Die Biedermeier-Aufklärung

Kolumne Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geht unserer Kolumnistin auf den Geist: Moralisierend, pauschalisierend, fast hysterisch – muss das wirklich so sein?

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) geht mir auf den Geist. Sie erinnert mich an eine Folge der Serie Michel aus Lönneberga. Ja, genau, dieser Astrid-Lindgren-Lausejunge. Michel isst aus Versehen alkoholisierte Kirschen und wird betrunken. Was seine Großmutter Krösa-Maja sofort in Lönneberga herumtratscht – es ist ein Skandal! Einen Tag später stehen sogenannte „Guttempler“ vor der Tür, die Michel dazu bringen, in einer öffentlichen Messe dem Alkohol abzuschwören. Dabei ist Michel weit entfernt von Alkoholismus! Diese christlich-moralistische Einstellung der Guttempler erinnert mich sehr an die BZgA.

Alkohol macht Männer zu Tätern

Zum ersten Mal wurde ich auf diese Einrichtung aufmerksam, als mir am Berliner U-Bahnhof Samariterstraße ihr Plakat zur Anti-Alkohol-Kampagne, „Kenn dein Limit“, ins Auge fiel. Darauf zwei Frauen und zwei Männer. „Coole, gediegene Partystimmung im Club“ – wie es heißt. Einer der Frauen wird unterstellt, „Sie lässt heute noch alle Hemmungen fallen“, und einem der Männer: „er stellt sie später nackt ins Netz“. Die Kampagne vermittelt unterschwellig die Botschaft, dass Frauen, wenn sie die Kontrolle verlieren, als Opfer enden und Männer zu Tätern werden. Diese Botschaft enthält ein Tabu von weiblichem Kontrollverlust. Zudem wohnt ihr, wie ich schon einmal an anderer Stelle im Freitag geschrieben habe, eine Selbst-Schuld-Suggestion inne, die zutiefst anti-emanzipatorisch ist.

Ja, wer zu viel Alkohol konsumiert, der schadet später vielleicht sich oder anderen. Alkohol macht mehr kaputt, als die meisten denken. So weit, so richtig. Aber ist der leicht puritanisch anmutende Ansatz der BZgA wirklich etwas, das in Zeiten von Flatrate-Partys und „Post-Privacy“ noch greift? Holt so eine Zeigefinger-Kampagne die anvisierte Zielgruppe da ab, wo sie steht?

Politisierte Moral? – nein danke!

Wie verhält sich ein „normaler Mensch“ am besten beim ersten Date? Ganz ehrlich: die Tipps auf den Seiten „Loveline“, einer Kampagne, die die BZgA extra für Jugendliche eingerichtet hat, lösen bei mir schlimmes Fremdschämen aus:

„Kleide dich so, dass du dich wohl fühlst. Versuch dich so zu geben, wie du bist und spiel deinem Gegenüber nichts vor. [...] Wenn du viel zu erzählen hast oder möglicherweise vor Aufregung ganz viel plapperst, versuch mal eine „Pause“ zu machen und auch die andere/den anderen zu Wort kommen zu lassen.“

Es ist dieser Versuch der „Erziehung zur Normalität“, der mich bei den Ratschlägen der BZgA so wütend macht. Es wird ein Fehlverhalten definiert, und ständig schwebt eine Anklage mit: Wenn du dich nicht so verhältst, dann bist du selbst schuld! Fehler und Widersprüche, Eskapaden, Exzesse, und Verrücktheiten – das alles wird einfach mit dümmlichen Ratschlägen weggewischt. „Sex und Alkohol – kein gutes Team“ - so lautet die einfache Ansage. Oder im Zusammenhang mit Sex und Internet: „Lass dir keine Fotos oder Filme schicken und versende auch keine von dir. Stell auch keine ins Internet.“ – Es ist alles so einfach, oder?

Die Alkoholaufklärung der BZgA ist genauso übergriffig wie ihre Sexualaufklärung. Sie ist das Produkt einer Politik, die eine nicht geringe Zahl von Menschen in der Bevölkerung als dumm und begriffsstutzig verschubladet. Das geht nicht nur an der Lebens- und Feier-Realität junger hedonistischer Menschen vorbei – es missachtet gesellschaftliche Entwicklung, die aktuellen Facetten von „Moderne“.

Kontrollverlust gehört manchmal dazu

Was ist moderne Aufklärung? Kant nennt es so: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ – aber wie soll der Ausgang aus Unmündigkeit funktionieren, wenn permanente Unmündigkeitsunterstellungen die Basis von Aufklärung sind? Wenn Mündigkeit von vornherein abgesprochen wird? Meine These lautet: Mündigkeit und Kontrollverlust schließen sich nicht gegenseitig aus.

Oder nehmen wir Adorno und Horkheimer, die Freiheit und Individualität in ihren Focus rückten. Die beiden haben in der Aufklärung (freilich: es geht vor allem um das Zeitalter der Aufklärung) gleichsam ihren eigenen größten Feind gesehen: Denn sie legt Menschen nur neue Ketten an, anstatt sie zu befreien. Nietzsche war ebenso zwiegespalten: Kaum einer konnte die komplexen und widersprüchlichen – oder gar unmoralischen! – Gefühlsleben der Menschen sehen und in Worte fassen wie er. Dieses Chaos, die Unkontrollierbarkeit. Aufklärung war für ihn daher auch eine Reduktion: Das Rationale gewinnt die Oberhand über das Menschliche.

Wie aber muss Aufklärung nun sein? Was kann die Politik denn tun? Sie muss undogmatisch und werturteilsfrei sein (Max Weber lässt grüßen). Kinder und Jugendliche wissen eben wirklich einige Dinge nicht: Erzählt es ihnen. Aber greift nicht derart in ihren Entscheidungs- und Erlebensfreiraum ein. Sie suchen – aber sie sind nicht dumm.

Aufklärung bedeutet, dass jemand etwas lernen kann, das er vorher noch nicht wusste. Lernen aber kann jeder Mensch nur selbst, das kann man nicht von außen bestimmen. Und verdammt: gerade in der Jugend gehört zu so einem Lernen oft genug das Ausprobieren. Eben genau die Fehler zu machen, die durch die Politik tabuisiert werden. Auf Gefahren hinweisen ist wichtig und richtig. Aber redet nicht weiter so an den Menschen vorbei. Nehmt sie endlich ernst.

Katrin Rönicke schreibt gerne, aber nicht nur, über Geschlechterdemokratie. Ihre Kolumne über Gender- und Bildungsthemen erscheint zweiwöchentlich, immer montags im Wechsel mit Verena Reygers Musikkolumne

15:00 06.06.2011
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

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