Katrin Rönicke
17.07.2010 | 09:30 49

Der Kampf der Herkunftseliten

Schulsystem Nicht nur in Hamburg wird über eine Reform gestritten: Obsiegt beim Volksentscheid der Klassendünkel über die Bildungsgerechtigkeit?

Ob nach dem Volksentscheid die erste schwarz-grüne Koalition in einem deutschen Landesparlament weiter bestehen kann? Die Lage in Hamburg ist angespannt. Nicht mehr und nicht weniger steht auf dem Spiel, als der Beweis für die Machbarkeit einer schwarz-grünen Zusammenarbeit. Wenn das mit der Schulreform klappt, dann haben wir eine gemeinsame Zukunft, lautete die grüne Devise nach der Senatswahl. Auch die hanseatische CDU kämpfte für diese Zukunft. Mit seinem engagierten Einsatz für die Schulreform brüskierte Bürgermeister Ole von Beust die eigene Klientel und Unionspolitiker aus ganz Deutschland.

Eine Woche vor der brisanten Abstimmung begannen „Parteifreunde“, medienwirksam gegen ihn und seine Schulreform zu wettern. Baden-Württembergs Kultusministerin Marion Schick grätschte gegen von Beust mit den Worten, manche hingen aus ideologischen Gründen der Fantasie an, dass die Gemeinschaftsschule die soziale Schichtung abbauen würde. Kurz vor dem Volksentscheid machten dann auch Spekulationen über einen baldigen Rücktritt des Bürgermeisters die Runde.

Die so genannte Primarschule, die in Hamburg am Sonntag beim Volksentscheid zur Abstimmung steht, ist eine sechsjährige Grundschule. In Berlin und Brandenburg ist sie bereits Realität. Im Saarland will das Jamaika-Bündnis ein fünfjähriges Modell einführen. Ursprünglich hatten sich die Grünen in Hamburg, allen voran die heutige Schulsenatorin Christa Goetsch, für neun Jahre gemeinsamen Lernens eingesetzt – was aber deutlich auf sechs Jahre reduziert wurde, um für die CDU kompromissfähig zu sein. Anlass für die Pläne sind Studien wie IGLU oder PISA. Sie zeigen: Eine frühe Selektion wirkt sich vor allem zum Nachteil von Kindern aus sozial schwachem Milieu oder mit Migrationshintergrund aus.

Arbeiterkind gegen Vorstands-Nachwuchs

Genau diese Kinder sind Stein des Anstoßes für die Hamburger Initiative „Wir wollen lernen!“, die gegen die Primarschule Front macht. Vordergründig geht es ihr um Qualitätssicherung an den Schulen. Man wolle lediglich eine „Absenkung des Schulbildungsniveaus“ vermeiden. Es sind ­besagte Kinder der Unterschicht und Ausländerkinder, die als fleischgewordenes Symbol für diese Absenkung gelten. Gemeinsames Lernen mit ihnen ist für viele Eltern allenfalls für vier Jahre Grundschule vorstellbar – was darüber hinaus geht, wird als Zumutung betrachtet. Bei einer Demonstration der Initiative im Februar ließ sich ein Vater fernsehwirksam aus: „Ein Arbeiterkind kann vom Kind eines Vorstandsvorsitzenden profitieren, aber nicht umgekehrt, und das ist nicht zu verantworten!“

Auch in Nordrhein-Westfalen bahnt sich Protest gegen die dort geplante Schulreform der rot-grünen Minderheitsregierung an. Hannelore Kraft von der SPD und Sylvia Löhrmann von den Grünen hatten sich gleichermaßen im Wahlkampf für ein gerechteres Schulsystem an Rhein und Ruhr ausgesprochen. Nun soll die Quote der Gemeinschaftsschulen bis 2015 auf 30 Prozent steigen – und wieder sind es die Eltern, die auf die Barrikaden gehen. Dabei waren die Ziele im Koalitionsvertrag eigens besonders offen und unkonkret formuliert worden, um einen „Schulkampf“ wie in Hamburg zu vermeiden. Doch wo es dem Gymnasium an den Kragen geht – sei es durch eine Verkürzung der Schuljahre „von unten“ oder gar durch Zusammenlegung mit anderen Schulformen – gibt es Geschrei.

Märchen der Leistungseliten

Dabei wird stets das alten Märchen der Leistungseliten neu erzählt. Vordergründig wollen die rebellierenden Eltern keine soziale Ungerechtigkeit im Schulsystem. Behaupten sie. Wer Leistungen bringt, der muss auch gefördert und belohnt werden. Was können bürgerliche Kinder dafür, dass die anderen so schlecht sind?

Wer so argumentiert, will sich nicht mit der Tatsache befassen, dass Kinder aus besserem Hause unabhängig von ihrer Leistung vier bis fünfmal häufiger den Weg auf das Gymnasium angeboten bekommen, als Kinder aus unteren Schichten. Eine Ghettoisierung der Bildungsarmen nehmen sie in Kauf, wenn ihre Kinder so wie sie selbst ganz vorne in der Gesellschaft stehen können. „Ein von X steht nicht im zweiten Glied. Das gibt es überhaupt nicht,“ lautete ein Beitrag zur Bildungsdebatte eines aus ostelbischem Adel stammenden Personalberaters. Es sind nicht Leistungseliten, die hier kämpfen, es ist die Herkunftselite.

Katrin Rönicke ist Autorin und schreibt unter anderem für die maedchenmannschaft.net

Kommentare (49)

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Ehemaliger Nutzer 17.07.2010 | 12:54

Hoffentlich hat die Aufklärungsarbeit über diese ganz üble Elitenkampagne dann doch Wirkung gezeigt. Dere Vernebelungstaktiken haben ja dann doch viele Hamburger dazu veranlasst entgegen ihrer eigenen Interessen, sich für einen Volksentscheid auszusprechen.

Was allerdings als "positiv" zu betrachten ist, im Zuge der Schuldebatte haben die Eliten gezeigt wie sie wirklich denken, sozialrassistisch und zu tiefst angewiedert von den nicht "erfolgreichen" Menschen. Dass es sich nicht um Einzelmeinungen handelt demonstriert ja vor allem der breite Rückhalt von "Wir wollen lernen" bei den Hamburger Reichen.

Die Denkweise dürfte in anderen Millionärsfamilien ähnlich sein. Deren Verachtung für Demokratie, Solidarität und ökologischer Nachhaltigkeit spiegelt sich täglich in der geleisteten Lobbyarbeit.

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Ehemaliger Nutzer 17.07.2010 | 13:03

Vermutlich ist den Herrschaften ihre eigene begrenzte Sichtweise nichteinmal bewusst. Mich verwundert vor allem, dass sie scheinbar glauben ohne diese Menschen würde es ihnen auch so prächtig gehen. Auch verblüfft mich, dass diese häufig Studierten Personen nicht begreifen das stabile Gesellschaften eine gewisse Chancengleichheit und Gerechtigkeit benötigt um funktionieren zu können.

wilko0070 17.07.2010 | 14:07

"Ein Arbeiterkind kann vom Kind eines Vorstandsvorsitzenden profitieren, aber nicht umgekehrt, und das ist nicht zu verantworten!"

Was dabei vergessen wird ist natürlich, dass Arbeiterkind und das Kind eines Vorstandsvorsitzenden zu derselben Gesellschaft gehören.

Dieses separatistische Denken und die damit verbundene Zugangssperre zu höheren gesellschaftlichen Positionen ist m. E. der Hauptgrund für das gegenwärtige NIveau der deutschen Spitzenkräfte. Man muss sich nur einmal umschauen, was sich mittlerweile an der Spitze der Gesellschaft gesammelt hat: "Intellektuelle" wie Sloterdijk, Manager wie Middelhoff, "Forscher" wie Sinn, Politiker wie Westerwelle, Journalisten wie Poschard etc.

Ich habe Deutschland 2005 verlassen und glaube, dass das Land langfristig vor einem Niedergang in erster Linie aufgrund der "spätrömischen Dekadenz" ihrer Elite steht.

PS: Ich halte den "Freitag" für die einzig größere deutsche (Wochen-)Zeitung, die man überhaupt noch lesen kann. Alles andere strotzt vor Häme, Dummheit, Hetze etc.

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Ehemaliger Nutzer 17.07.2010 | 19:09

Ich teile diese Ansicht über Deutschland. Sowohl was das Bildungssystem insgesamt betrifft, welches in der Masse massiv an ihrer ehemaligen Qualität einbüßt hat. Als auch der Umgang miteinander und das regelrechte ausblenden der acht Millionen Menschen die in Armut (relativ zum mgl. westlichen Standard und seinen Möglichkeiten für Kultur, Bildung und Reisefreiheit) leben. Jahaa liebe Optimisten und rosa-Brillenträger soviele Arme gibt es in Deutschland dazu gehören Hartz IV Empfänger, Renter, Niedriglohnjobber und teilweise auch Studenten. Und das bei einem gigantischen Geldvermögen von 4,6 Billionen Euro, wie der Bundesverband Deutscher Banken ermittelte.

Nur wohin soll man gehen frag ich dich wilko? In Bezug auf die sozialen und gesundheitlichen Auffangnetze geht es diesem Land, im internationalen Maßstab betrachtet, noch sehr gut.

Die Einzigen welche mir in den Sinn kommen sind die Franzosen und die durch Öl reichgewordenen skandinavischen Länder, nur die wissen was los ist und lassen logischer Weise auch nicht mehr jeden ins Land.

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Ehemaliger Nutzer 17.07.2010 | 20:28

Es sind Berichte wie diese welche die vor Augen führen
Neutralität des ÖR

Oder aber die Art und Weise mit der unser neuer Regierungssprecher Steffen Seibert "entstanden".

Die Analysen von Media Perspektiven (MP) und Arbeitsgemeinschaft Landes-Medienanstalten (ALM) ist auch zu entnehmen das politische Berichterstattung verflacht und Nachrichten vom Ticker und PR Agenturen 1:1 ohne Recherche übernommen werden.

Die Zusammensetzung der Rundfunkräte hat mit dem Rauswurf des ZDF Chefintendanten gezeigt wessen Kind sie sind.

Ich habe drei Semester am Fachbereich Politikwissenschaften der FU Berlin studiert und den Focus auf die Deutsche Medienlandschaft gesetzt. Auch in anderen FC Debatten konnte schon ziemlich herausgestellt werden, dass die ÖR weder neutral noch all zu tiefe Ursachenjournalistik betreiben. Die Darstellungen der Nachdenkseiten.de gehen mit meinem Wissen konform.

Natürlich muss man dazu sagen, dass die politikwissenschaftliche normativ ist. Also sich an "neutraler" Informationsvermittlung und Erklärung orientieren. (Bitte jetzt keine Diskussion darüber anzetteln wollen, wie Medien, warum was wann unter welchen Maßstäben usw.)

Wie bei den meisten Reportagen so liegt auch hier Symptomberichterstattung vor und wenig Hintergrundinformation nach dem Ursache-Wirkungsprinzip. Sowas lässt sich auch nicht
verkaufen.

j-ap 17.07.2010 | 21:16

Es ist immer wieder dieselbe quänglerische Leier: An der »Mehrgliedrigkeit« des Schulsystems stößt den Protestlerkomitees wie schon so viele Male zuvor eigentlich nur sauer auf, daß die Schule die Lernenden nach einem Muster sortiert, das manchem nicht paßt.

Doch was wäre, mal genau gefragt, eigentlich erreicht, wenn alle Schüler ausnahmslos in ein und derselben Schule nach ein und denselben Grundsätzen traktiert würden? Wäre das tatsächlich die Gleichheit, die sich anders buchstabiert als gleiche Verdummung bei selbstverständlich weiter fortbestehender Selektion durch Punkte und Noten? Und wenn gar Schluß wäre mit der Selektion nach den ersten vier Schuljahren, der Weg zum Abitur tatsächlich jedem und jeder offenstünde? Dann ginge doch nur das Hauen und Stechen um die bestbezahlten und auskömmlichsten Fressnäpfe der Republik lediglich etwas später los, an der Uni und auf dem Arbeits»markt«, da dann aber erst so richtig! Daß die besser bezahlten Führungspositionen in Staat und Wirtschaft von vornherein nur einer Minderheit zustehen, scheint gar nicht erst als Stein des Anstoßes in Betracht zu kommen. Hauptsache, es gehören fürderhin ein paar Quoten-Unterschichtler zu dieser Minderheit, dann ist ja schon viel für die »soziale Gerechtigkeit« getan, nicht wahr?

Eigentlich ist es ja ein Treppenwitz, der an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten ist: Da stellen sich die »Kritiker« der derzeitigen staatlichen Bildungspraxis allen Ernstes hin und erklären lang und breit, wo's zum Himmel stinkt, nur um am Ende mit einem Plädoyer für die soeben kritisierte staatliche Bildungspolitik aufzuwarten und lediglich eine Ausweitung der Kampfzone auf alle zu fordern. Im Schoß des Staates fühlt man sich eben immer noch am wohlsten. Aber warum sollen ausgerechnet die Vorsteher staatlichen Bildungs-Gulags für solche Forderungen zugänglich sein? Eben diese staatlichen Stellen waren es doch, die sich bisher mit der Repression des kritischen Nachwuchses und seiner frühzeitigen Zurichtung auf Beherrsch- und Verwertbarkeit ganz besonders hervorgetan haben! Warum sollen ausgerechnet diese Damen und Herrn adäquate Ansprechpartner sein?

Aber am Schluß muß man wohl festhalten, daß die Forderungen nach Primar-, Gesamt-, Einheitsschule oder wie immer sie gerade heißen mögen nichts anderes sind als die kundgegebene Enttäuschung darüber, daß die bisherige Staatsschule den eigenen Konkurrenzidealen nicht so zu Diensten ist, wie die Kritiker das von ihrem Staat erwarten.

derDonnerstag 18.07.2010 | 00:02

"Ein Arbeiterkind kann vom Kind eines Vorstandsvorsitzenden profitieren, aber nicht umgekehrt, und das ist nicht zu verantworten!"

Vergessen - oder besser gesagt: ausgeblendet - wird dabei vor allem, dass Kinder von Vorstandsvorsitzenden nicht per se intelligenter oder fleißiger sind als Arbeiterkinder. Somit enthüllt diese Aussage sehr schön das Denken der Herkunftselite: auf solche Eigenschaften soll es bei der Zuweisung gesellschaftlicher Positionen nicht ankommen. Entscheidend sollen Herkunft und Habitus sein. D.h.: es soll so bleiben wie es ist.

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2010 | 00:47

Wahr gesprochen j-ap, leider.

"Daß die besser bezahlten Führungspositionen in Staat und Wirtschaft von vornherein nur einer Minderheit zustehen, scheint gar nicht erst als Stein des Anstoßes in Betracht zu kommen." Weil die Öffentlich-Rechtlichen es eben nicht mehr als ihre Aufgabe betrachten Hintergründe aufzuklären, sondern mit der relativ kleinen Story großen Populismus zu betreiben.

Jeder erregt sich über die Reichen (inklusive mir), aber nur die wenigsten stellen die Gesamtheit dieses völlig außer Kontrolle geratenen Systems in Frage. Ich erinnere Sie im Zuge dessen an den kurzen Diskurs über Patentrechte insbesondere im pharmazeutischen Bereich.
Dieses System hat nichts mehr mit Effizienzsteigerung oder Fortschritt (was auch immer die westliche Wertegesellschaft darunter vorstellen mag) zu tun.

Mit spätrömischer Dekadenz vollziehen die reichen Herrschaften genau das, was früher (in manchen wirren Geistern auch noch heute) dem jüdischen Volk unterstellt wurde. Vetternwirtschaft, aussaugen der Arbeitskräfte und Unterwanderung demokratischer Herrschaftssysteme mittels geldstrotzendem Lobbying.

Nach meinem Wunschdenken sollte in sehr kleinen Klassen max. 10 Schüler bis zur 13. Klasse, unterrichtet werden. Ja richtig gelesen, ich wäre sogar noch dreister und würde behaupten aufgrund der Wissensgesellschaft müssten sogar 14 Schuljahre herhalten. Denn momentan wird immer Oberflächlicher ein maximum an Input geliefert. Vor Jahren schon konnte die Neurobiologie an Aplysia regelrecht beweisen wie Langzeitgedächtnisbildung funktioniert. Die Nervenbahnen müssen immer und immer wieder stimuliert werden. Mit Multiplechoice Tests und zwei Wochen Powerlearning funktioniert das nicht. Das die Erkenntnis zwar insgesamt sehr alt ist und jeder an sich selbst feststellen kann wie sein Gedächtnis in bestimmten Bereichen nachlässt, untermalt ja nur diese wissenschaftlichen Befunde.

Es sollte daher sogar möglich sein lebenslang zu lernen, mit entsprechend angepasster Form der Lehrstoffvermittlung. Aber das ist nur eine kleine Utopie von jemanden der die Ideale von Alexander und Wilhelm von Humboldt vertritt.

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2010 | 01:43

Das ist überwiegend zustimmenswert,jap, was Sie da schreiben.
Das die große Mehrheit auf der bescheidenen und anständigen Einbahnstrasse „des Lebens“ landet, ist genau so vorgesehen und kann und soll sich auch gar nicht ändern, wenn die staatliche Selektion „erst“ mit dem 6. Schuljahr beginnt.
Das hier in Hamburg ist ein ideologischer Streit zweier konkurrenter Positionen, die sich in ihrer bildungsrassistischen Grundposition über die Notwendigkeit der Selektion und Sortierung des Nachwuchses mittels und durch „Bildung“ völlig einig sind.

Völlig einig sind sich auch beide Parteien, was den Kern pädagogischer Ideologie angeht:
eine Logik rassistischen Denkens, die sich von ihren äußeren Merkmalen und Maßstäben einer sozialen Sortierung verabschiedet hat, um diesen brutalen Zynismus sehr effektiv auf ein Merkmal also einem Maßstab zu reduzieren. Mit dem Begriff der „Begabung“ kam eine unschuldige Größe in die herrschaftliche Welt, die ganz ohne Schädelvermessung und Hautfarbe IHRE Auslese rechtfertigen kann. Was aus einem dann später mal wird, ist dann unter dieser universalrassistischen Prämisse (auch bei gaaahhhnnnz viel „Chancengleichheit“, wie bei den staatlichen Reformern hier in Hamburg und da ganz besonders) immer Resultat seiner unterstellten ureigenen Natur.

Das aus der überwiegenden Mehrheit der Menschen auch das wird was dann letztlich aus ihr wird, liegt dann nicht in erster Linie am Vorhandensein von Eigentum als vermehrungsfähige und selbsttätige Geldquelle, sondern an dem, was angeblich "in ihr steckt“: die zweckmäßig eingerichtete Herrschaft mit ihrer Berufs – und Lohnhierarchie quasi als Äquivalent und Dienstleistung am benutzten Humankapital. Mit der tatsächlichen und vielfältigen Unterschiedlichkeit der Menschen hat dieses Verfahren nur soweit zu tun, dass diese bei Bedarf für kapitale und öffentliche Zwecke weidlich ausgenutzt wird – was der Mehrheit bekanntlich alles andere als gut bekommt.

Dass also das mehrheitliche globale wie nationale „zu Kurz Kommen“ einem „zu Kurzen Verstand“ der „zu Kurz Gekommenen“ geschuldet ist, ist das interessierte Gerücht einer sattelfesten und staatlich allgemein verbindlich gemachten ökonomischen und politischen Herrschaft.
Dass sich die „zu Kurz Gekommenen“ diesen modernen Rassismus einleuchten lassen und zu ihrer „zweiten Natur“ werden lassen, macht ihn so erfolgreich, überlegen und wesenhaft im Dienst demokratischer HERRSCHAFT.

mahung 18.07.2010 | 17:09

Für alle diejenigen die es interessiert. Ich hatte Ende des Jahres 2009 in einem kleinen BLOG-Beitrag die Hamburger Dünkel-Misere aufgegriffen. Nun kommt es wohl bald zum Abschluss. Ich denke aber, eingedenk der hier gelesenen guten Kommentare, dass es ziemlich gleich ist, wie das in Hamburg ausgeht. Die Herkunft der Sprösslinge und Sprösslinginnen wird weiterhin entscheidender Faktor bezüglich "Bildungschancen" bleiben. Leider. Das System ist starr und der Klassenkampf von oben nach unten bisher eine sehr ungleiche Geschichte.

www.freitag.de/community/blogs/mahung/hamburger-bildungsbuerger

Nelly 18.07.2010 | 19:55

Liebe Frau Rönicke,
wir hatten ja an anderer Stelle schon einmal über ein ähnliches Thema diskutiert. Sie hatten am Schluß konstatiert, daß wir möglicherweise nicht so weit voneinander entfernt seien. Ich konnte innerhalb einiger Tage nicht darauf antworten, und so war das der Schlußpunkt gewesen. Aber ich geben Ihnen recht - in jener Diskussion waren wir letzten Endes fast einig.
Hier aber tun sich für mich neue Gräben auf. Immer wieder dieselben Platitüden und Feindbilder. Ich frage mich, will man eigentlich wirklich ein gerechteres Bildungssystem oder vor allem seine Ressentiments pflegen. Der Schulstreit in Hamburg wäre eine gute Gelegenheit gewesen, Menschen für eine Reform zu gewinnen. Es geht nun einmal nicht ohne die gebildeten Eltern ! Nehmt sie gefälligst ernst ! Ihr braucht sie doch, und ihr wollt doch ihre Kinder in den Schulen für alle halten, oder ? Die Zuschreibungen und Beschimpfungen, die hier und an anderer Stelle immer wieder laut werden, geben den Eltern heutiger Gymnasiasten in ihrer Befürchtung recht - ja, offensichtlich richtet sich die Reform gegen ihre Kinder.

wwalkie 18.07.2010 | 22:20

"Es geht nun einmal nicht ohne die gebildeten Eltern!" Quelle phrase! Geht es also ohne die "ungebildeten" Eltern? Geht es ohne Eltern? Geht es mit Alleinerziehenden mit Hartz IV? Für die die Lehrer die Anträge auf Zuschuss für die nächste Klassenfahrt stellen?

Da Sie gebildet sind, kennen sie sicherlich Wilhelm Liebknecht. Für die ungebildeteten Eltern: Das ist der Vater von Karl Liebknecht, der von "gebildeten" Freikorpsmördern (oft adliger Herkunft) umgebracht wurde, auch weil er wie sein Vater Bildung für alle wollte. Wilhelmn Liebknecht hielt 1871 vor einem Arbeiterbildungsverein eine berühmte Rede (die Sie deswegen als gebildete Mutter auch kennen). Er sagte in "Wissen ist Macht": "Volksbildung - das sind Volksschulen, in denen ALLEN Kindern (also auch denen der "gebildeten Eltern") der BESTMÖGLICHE Unterricht gespendet wird."

Sie glauben als gebildete Frau und Mutter doch nicht im Ernst, dass dies im Jahre 2010 bei uns der Fall ist. Sind die Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien, Gesamtschulen und Förderschulen die Garanten des "bestmöglichen Unterrichts"? Das glauben Sie selber nicht, weil Sie es besser wissen. Natürlich ist das Gymnasium das Entrée in die "bessere Gesellschaft". So war es, ist es - und wird es wohl bleiben. Natürlich sind die anderen Schulformen - wie Sie wissen - die Anstalten für die Kommodifizierung der Ware Arbeitskraft, von der wir alle profitieren. Vor allem, wenn die Schüler lernen, was Bertelsmann vorgibt und evaluieren lässt.

Um Sie zu beunruhigen. Liebknecht, dieser Sozi, ging noch weiter: "Wer da will, dass das Wissen Gemeingut wird (wollen Sie doch, oder?), muss auf die Umgestaltung des Staats und der Gesellschaft hinwirken" (wollen Sie wohl weniger, hein?).

Um Sie zu beruhigen. Die Gesellschaft reproduziert sich auch über ein System von Einheitsschulen. Frankreich beweist es. Insofern wird das Abendland nicht untergehen. Und der Blick auf die Elbe bleibt unverbaut.Garantiert.

Um Sie noch mehr zu beruhigen. Die "Gebildeten" Hamburgs können ruhig weiter schlafen. Wie ich gerade höre, bleibt alles beim Alten.

j-ap 18.07.2010 | 22:52

Das Ergebnis dieses mit aller Not gut reformistischen Programms der alten Sozialdemokratie ist ja nun hinlänglich bekannt, wobei insbesondere nach dem Auftauchen der Grünen klar sein sollte, daß es mit »Wissen ist Macht« und »Chancengleichheit statt Elitenbildung« schon deshalb nicht sonderlich weit her sein kann, weil sich die, die sich dermaleinst aufmachten, dem schnöden Dünkel in Person und Institution abzuhelfen, längst selbst zu einer Staatsfunktion gemacht haben.

Das unheimlich gute Gewissen, den sozialen und demokratischen Fortschritt zu befördern und dafür selbst befördert zu werden, also zugleich »Staatsfeind auf dem Lehrstuhl« zu sein und den Staat trotzdem zum Dank zu verpflichten, revoltierte nämlich in Wirklichkeit gar nicht gegen die gesellschaftlichen Zustände, sondern nur gegen ihren technokratischen Ausverkauf, der einem schon deshalb nicht ganz geheuer sein konnte, weil man ja auf's eigene Staatsgehalt schon einen Abzahlkredit aufgenommen hatte.

Was schlägt Herr Oberstudienrat also vor?

Nelly 19.07.2010 | 00:21

Bemerkenswert (und typisch, leider !), daß in einer Diskussion über Bildung das Wort "gebildet" einen Reiz darstellt, der reflexartig einen Schwall von Unterstellungen hervorsprudeln läßt, die sämtlichst mit meiner Person nichts zu tun haben.
Zu Ihrer Beruhigung: Ich bin leider nicht einmal Mutter.

Wer sich meinen Kommentar durchliest, kann sehen, daß es mir um einen Erfolg derartiger Schulreformen geht -der nunmal nicht gegen die besser Gebildeten durchsetzbar ist. Es sind sicherlich nicht nur Angehörige der "Herkunftselite" mit "Klassendünkel", die Vorbehalte gegen die Reform haben.
Wenn die Primarschule tatsächlich besseren Unterricht für alle Kinder bietet, hätte man das explizit auch so für die heutigen Gymnasiasten formulieren müssen.
Bei mir zum Beispiel ist nicht so richtig angekommen, was für Kinder, die sonst aufs Gymnasium gekommen wären, an der Primarschule tatsächlich besser geworden wäre.

Das interessiert Sie nicht ? Es ist nicht nötig, daß sich für diese Kinder etwas verbessert ?
Nun denn - vorwärts zur nächsten Niederlage im Kampf für eine gerechtere Schule !

derDonnerstag 19.07.2010 | 03:41

@Nelly
"Bei mir zum Beispiel ist nicht so richtig angekommen, was für Kinder, die sonst aufs Gymnasium gekommen wären, an der Primarschule tatsächlich besser geworden wäre."

Bei mir irgendwie auch nicht. Im Grunde hätte die Frage aber eher lauten müssen, was für alle Kinder besser geworden wäre, meine ich. Da bleibt eigentlich nur, dass die Festlegung auf eine Schullaufbahn dann zwei Jahre später erfolgt wäre, Spätzünder also bessere Karten gehabt hätten. Für mich hätte das schon gereicht, um für die Schulreform zu stimmen, auch ohne die arroganten Herrenmenschen der Reformgegner zu Gesicht bekommen zu haben.
Eine wirklich einschneidende Reform wollte aber sowieso niemand. Vermutlich weil es Geld gekostet hätte. Die Schüler in skandinavischen Ländern schneiden sicher nicht (alleine) deswegen besser bei Pisa ab, weil sie länger gemeinsam lernen. Die deutlich bessere Bildung dort dürfte vielmehr auf kleine Klassen und auf Lehrer zurückzuführen sein, die den einzelnen Schüler mit seinen Stärken und Schwächen im Blickpunkt haben und gezielt fördern. Solche Lehrertypen, wie ich sie selbst noch erlebt habe, die noch stolz darauf sind, dass bei ihnen besonders viele Schüler eine 5 oder 6 auf dem Zeugnis bekommen, dürften dort wohl nahezu unbekannt sein.
Und ich finde, man darf durchaus die Frage stellen, ob eine Reform, die außer einer um zwei Jahre verlängerten Primarstufe wenig zu bieten hat, tatsächlich zu Verbesserungen (für alle Schüler, leistungsstarke wie leistungsschwache) führt.

derDonnerstag 19.07.2010 | 04:32

Kleine Ergänzung: Um bessere Bildung ging es den Reformgegnern von "Wir wollen lernen" natürlich noch viel weniger als den Befürwortern. Wozu auch? Die Pfründen der Herkunftselite lassen sich im bestehenden System ja prima sichern.
Der Hauptgrund aber, weshalb ich das gescheiterte Reformvorhaben in jedem Fall unterstützt hätte - wenn ich denn Hamburger wäre -, ist aber:
Je länger Schüler gemeinsam lernen, umso größer der Druck, sich für bessere Bildung, moderne Unterrichtsmethoden, mehr Lehrer, kleinere Klassen einzusetzen. D.h. der Druck auf die einflussreichen "bürgerlichen" Kreise, im Interesse ihrer eigenen Kinder. Nur dass dann eben auch die Kinder der anderen notgedrungen davon profitieren würden.
Noch besser fände ich es, Privatschulen und -universitäten - jedenfalls solche, die Gebühren verlangen - zu verbieten. Der Sturm der Entrüstung unserer angeblich so bildungsbeflissenen "Elite" wäre kaum auszudenken. Doch vermutlich würde unsere politische "Elite", auch im Interesse ihrer eigenen Kinder, dann zügig Milliardensummen in die Bildung stecken. Was bei den notleidenden Banken möglich war, plötzlich wäre es auch zur Sicherung unseres "wichtigsten Rohstoffes" möglich.
Eine schöne Utopie, wie ich finde, doch leider wird sie wohl in diesem Jahrhundert nicht mehr Wirklichkeit werden. In Deutschland jedenfalls nicht.

weinsztein 19.07.2010 | 04:57

Werter Technixer,

Du wirfst alles Öffentlich-Rechtliche in einen Topf und rührst drin rum, egal ob ARD. ZDF, die "dritten" Programme, Phönix, arte, 3sat. Und da entdeckst Du nur "Symptomberichterstattung" und wenig Hintergrund?

Sehe ich ganz anders. Viele Menschen in anderen Ländern beneiden uns und hätten gern mehr Öffentlich-Rechtliches und weniger privates Gesocks-TV.

Die Beiratsgremien der öffentlich-rechtliches Sender werden personell von Massenorganisationen bestückt. Bei der Entsendung in diese Beiräte mangelt es oft an Sorgfalt. Hier könnte man ansetzen. Manche Redaktion in öffentlich-rechtlichen Sendern hofft darauf. Und andere öffentlich-rechtliche Redaktionen preschen immer wieder vor, bis sie -nach Anlass - zurückgepfiffen werden.

Du machst es Dir zu einfach.

wwalkie 19.07.2010 | 11:01

Der "Herr Oberstudienrat" beantragt (Ordnung muss sein!), dass der Schüler Josef zwar oft vorschnell und zudem manchmal ad hominem argumentiert, andererseits aber durchaus über Kenntnisse und Fähigkeiten verfügt - sogar gewisse Kompetenzen in Latein aufweist, so dass man dieses eine Mal doch vielleicht eventuell noch, wenn auch mit Bedenken, großen sogar, von der eigentlich notwendigen Wiederholung der Jahrgangstufe absehen könnte. Zumal er über ein "gebildetes Elternhaus" verfügt und wir als Gymnasium nicht in den Verdacht kommen sollten, Kinder aus "gutem Hause" zu benachteilen. Ich sage nur: Hamburg!

hansi 19.07.2010 | 12:04

Wie sich Kinder entwickeln hängt in Vielem auch von der Profesionalität
des dafür bezahlten Lehrers ab. Welchem Lehrer wird das Gehalt gekürzt
wenn er wie ein Arbeitsnehmer/Vorstand Ausschuss produziert (hier
messbar an der Anzahl der Sechsen und Sitzenbleiber in seinem Fach )?
Schüler werden ja auch mit Sechsen und Sitzenbleiben gestraft.

GrünDonnerstag 19.07.2010 | 14:25

Vielleicht ist es auch diskussionswürdig, ob man Entscheidungen solcher Qualität überhaupt zur Volksabstimmung stellen sollte.
Denn, wie sich gezeigt hat, war die Wahlbeteiligung bei den "nobleren" Stadtteilen doppelt so hoch wie jene in den - von der Schulreform ja am ehesten betroffenen - "sozialen Brennpunkten".
Sicherlich mag es an der Mobilisierungskraft gelegen haben, doch will man die verkrusteten Strukturen der Beharrungskräfte wirklich durchbrechen, muss ein demokratisch legitimierter Senat so etwas auch gegen Partikularinteressen(!) durchdrücken.
Wie sich Herr Scheuerl öffentlich darzustellen versuchte, war ja nur verkaufbare Maskerade. Im Panoramabeitrag erkennt man, unabhängig vom modus operandi ja die Meinungen der Herkunftselite. Am schärfsten ja sicherlich die Bemerkung über das "akademische Proletariat".

Nelly 19.07.2010 | 15:58

Genau so etwas hatte ich erwartet: Wenn eine Abstimmung nicht das erwünschte Ergebnis bringt - am besten weg mit der Möglichkeit, überhaupt abzustimmen !

Und was die "Partikularinteressen" angeht - ich möchte mal von einer Kontroverse hören, in der die Interessen nicht irgendwie "partikular" sind.

"Durchdrücken", ja, das hatten wir schon, und nicht nur einmal. Mir persönlich reicht's.

GrünDonnerstag 19.07.2010 | 16:31

Darum geht es ja nicht. Aber es ist doch wichtig, einen solchen Volksentscheid ergebnisoffen zu evaluieren.
Wenn wir morgen über schärfere Strafen für Kindesmissbrauch abstimmen, bekommt man gigantische Mehrheiten, zielführend ist es nicht.
In Kalifornien haben die Bürger für einen Steuerstopp votiert. Das ist politischer Unsinn, aber direktdremokratisch. Und mit der Schule verhält es sich ähnlich.
Und wenn Volksentscheide nicht fernab von Partikularinteressen entschieden werden können, dann sollte man sich Gedanken darüber machen.
Wohin das führt, das kann und will ich nicht beantworten. Den Volksentscheid und mehr direkte Demokratie als Allheilmittel hinzustellen, finde ich nicht gut.

B.V. 19.07.2010 | 16:37

Sehr gut gesagt!

"...Doch was wäre, mal genau gefragt, eigentlich erreicht, wenn alle Schüler ausnahmslos in ein und derselben Schule nach ein und denselben Grundsätzen traktiert würden? Wäre das tatsächlich die Gleichheit, die sich anders buchstabiert als gleiche Verdummung bei selbstverständlich weiter fortbestehender Selektion durch Punkte und Noten? "

Eben, und das alles wird überhaupt nicht mehr hinterfragt, Hauptsache Gleichmacherei und alles in Reih Glied.
Wo bleibt da die individuelle Förderung von Begabungen? Das Eingehen der Lehrer auf eben diese, bei den Kindern. Wozu Punkte und Noten?, - um weiterhin eine negative Selektion zu betreiben und idiotische Lehrpläne, in knappen Zeitfenstern und Stoffüberfülle, erfüllen zu können.

koslowski 19.07.2010 | 16:41

@nelly 22:21
"daß es mir um einen Erfolg derartiger Schulreformen geht -der nunmal nicht gegen die besser Gebildeten durchsetzbar ist." - "Nun denn - vorwärts zur nächsten Niederlage im Kampf für eine gerechtere Schule !

Ich stimme beiden Sätzen zu. Glaube allerdings nicht, dass sich eine Mehrheit der "besser Gebildeten" durch bessere Argumente und Konzepte für die sechsjährige Grundschule hätte gewinnen lassen, denn es geht um den Fortbestand der Privilegien beim Zugang ihrer Kinder zu den höheren Bildungsabschlüssen und um den Schutz der eigenen Brut vor den "Schmuddelkindern".

Da es gegen die "besser Gebildeten" nicht geht, muss sich der "Kampf für eine gerechtere Schule", jedenfalls für ein gerechteres Schulsystem, einstweilen auf das beschränken, was die "bürgerlichen Herkunftseliten" in Hamburg für tolerabel halten: ein zweigliedriges Schulsystem mit grundständigem Gymnasium und "Stadtteil/Regional-Schule", die alle Abschlüsse incl. Abitur vergeben darf.

Das ist nicht wenig, wenn man die schulpolitischen Fronten der Vergangenheit und die Wirklichkeit in vielen alten Bundesländern betrachtet. Vielleicht wird man bald dieses Minimum gegen jene verteidigen müssen, die die gemeinsame vierjährige Grundschule für einen "alten Hut" und für "sozialistische Gleichmacherei" halten, die Gegenstand von Volksbegehren und -entscheid werden müsse.

l

Nelly 20.07.2010 | 12:11

Ich glaube nicht, daß sich jemand gewinnen läßt, dessen Kinder als "Brut" bezeichnet werden. Ich würde mich jedenfalls nicht von jemandem, der meinem Kind gegenüber feindselig eingestellt ist, überzeugen lassen, ihm dieses zu überlassen !
Das ist etwas, was sich wie ein roter Faden durch die ganze Diskussion gezogen hat.
Sollte in zukünftigen Auseinandersetzungen vermieden werden.

koslowski 20.07.2010 | 13:14

@nelly 10:11

Ich habe meine drei Töchter, meine drei Enkelkinder und die Kinder und Jugendlichen in meinen Klassen/Kursen gelegentlich auch als "meine Brut" bezeichnet. Trotzdem liebe ich sie und trotzdem habe ich in den letzten vierzig Jahren als Lehrer am Gymnasium alle meine Schülerinnen und Schüler, ob Kinder des bedeutendsten Puddingherstellers am Ort oder aufstiegsorientierter deutscher Facharbeiter oder Migrantenfamilien, geachtet und nach Kräften gefördert.
Schade, dass Sie Bildungsgerechtigkeit für "Heckmeck" halten und außerdem humorlos sind.

Fritz Teich 20.07.2010 | 14:55


Wohin das führt, das kann und will ich nicht beantworten. Den Volksentscheid und mehr direkte Demokratie als Allheilmittel hinzustellen, finde ich nicht gut.

>>

Weil jede Entscheidung mit zig anderen zusammenhaengt, gleichwohl gibt es Volksentscheide in der Schweiz und woanders auch. Besonders speziell ist die Schweiz im Uebrigen nicht. Die haben das nur schon lange drauf, Calvin etc, was ja mal revolutionaer war. Siehe auch unsere Hugenotten. Die zur Abstimmung zu stellende Frage muss nur vernuenftig sein, was ja auch jeder bei der Abstimmung ueberlegen wird.

Man koennte ja mal eine Synapse der einschlaegigen Regelungen ueber Volksbegehren in den 16 Laendern und auf kommunaler Ebene zusammenschreiben, mit Tabellen in openoffice geht sowas relativ leicht, man kanns auch schoen als HTML exportieren.

Fritz Teich 20.07.2010 | 15:06


Denn, wie sich gezeigt hat, war die Wahlbeteiligung bei den "nobleren" Stadtteilen doppelt so hoch wie jene in den - von der Schulreform ja am ehesten betroffenen - "sozialen Brennpunkten".
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Das ist eben wieder ein Zeichen dafuer, dass die Menschen NICHT gleich sind. Oder fuer schlechte Propaganda, ein falsches Ziel, s.u.. Man stellt Gleichheit doch nicht dadurch her, dass man die "Leistungsfaehigeren" oder "Noblen" beseitigt. Man sollte sie anstaendig besteuern usw. Ansonsten muss das Schulsystem eben insgesamt durchlaessiger werden. Ohne Anstrengung gibt es ohnehin nichts. So eine Anstrengung hat es zu allen Zeiten gegeben. Geschenkt wird einem nichts. Es gibt auch DDR-Mythen, die stimmen einfach nicht.

GrünDonnerstag 20.07.2010 | 15:41

Leistungsfähigkeit ist auch bei längerem gemeinsamen Lernen möglich. Es ist drollig, dass von Reformbefürworten verlangt wird zu zeigen, dass ihre Vorschläge erwiesenermaßen besser sind als das, was sich schlechterdings als vollkommen schlecht herausgestellt hat.
Ein gegliedertes Schulsystem ist schlecht für die Durchlässigkeit und erhöht soziale Spaltung. Das ist en gros unumstritten.
Ob eine Gemeinschafts-, Einheits-, Primar- oder Sonstwieschule nun besser ist mag in Deutschland keiner wirklich beantworten können, denn jedweder Vergleich mit dem Ausland ist geradezu hanebüchen, da die ethnografische Zusammensetzung und also die Vorraussetzungen für ein Bildungssystem so diversitär sind.

Zum Volksentscheid: Ja, die Mobilisierung war schlecht, dennoch ist anzumerken, dass durch eine so weitreichende und alle betreffende Reform nun von einer - erwiesener Maßen - Minderheit gekippt wurde. Das ist nun mal nicht demokratisch, darüber muss man sich im Klaren sein.

Fritz Teich 21.07.2010 | 16:01


Leistungsfähigkeit ist auch bei längerem gemeinsamen Lernen möglich.
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Toll, aber soll ich denn von einem, der Muellmann werden will, verlangen, Latein zu lernen? Grober Quatsch. Und soll ich dem anderen verbieten, Latein zu lernen? Klassenfrage? Wenn man die Klassen fuer den Lateinunterricht so einfach trennen koennte, stellte sich das Problem nicht. Denn der Lateinunterricht oder was auch immer wirkt auch in die anderen Faecher, er hat sonst keinen Sinn.

j-ap 21.07.2010 | 16:41

Viele Menschen in anderen Ländern beneiden uns und hätten gern mehr Öffentlich-Rechtliches und weniger privates Gesocks-TV.

Daß uns die Restwelt ausgerechnet um die Allgemeinen Schundfunkanstalten beneiden würde ist nun wahrlich eine allzu steile These. Wenn überhaupt, dann beneidet man die Briten um die BBC, aber bestimmt nicht die Deutschen um ARD und ZDF, Phoenix und 3Sat hin oder her.

Noch immer handelt es sich um den fein nach regionalen Intendanzen und Proporzen byzantinisch gegliederten telegenen Staatszirkus, der zwar im Innern lediglich von Klüngeln und Parteiinteressen flottgehalten wird, aber nach wie vor der glotzenden Öffentlichkeit suggeriert, er könne den berühmten »Bildungsauftrag« tatsächlich wahrnehmen, den die Deutschen im Volksempfänger wähnen. Nicht, daß es bei den 'Privaten' besser wäre, ganz im Gegenteil. Aber die veranstalten erstens nicht ständig so ein geschmackloses Gewese um ihre angemaßten Volksbildungskompetenzen, sondern stellen ihren Primitivismus ganz unverhohlen zur Schau, und zweitens nehmen sie keine Zwangsgebühren.

Mehr als bezeichnend war in der Hinsicht der Schrei der Empörung, der das Land, besonders aber die sendende Kollegschaft, nach Nikolas Brenders Demission ergriff: Politische Einflußnahme! Übergriff auf den unabhängigen Journalismus! Degradierung der Sendeanstalten zu Parteiorganen! ... usw. usf. — man mochte ja seinen Ohren und Augen nicht mehr trauen. Dieselben bigotten Maulhelden, die nichts daran fanden, daß gebührenfinanzierte Moderatoren sich an die Industrie verkauften (oder gleich mit ihr ins Bett gingen), die den Mund nicht aufbekamen, als die Anstaltsherren zum eigenen Geschäftsvorteil untersagten, gebührenfinanzierte Sendeinhalte zeitlich unbefristet ins Netz zu stellen, die nicht ein leises Wort des Anstoßes darüber vernehmen ließen, daß redaktionelle und Werbeinhalte zunehmend ineinander übergehen, die sprangen nun für Brender in die Bresche.

Das peinliche Geblöke von Staatsfunkern kann man getrost vergessen. Mein Rat: Flimmerkiste aus, permanent.
GrünDonnerstag 21.07.2010 | 17:43

"Toll, aber soll ich denn von einem, der Muellmann werden will, verlangen, Latein zu lernen? Grober Quatsch."

Der Kommentar offenbar ein großes intellektuelles Defizit, dem ich gerne abhelfen möchte.
Eine Selektion mit zehn Jahren entbehrt jeder Rechtfertigung. Mit zehn Jahren weiß der spätere Müllmann oder Dr.med. noch nichts von seinem Glück.
Übrigens, wenn der Müllmann Latein lernen will, dann hat er darauf ein genauso hohes Anrecht wie derjenige, der von den Bildungsonanisten der Oberschicht dahin geprügelt wird.

Leistungsfähigkeit ist ein fließender, schwer zu definierender Begriff, es ist wohl die hehre Absicht, jedes Kind nach seinen Neigungen, möglichst breit zu bilden. Auch und nicht zuletzt sozial.

Regenwärmer 23.07.2010 | 02:57

Das Schulsystem und dessen Handhabung ist schon fast eine Schande.
Ich hatte das Glück lebenslang (insgesamt 22 Jahre) lernen zu dürfen.
Das wäre in diesem Staat nicht möglich gewesen.
Was ist daran so schlecht, wenn Kinder zusammen lernen bis in die 8. Klasse??
An meinen Enkeln sehe ich, was läuft: Ausfall von Stunden!
"Was habt ihr heut gelernt?"
"Nix Opi, wir haben Video geguckt!"
Die Geschichtslehrerin kennt nicht die grundlegendsten Geschichtszahlen, in Musik geht es um M. Jackson, aber Lieder aus dem deutschen Liedgut sind den Kindern nicht bekannt. Es sei denn, die Eltern.. aber die haben keine Zeit. Müssen arbeiten bis spät und dann noch weit fahren.
Gut, wer Omi und Opi hat, um das, was in der Schule nicht gelehrt wurde, nachzuholen.