenn ja, wollen wir mehr Frauen in der Bundeswehr?

Frauen gelten im Vergleich zu Männern gemeinhin als friedfertiger und weniger aggressiv. Manche besonders biologistisch orientierten Menschen ziehen als Begründung dieser scheinbaren Tatsache das Testosteron heran. Aber auch einige Vertreterinnen der sogenannten Neuen Frauenbewegung haben sich als Hüterinnen der menschlichen Friedfertigkeit angesehen und sind in einen tosenden Sturm gegen Alice Schwarzer ausgebrochen, als diese sich für einen Zugang von Frauen zum Militär aussprach (erschienen 1978 in einem Aufsatz der Emma ).

Schwarzer begründete diese ungewöhnliche Forderung mit drei wesentlichen Fakten: 1. Sei das Militär nur ein weiterer Bereich der Gesellschaft, in dem es um Macht ginge und auch hier glänzten typischerweise Frauen durch Abwesenheit, was als Missstand gesehen werden müsse. 2. Sei das Militär ein Ort, der zur ideologischen und realen Verfestigung des Männlichkeitswahns diene. Durch den Ausschluss aus diesem Bereich würden zugleich Frauen weiterhin in die typische Opferrolle der Hilflosigkeit gedrängt. 3. Sei das Militär „ein extremster Ausdruck der Aufgabenverteilung zwischen Männern und Frauen: hier steht ein Jahr Wehrdienst gegen 20 Jahre Mutterdienst.“

Zwar relativierte Schwarzer in ihrem Aufsatz gleich selbst ihre Forderung nach weiblichem Zugang zum Militär, indem sie deutlich machte, dass Wiederaufrüstung, Kasernendrill und Waffengeprotze sie persönlich schon immer schockiert hätten. Außerdem wehrte sie sich auch sofort gegen die – wie sie es nannte – Milchmädchenrechnung, dass die Frauen, wenn sie Gleichberechtigung wollten, auch zum Militär müssten: Darüber könne man reden, wenn die Männer auch alle Frauenpflichten wahrnähmen.

Friedensbringerin qua Geschlecht

Doch das Fass war ins Rollen gebracht und ein Jahr später, im Jahre 1979, sagten viele Frauen vehement „Nein!“ zu „Frauen in die Bundeswehr“ und nannten sich alsbald „Frauenanstiftung zum Frieden“ – eine Gruppe von Frauen um Eva Quistorp und Ellen Diederich. Diese „Frauenanstiftung“ formierte sich auch in anderen europäischen Ländern. Gemeinsam wollte man für die Zukunft der eigenen Kinder kämpfen und konstatierte, man wolle „den Männern aller Blöcke das Recht absprechen, noch weiter in unserem Namen zu reden.“ Diese Frauen inszenierten sich qua Geschlecht als Friedensbringerinnen, die ausgezogen waren, gegen die – ebenso qua Geschlecht – Kriegstreiber zum Frieden anzustiften.

Fast 30 Jahre nach diesen Meinungsverschiedenheiten zwischen bewegten Frauen, sind es vor allem Männer, die das Thema „Wehrdienst und Frauen“ auf den Tisch legen. Viele Maskulisten und sogenannten Männerrechtler, wie sie zum Beispiel im Umfeld des Vereins MANNdat zu finden sind, fordern hier Gleichberechtigung. Auf der MANNdat-Homepage nennen die hier vereinten Männer in ihren Leitgedanken einige Problemfelder, die sie bearbeiten und verändern wollen. An erster Stelle steht: „Der einseitige, gesellschaftliche Zwangsdienst für Männer (Wehr- oder Ersatzdienst)“. Und ebenfalls auf der Homepage des Vereins dokumentiert ein 21-jähriger Jung-Linker in seinem „Tagebuch eines Totalverweigerers“, wie er sich gegen diesen Zwangsdienst zur Wehr gesetzt hat, weil er – mit eigenen Worten - „ein sensibles Gespür für geschlechtsbedingte Diskriminierung“ ausgebildet habe. Übrigens – ebenfalls nach eigenem Bekunden – Dank der eigenen Mutter, die lange Zeit in der Frauenbewegung aktiv gewesen ist. Tatsächlich scheint es fast so, als wäre die Wehrpflicht nur für Männer noch ungerechter, seitdem Frauen freiwillig auch in die Bundeswehr ‚dürfen‘ – denn nun steht dem Zwang kein Verbot mehr gegenüber, das man ebenso als ungerecht betrachten hatte können.

Man kann nun von MANNdat halten, was man will (und gerade feministische Menschen genießen die Arbeit des Vereins mit Vorsicht, da sie allzu oft nicht für Geschlechtergerechtigkeit steht, wie auch Walter Hollstein dokumentiert hat), aber damit hat der Verein recht: Das Problem Geschlechterdemokratie im Wehrdienst muss auf den Tisch.

Die Belange beider Geschlechter ernstnehmen

Zugegeben: Frauen drücken sich gerne um dieses Thema, weil es sehr bequem und gemütlich für sie ist, am Status Quo festzuhalten: Wer selbst nicht zwangsdienen muss, dem kommen andere Probleme sicherlich dringlicher vor. Aber wenn – und davon gehe ich aus – wir zu dem Ergebnis gelangt sein sollten, dass eine Geschlechterpolitik auf der Basis eines neuen Dialogs der Geschlechter sich diesen Namen auch verdienen muss – nämlich indem sie die Belange beider Geschlechter gleich ernst nimmt – dann kommt auch keine Feministin mehr an diesem Thema vorbei.

Und das ist auch gut so: Bislang sind es vor allem eher linke Jugend-Organisationen, wie z.B. die Jusos, die Grüne Jugend oder sol’id (letzteren gehört übrigens auch der anonyme Tagebuchschreiber von MANNdat.de an), die sich für eine komplette Abschaffung der Wehrpflicht einsetzen. Eine breite gesellschaftliche Debatte darüber findet bislang kaum statt. Selbst dass die FDP, als eine Partei, die sich auch gegen die Wehrpflicht eingesetzt hat (bis dato war dies kaum bekannt), in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU nun eine weitere Verkürzung der Wehrpflicht ab 2011 erreicht hat, verhallt hinter anderen Ergebnissen aus diesen Verhandlungen, und das Thema an sich wird wenig bis gar nicht diskutiert (dabei gehört Deutschland mittlerweile zu einer Minderheit der Nato-Staaten, die noch an der Wehrpflicht festhalten). Erst recht nicht unter der Einbeziehung der Frage nach den Frauen. Und nach der Geschlechtergerechtigkeit.

Rollenveränderung weiter vorantreiben

Und auch viele der heutigen Feministinnen – junge wie alte – trauen sich an die Frage nach den Frauen im Wehrdienst nicht heran. Dabei muss sie gestellt werden: Wollen wir mehr Frauen in der Bundeswehr, oder wollen wir das nicht? Ist nicht auch die Bundeswehr ein Ort von Macht? Haben wir nicht unsere passive Rolle an der Seite unserer kämpfenden Männer satt und wollen nicht auch wir uns für so „heroische“ Taten einsetzen, wie die Befriedung von Konfliktgebieten in der ganzen Welt? Ist es vielleicht nötig, nicht nur die Risiken und Nachteile, sondern auch die Chancen für Frauen zu sehen, wenn sie sich in diese Debatte einklinken?

Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Die Rolle der Bundeswehr hat sich in den vergangenen 30 Jahren drastisch geändert und es liegt an der Gesellschaft, diese Rollenveränderung weiter voranzutreiben – und damit liegt es auch an den Frauen. Hat Alice Schwarzer denn nicht bereits 1978 Recht gehabt als sie zum Schluss ihres Artikels in der Emma schrieb: „Und von der Möglichkeit, den eigenen Frieden auch selbst verteidigen und notfalls sogar erkämpfen zu können – davon können und dürfen Frauen sich nicht länger ausschließen lassen!“

Katrin Rönicke, geboren 1982 in Wittenberg, studiert Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften in Berlin und ist Mutter eines zweijährigen Jungen. Seit April ist sie Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Für den Freitag schreibt sie in ihrer wöchentlichen Kolumne über Gender- und Bildungsthemen. Außerdem schreibt sie für den feministischen Blog maedchenmannschaft.net. Zuletzt erschien von ihr: Die Eroberung der Wissenschaften

13:30 23.11.2009
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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